Bad Dürkheim
Die vielen Richtungswechsel des Curtis Stigers
Der Mann hat’s nicht leicht. Curtis Stigers ist Jazz-Puritanern nicht authentisch genug und Popjüngern manchmal zu jazzig. Trotzdem hält sich der Amerikaner mit seiner Musik schon seit über drei Jahrzehnten an der Spitze und lockte auch am Samstag auf der Limburg wieder 500 Leute an. Einen Running-Gag auf seine Kosten fand er dabei allerdings gar nicht so lustig.
Curtis Stigers machte erstmals 1991 mit seinem selbstbetitelten Debütalbum auf sich aufmerksam. Unter anderem befand sich darauf der Song, der ihn besonders in Deutschland zum Star machte: „I Wonder Why“. Aber auch seine allererste Single, das sanfte „Never Saw a Miracle“, war darauf zu finden, mit dem er die US-Billboard - Adult- Contemporary- Charts aufmischte und bis auf Platz 5 vorstoßen konnte. Die Scheibe war geprägt von zeitgemäßem Erwachsenenpop, der auch Platz für Jazziges zuließ.
Großer Grenzgänger zwischen den Stilen
Im Laufe der Jahre veränderte sich der Sänger, Songschreiber, Gitarrist und Saxophonist aber zusehends. Über reine Popmusik (Album „Time Was“) ging es über Singer/Songwriter-Veröffentlichungen („Brighter Days“) immer weiter in Richtung Jazz („Baby Plays Around“, „Real Emotional“). Stigers konnte sich auf allen Gebieten beweisen, ließ sein Publikum manchmal aber auch ein wenig ratlos zurück. Besonders in seiner Heimat USA ging das Interesse an ihm merklich zurück, auch wenn er mit „This Life“ noch den Titelsong zur Fernsehserie „Sons of Anarchy“ schreiben durfte und dafür für einen Emmy nominiert wurde. In der alten Welt, und hier besonders in England und der Bundesrepublik, ist er aber nach wie vor ein gern gesehener Gast.
Auch in der Pfalz war Curtis Stigers schon mehrfach zu Gast – früher beispielsweise bei „Palatia Jazz“, vor Kurzem als Stargast beim Rheinland-Pfalz-Tag in Neustadt und jetzt eben beim Limburg-Sommer in Bad Dürkheim. Musikalisch begleiten ließ er sich hier von einem hochkarätigen Trio, bestehend aus Pianist Billy Test, Kontrabassist Cliff Schmitt und Schlagzeuger Paul Wells – alles Musiker, von denen jeder für sich schon auf eine ansprechende Karriere blicken kann. Wells ist nicht nur Musiker, der seine Dienste unter anderem Debbie Harry („Blondie“) oder „Vince Giordano & The Nighthawks“ zur Verfügung gestellt hat. Er hat sich außerdem als Filmkomponist und Schauspieler – sogar schon an der Seite von Robert De Niro – einen Namen gemacht. Schmitt lebt abwechselnd in New York und Deutschland. Ihn kennt man als Sideman von Norah Jones und Art Garfunkel. Billy Test stammt aus Philipsburg/Pennsylvania, war 2019 Finalist bei den „American Pianists Awards“ und ist seit sieben Jahren auch für die „WDR Big Band“ in Köln tätig. Eine tolle Mannschaft also, die in der Klosterruine das aktuelle Curtis-Stigers-Album „Songs From My Kitchen, Vol. 1“ vorstellte.
Viele sehr persönliche Songs
Die meisten Songs der Langspielplatte sind während der Coronazeit tatsächlich in Stigers´ Küche entstanden. Seine Frau Jodi, die eine Obdachlosenhilfe leitet, verließ morgens das Haus und ging zur Arbeit. Ihr Mann dagegen hing, wie er erzählte, mit seinen Hunden und einer Flasche Whisky in der Küche herum und langweilte sich zu Tode. Als er dann auch noch begann, alte Liebeslieder zu singen, verließen sogar die Hunde den Raum. Stigers spürte: Jetzt muss neue Musik her. Und so begann er, Songs zu schreiben und dazu einige seiner persönlichen Favoriten auf seine Art zu interpretieren. Der Grundstock für die aktuelle Veröffentlichung war gelegt. Viele Stücke darauf – und damit auch die, die Stigers in Dürkheim vorstellte – haben einen sehr persönlichen Charakter, sogar wenn sie gar nicht von ihm selbst geschrieben wurden. Ein typisches Beispiel dafür ist „Goodbye“, eine Nummer von der in den Staaten sehr bekannten Singer/Songwriterin Patty Griffin. Darum geht es um den Schmerz, den das Loslassen-Müssen von einem Menschen verursacht. Stigers sieht „Goodbye“ als Abschiedslied für seine geliebte Mutter, die an Weihnachten 2023 verstorben ist.
Oder „Good To Know You“, in dem Stigers die Gefühle beschreibt, als er seinem leiblichen Vater im Alter von 46 Jahren zum ersten Mal gegenüberstand. Stigers ist mit einem Stiefvater aufgewachsen, den er auch für seinen biologischen Erzeuger hielt. Erst als Teenager erzählte ihm seine Mutter, dass er als uneheliches Kind von einem Mann namens Dennis Townsend zur Welt gekommen sei. 2012 trafen sich die beiden schließlich und verstanden sich auf Anhieb prächtig. Kein Wunder also, dass der Sohn dem Vater jetzt das Lied „Schön, dich kennengelernt zu haben“ geschrieben hat. Stigers präsentierte seine Show mal als Solist, mal mit Band, sich selber mal mit Gitarre, mal mit Saxophon begleitend. Als er zu Beginn mit „Until You Were Gone“ alleine mit Gitarre eröffnete, bat er die Techniker, den großen Scheinwerfer, der ihn von der Seite anleuchte, abzuschalten, da er eine unerträgliche Hitze verbreite. Als Reaktion darauf folgte – nichts.
Stigers machte also, seitlich noch immer schön angestrahlt, mit „You’re All That Matters to Me“ weiter. „Ihr seid schuld, wenn ich morgen auf der linken Seite Sonnenbrand habe“, beschwerte sich der Künstler noch einmal. Und tatsächlich, jetzt schien sein Leidensweg zu Ende – das nervige Licht ging aus. Mit „Good To Know You“ wurde es nun sehr emotional. Stigers vertiefte sich in die Ballade, seine Zuhörer lauschten gebannt. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Und plötzlich, mittendrin in dieser andächtigen Stimmung, ging wie von Geisterhand gesteuert der Strahler wieder an. Das aufbrausende Gelächter machte alle melancholischen Gefühle zunichte, und Curtis gab den Kampf gegen den Fluter und den scheinbar hinter den Kulissen gegen ihn arbeitenden Lichtmann endgültig auf.
Bei „I Wonder Why“ gibt’s kein Halten mehr
Zu „My Babe“, einem Willie-Dixon-Blues mit R’n’B-Einfluss, gab der Frontmann auch seinen drei Hintermännern Gelegenheit, sich solistisch auszuzeichnen. Das Spiritual „John The Revelator“ trug er a cappella vor, und mit „(What’s So Funny ’Bout) Peace, Love and Understanding“ stellte er einen Song vor, der von Nick Lowe geschrieben und – von ihm aufgenommen – dem Soundtrack zum Film „The Bodyguard“ beigefügt worden war, der sich 45 Millionen Mal verkaufte. Während der gesamten Spieldauer legte sich Stigers nie fest und zeigte sich als einzigartiger stilistischer Grenzgänger. Als er zum offiziellen Ende des Konzerts die Eingangsworte von „I Wonder Why“, „Love is a hunger that burns in my soul“, anstimmte, gab es kein Halten mehr. Das Publikum erhob sich von den Stühlen, tanzte, klatschte, pfiff und sang mit. Danach blieb Stigers nichts anderes übrig, als seine Fans zum Hinsetzen aufzufordern, um mit dem Bob-Dylan-Cover „Things Have Changed“ als Zugabe den Schlusspunkt der gelungenen Veranstaltung zu setzen. Diejenigen, die Curtis Stigers’ Auftritt in Bad Dürkheim versäumt haben, müssen ebenfalls nicht traurig sein. Schon im Oktober und November ist der Vielseitige erneut in Deutschland auf Tour.