Neustadt Digitalisierung trifft Arme besonders hart
Herr Rothe, in der Tagesbegegnungsstätte Lichtblick startet ein neues Angebot unter dem Slogan „Armut ist analog“. Was genau meinen Sie damit?
„Armut ist analog“ verstehe ich weniger als Slogan, sondern vielmehr als Feststellung eines Problems. In unserer Arbeit sehen wir immer wieder, dass Menschen keinen Zugang zu digitalen Medien haben. Und selbst wenn, fehlt es ihnen häufig an grundlegenden Kompetenzen im Umgang mit diesen Geräten und dem Internet. Das führt zu einer gewissen Verdrossenheit, die mit einer höheren Anfälligkeit etwa für Desinformation oder Online-Betrug einhergeht.
Was sind die größten Hürden bei der digitalen Teilhabe? Betrifft das nur Ältere?
Natürlich spielt Altersarmut eine große Rolle. Ältere Menschen haben oft weniger Berührungspunkte mit digitalen Medien, was sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht. Aber auch Jüngere aus prekären Verhältnissen sind betroffen. Gerade regelmäßige Neuerungen – sei es ein Update, eine neue Oberfläche oder veränderte Sicherheitsanforderungen – stellen viele vor große Herausforderungen.
Warum werden Armutsbetroffene eher digital abgehängt?
Es sind vor allem Gewohnheiten. Viele Menschen haben sich vor Jahren entschieden, die digitale Welt nicht zu nutzen, sei es aus Desinteresse oder aus Angst vor der Komplexität. Sie bevorzugen den analogen Weg – Briefe schreiben, persönlich bei Ämtern vorsprechen, Festnetztelefonie. Das hat sich in ihrem Alltag etabliert. Doch es gibt auch strukturelle Probleme: Einen Internetanschluss zu Hause gibt es in etlichen Varianten. Viele schrecken vor den Abomodellen und den damit verbundenen Verpflichtungen zurück. Hinzu kommen die Kosten für die Anschaffung und Wartung eines Endgeräts und das regelmäßige Aufladen von Guthaben, auch wenn im Regelsatz der Grundsicherung rund 50 Euro für Post und Telekommunikation eingerechnet sind. Daneben spielen Sicherheitsaspekte, etwa durch komplizierte Mehrfachverifikationen, eine Rolle.
Laut einer Studie der Paritätischen Forschungsstelle von 2023 hat jeder fünfte Armutsbetroffene in Deutschland keinen eigenen Internetanschluss. Welche konkreten Nachteile ergeben sich daraus im Alltag Ihrer Klienten?
Die Nachteile sind enorm. Wir sehen es zum Beispiel im Gesundheitswesen: Viele Arztpraxen vergeben Termine nur noch online. Ohne Internetzugang und Endgerät ist es für Betroffene fast unmöglich, solche Termine selbst zu buchen. Sie sind auf Unterstützung angewiesen, etwa durch uns. Doch auch unsere Kapazitäten sind begrenzt. Ähnlich sieht es bei Ämtern aus: Digitale Terminbuchungen oder Antragstellungen benötigen zumindest mal eine E-Mail-Adresse. Auch Wohnungs- und Arbeitsmarkt finden fast ausschließlich im Internet statt. Menschen ohne Internetzugang oder digitale Kompetenzen haben da nahezu keine Chance. Und selbst wer vermeintlich „analoge“ Jobs wie im Handwerk oder auf dem Bau bekommt, braucht zunehmend digitale Fähigkeiten, weil Dokumentation, Arbeitszeiterfassung oder Auftragsvergabe mittlerweile über Tablets laufen. Wer hier nicht mithalten kann, hat es schwer.
Welche politischen Forderungen ergeben sich aus Ihrer Sicht aus dieser Problematik?
Das ist eine schwierige Frage, da wir uns als Lichtblick eher auf die lokale Ebene konzentrieren und keine politischen Forderungen im großen Stil erheben. Langfristig wäre es wichtig, Rückkopplungsschleifen zu schaffen, um kontinuierlich den Stand der Digitalisierung zu erfassen und Maßnahmen darauf abzustimmen. Es braucht kreative Lösungen, die die digitale Lücke schließen. Da begrüßen wir das Konzept der Digitalbotschafter des Landes. Sie sind geschulte Ehrenamtliche, die sich Zeit nehmen, um mit anderen dieses „digitale Mysterium“ zu entschlüsseln.
Die Digitalbotschafter werden nun monatlich im Lichtblick ansprechbar sein. Was erhoffen Sie sich davon?
Wir starten zunächst einen Testballon. Ziel ist es, Menschen niedrigschwellig den Zugang zur digitalen Welt zu erleichtern und ihnen die nötigen Kompetenzen zu vermitteln, um diese aktiv und sicher zu nutzen. Die Digitalbotschafter stehen vor Ort bereit, um Fragen zu beantworten und praktische Hilfestellungen zu geben, unterstützen Menschen im Bedarfsfall auch direkt zu Hause. Gleichzeitig wollen wir ein Bewusstsein für die Problematik schaffen, denn viele sind sich ihrer digitalen Defizite gar nicht bewusst. Wir planen zudem, Vorträge anzubieten – etwa zu Sicherheit im Internet oder dem Umgang mit Desinformation.
Es gibt in der öffentlichen Debatte auch Stimmen, die ein „Recht auf analoges Leben“ fordern. Wie stehen Sie mit Ihrer Erfahrung aus der Praxis dazu?
Der Wunsch ist nachvollziehbar. Gerade der Einfluss der digitalen Welt auf unsere Aufmerksamkeitsspanne und sozialen Interaktionen ist nicht zu unterschätzen. Ein rein analoges Leben ist heute noch möglich, aber sicher nicht einfacher. Ich glaube, dass ein Mittelweg der richtige Ansatz ist, bei dem man vermittelt, welche Vorteile zum Beispiel Analphabeten durch Vorlesefunktion und Sprachsteuerung haben. Dennoch darf man nicht erwarten, dass Menschen im Hilfesystem das alles allein umsetzen können, weshalb analoge Alternativen weiterhin bestehen bleiben sollten.
Termin
Die ehrenamtlichen Digitalbotschafter Peter Lapré und Jenny Newton-Wang bieten ab Donnerstag, 12. März, 13 bis 15 Uhr, monatlich eine offene, kostenlose Sprechstunde rund um digitale Medien im Beratungsraum des Lichtblicks, Amalienstraße 3, an.
Zur Person
Robin Rothe ist seit Herbst 2020 Leiter der Tagesbegegnungsstätte Lichtblick. Der 30-Jährige hat Sozialpädagogik und -management studiert sowie einen Masterabschluss in Wirtschaft und Management.