Neustadt / Bad Dürkheim / Grünstadt
„Die Scham muss die Seite wechseln“: Gisèle Pelicots Autobiografie auch in der Region viel gefragt
Große Resonanz fand im Februar „Eine Hymne an das Leben“, die beklemmende Autobiografie der vom eigenen Ehemann bestialisch missbrauchten Französin Gisèle Pelicot, bei den Leser(inne)n an der Weinstraße. Das Buch schaffte es dreimal in die Top3-Listen der regionalen Buchhandlungen zwischen Neustadt und Eisenberg – ebenso wie „Ostfriesenerbe“, der 20. Band der erfolgreichen Ostfrieslandkrimi-Reihe Klaus-Peter Wolf, und Leïla Slimanis Roman „Trag das Feuer weiter“, dessen Erfolg aus dem Vormonat sich fortsetzt.
Beleuchtet seien hier Gisèle Pelicots brisante Erinnerungen – einfach, weil man darüber unmöglich hinwegsehen kann und darf. Mutig und offen überwindet die heute 73-Jährige das Schweigen und bringt unfassbar grauenvolle Erlebnisse zur Sprache. Ihr Mann hatte sie zigfach unter Drogen gesetzt und dann zusammen mit zirka 50 Mittätern missbraucht und vergewaltigt. Es beeindruckt, dass sie nach diesen traumatisierenden Erfahrungen weder in Schweigen versinkt noch den Glauben an die Liebe verliert, sondern mit Kraft und Mut unter dem Motto „Die Scham muss die Seite wechseln“, so der Untertitel des Buches, in ein neues Leben startet, Es ist ein Wagnis und zugleich ein Signal, mit dem sie Betroffenen weltweit neue Kraft verleiht.
Zur Versöhnung bereit, unterstreicht sie: „Ich möchte Männer und Frauen nicht spalten. Wir sind dafür gemacht, zusammenzuleben.“ Pelicot, 1952 in Villingen im Schwarzwald als Tochter eines französischen Berufssoldaten geboren, wurde schon 2024 vom Time-Magazin zur bedeutendsten Frau des Jahres gewählt und in ihrem Heimatland 2025 zum „Chevalier“ der Ehrenlegion ernannt.
Patti Smith legt erneut ein autobiografisches Buch vor
Hervorgehoben sei hier außerdem „Bread of Angels – Die Geschichte meines Lebens“, eine weitere autobiografische Schrift der vielseitigen amerikanischen Künstlerin, Punk- und Rockmusikerin, Fotografin und Malerin Patti Smith, die in der Neustadter Bücherstube vielgefragt war. Sie bietet erneut wie zuletzt 2010 ihrem Welterfolg „Just Kids“ intime Einblicke in ihr von Kunst und Liebe bestimmtes Leben. In Armut und Krankheit, aber in einem kulturell sehr inspirierenden Elternhaus aufgewachsen, wurde sie früh mit dem Tod ihres Vaters, ihres Ehemanns und zahlreicher Freundinnen konfrontiert. In dem Buch präsentiere sich die 1946 in Chicago geborene Künstlerin nicht als Punk-Rebellin, vielmehr gehe es ihr darin um ihre „magische Weltexistenz“, wie der Kritiker Joachim Hentschel in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb, um ihr Leben als poetisch aufgeladene, beinahe verzauberte Form des In-der-Welt-Seins.
„Abschied(e)“ – der Titel ist wohl wörtlich zu verstehen
Vorgestellt seien hier zudem die Erinnerungen des britischen Schriftstellers Julian Barnes, mutmaßlich sein letztes Werk mit dem Titel „Abschied(e)“. Darin blickt der 1946 in Leicester geborene Autor, bei dem Anfang 2020 eine seltenen Form von Blutkrebs diagnostiziert wurde, zurück auf sein außergewöhnliches Leben als Literat. Er bietet eine collageartig zusammengesetzte Selbstbefragung zu den großen Themen Kunst, Krankheit, Tod und Nachleben. Eingebaut ist eine Liebesgeschichte, die Barnes, der in Deutschland vor allem durch seine Romane „Vom Ende einer Geschichte“ und „Flauberts Papagei“ bekannt wurde, geschickt und humorvoll mit seinen Überlegungen zur Erinnerung verbindet.
Die Einschätzung der regionalen Buchhändler/innen zur Verkaufslage im zweiten Monat des Jahres fällt unterschiedlich aus. Nadine Eichhorn von Osiander in Neustadt resümiert: „Trotz der Baustelle in der Kellereistraße und trotz des schlechten Wetters sind wir mit dem Februar zufrieden. Wir hoffen nun auf einen schönen Frühling und dass die Baustelle gut vorankommt, damit die Straße wieder mehr Kundinnen und Kunden anlockt.“ Anja Gößling von Frank in Bad Dürkheim bilanziert: „Als neuer Partner von Hugendubel stecken wir noch im Umräummodus. Seit einer Woche läuft zwar alles wieder normal, aber es ist noch relativ ruhig.“ Kollegin Monika Strefler in Grünstadt sieht es ähnlich: „Wir liegen gut im Mittel und sind zufrieden. Durch unsere Kooperation mit Hugendubel gibt es viel Neues.“
Buchtipp: „Die Richtige“ von Martin Mosebach
Martin Mosebachs Roman „Die Richtige“ (DTV, gebunden, 352 Seiten, 26 Euro) um einen Künstler, der nicht nur Louis Creutz heißt, sondern auch alle Frauen, die seinen Weg kreuzen, unbekümmert verschleißt, empfiehlt Uli Rieder von der Neustadter Bahnhofsbuchhandlung als Buch des Monats:
„In einem Interview in der ,Zeit’ wurde der Schriftsteller Martin Mosebach kürzlich gefragt, ob er je in Erwägung gezogen habe, Maler zu werden, da in seinen Romanen die bildenden Künste immer wieder eine große Rolle spielen. Seine Antwort lautete sinngemäß, er wäre wohl den handwerklich zu hohen Anforderungen, die er an sich selbst gestellt hätte, nicht gerecht geworden. Und ja, wollte er als Maler den gleichen Ansprüchen genügen wie als Autor, würde die Messlatte sehr hoch hängen, denn auch in seinem neuesten Roman ,Die Richtige’ malt der Autor mit dichtem Pinselstrich Worte, die beim Leser vielschichtige Bilder und Stimmungen aufleuchten lassen.
Die Figuren, die er zeichnet, sind nie eindimensional, sondern entfalten einen großen Facettenreichtum menschlicher Empfindungen, offenbaren Leidenschaften und Abgründe. So auch beim egozentrischen Protagonisten Louis Creutz, einem Künstler auf dem Zenit seines Erfolgs, der von der Gattin eines befreundeten Unternehmerehepaares in deren Plan einbezogen wird, den in Liebesdingen unerfahrenen Bruder und Geschäftspartner ihres Mannes zu verheiraten. Als sie glaubt, ,die Richtige’ für ihren Schwager gefunden zu haben, übernimmt der Maler Creutz erst widerwillig, dann mit immer größerem Engagement die Rolle des Kupplers. Dabei sind seine Bemühungen um eine Verbindung zwischen der unbeschwerten, lebensfrohen Astrid und dem bodenständigen Dietrich nicht frei von Eigennutz, denn er will die junge Frau als Aktmodell und den wohlhabenden Unternehmer als Mäzen h gewinnen.
Erst im letzten Drittel des Buches, das bis dahin vor allem von atmosphärischen Beschreibungen und genauen Charakterstudien der Protagonisten lebt, nimmt die Handlung eine überraschende Wendung. An diesem dramatisch verdichteten Kipppunkt zeigt der Autor eindrücklich, wie oft es die äußeren Einflüsse sind, die die Weichen des Lebens stellen und darüber entscheiden, welche Seite in uns an die Oberfläche dringt – das ,Gute’ oder das ,Böse’, das ,Helle’ oder nicht doch eher das ,Dunkle’.“
Die Bestseller im Februar:
Bahnhofsbuchhandlung (Neustadt)
1. Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben
2. Klaus-Peter-Wolf: Ostfriesenerbe
3. Martin Suter: Melody
Buchmarkt (Bad Dürkheim)
1. Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter
2. Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenerbe
3. Peter Hahne: Warum macht ihr uns kaputt?
Frank (Bad Dürkheim)
1. Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter
2. Julian Barnes: Abschied(e)
3. Steve Cavanagh: Kill for me
Frank (Eisenberg)
1. Joachim Meyerhoff: Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
2, Rachel Bright: Geh deinen Weg, Schildkröte
3. Ursula Poznanski: Das Signal
Frank (Grünstadt)
1. Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben
2. Rachel Khong: Real Americans
3. Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter
Hofmann (Neustadt)
1. Jo Nesbø: Minnesota
2. Gisèle Pelicot: Eine Hymne an das Leben
3. Stefan Bollmann: Die literarische Hausapotheke
Neustadter Bücherstube
1. Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht
2. Patti Smith: Bread of Angels
3. Edvard Hoem: Der Geigenbauer
Osiander (Neustadt)
1. Rachel Khong: Real Americans
2. Colleen Hoover: Woman down
3. Klaus-Peter Wolf: Ostfriesenerbe
Quodlibet (Neustadt)
1. Michael Hatzenbühler: Der natürliche Sterbeverlauf
2. Dirk Steffens: Hoffnungslos optimistisch
3. Clara Lösel: Wehe du gibst auf