Neustadt Die pure Lust am Leben

In der selbst entwickelten Musikrevue dreht sich alles um das Thema „Träume“ – hier geht es zum Beispiel um die leiblichen Freud
In der selbst entwickelten Musikrevue dreht sich alles um das Thema »Träume« – hier geht es zum Beispiel um die leiblichen Freuden, dargestellt am Beispiel einer Kochshow im Fernsehen.

«Neustadt-Gimmeldingen.» Dass es den Gästen am Freitag in der Gimmeldinger Meerspinnhalle heiß wurde, lag nicht nur an den Temperaturen. Auch die integrative „Puzzle-Band“ der „Lebenshilfe“ heizte zur Musikrevue „Wir träumen“ gemeinsam mit der Georg-Jungmann-Theatergruppe unter Leitung von Hedda Brockmeyer und Dominique Christine Fürst ordentlich ein. Rock’n Roll, Schlager, Pop tanzten durch den Raum und ergänzten sich mit den begeisternden Beiträgen der Jazzsängerin Nicole Metzger und ihres Pianisten Daniel Prandl.

Sie träumen von Hochzeit und Liebe, die beiden „schlafenden“ Traumhochzeiter Andreas Brake und Sabine Schmitt und sitzen ganz versunken da, den Kopf geneigt, die Augen geschlossen. Da erscheint im gespielten Traum eine weitere Darstellerin, die Dominique Christine Fürst zu Nicole Metzgers Song „Schau mich bitte nicht so an“ als Braut verkleidet, damit sie vom Pfarrer (Thorsten Schrenk) getraut werden kann. Maria Karbach von der „Lebenshilfe“ spielt gekonnt den Hochzeitsmarsch. „Alla, ihr seid jetzt Mann und Frau“, meint Schrenk schnörkellos und zackig unter dem Gelächter der Gäste. Er ist einer der Publikumslieblinge des Abends, der mehrere Rollen spielt. Szene für Szene greift die Musikrevue die „Wunschträume“ der behinderten und nicht behinderten Mitspieler auf. Und damit keiner seinen nächsten Einsatz verpasst, bringt sie Andreas Repp, im Alltag Wohnheimleiter, unter belustigten Seufzern mit seinen „harschen Anordnungen“ wie „waschen, anziehen und ab zur Arbeit“ dazu, sich nach dem Aufwachen auf den Weg in den nächsten Traum zu machen. Zudem klingelt ein großer Wecker zum Szenenwechsel. Probenbilder laufen im Hintergrund. Die Stimmung der über 200 Gäste ist ebenso heiter und gelöst, wie auf der Bühne. Fällt während des Bühnentanzes der Hut vom Kopf, was soll’s, anhalten, miteinander reden, in die Menge schauen, winken, weitertanzen. Es ist ein anrührend ehrliches Spiel mit viel Freude auf und vor der Bühne. Kocht die Musik hoch, wird geklatscht, bei den Ohrwürmern mitgesungen, bis es dann viele nicht mehr auf den Sitzen hält, und sie vor die Bühne drängen. Das liegt nicht nur an den „Puzzles“ und ihrer Musik nach dem Motto „Musik mit Herz von Hand“ und Liedern wie „Aber bitte mit Sahne“ von Udo Jürgens oder Drafi Deutschers „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Auch Metzger mit ihrer vollen und in tiefen Lagen traumhaft samtigen Stimme sowie ihr virtuoser, in ausdauernden Soli in die Tasten greifender Pianist Prandl verstehen es, die Menge zu begeistern und zusätzlich zu punkten, wenn Eugen Wesner von der „Lebenshilfe“ die Rhythmusmaschine ohne Instrument gibt. Wer kennt sie nicht, Songs wie „Some-where over the rainbow“, „Halleluja“, „Sei mal verliebt“, „Zwei kleine Italiener“ oder auch manche Lebenshilfen in Noten, wenn etwas mal nicht so läuft, wie es soll. Dafür hat Metzger ein „So oder so ist das Leben“ parat, dem später ein euphorisch von allen Sängern und Gästen gesungenes „Eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben“ folgt. Zumindest der Refrain sitzt bei allen. Enden die Lieder, verteilen sich die jubelnden Gruppen von der Bühne wieder auf die Stühle, um nichts von der spannenden Story zu verpassen. Denn die Theatergruppe der „Lebenshilfe“ spielt nicht einfach nur einige Wunschsituationen, sondern erlebt Abenteuer, sogar unter Wasser schwimmend, in Zeitlupe, auch wenn zunächst bei einem genussvollen Kochwettbewerb mit Gourmetkoch Steffen Schneider noch nichts darauf hindeutet. Doch dann steigt die Schauspielgruppe ins Flugzeug, ist doch Reisen auch ein großer Wunsch, der sich mit einem Flug nach Afrika erfüllen soll. Fürst haucht ihm Leben ein. Nach ihren Aufforderungen fliegen die Arme unter großem Gelächter in die jeweilige Flugrichtung, bis das Fiasko seinen Lauf nimmt. Die Landebahn ist zu kurz. Pilot Schrenk beruhigt zwar Fluggäste und Stewardess Brockmeyer, weil man „ein besonderes Flugzeug“ habe, doch der Absturz folgt trotz „Tower-Kontakt“ mit Abdul Özer. Der Mann im Rollstuhl hat bereits zuvor als „Motivator“ mit seinen „Yabba, dabba, du“-Begeisterungsrufen Sonderapplaus erhalten. „Lebenshilfe“-Geschäftsführer Alfred Hambsch, der gleichzeitig als Gitarrist und Sänger der Puzzle-Band agiert, habe die Idee und dann die Unterstützung vom Vereinsvorstand, vielen Helfern und der „Aktion Mensch“ gehabt, um der Inklusion Behinderter in die Gesellschaft auf diese Weise neue Impulse zu geben, erklärt Repp den Gästen. Die Zugaben, darunter Metzgers Interpretation des Hildegard-Knef-Hits „Für mich soll’s rote Rosen regnen“, singt die ganze Halle mit, während einige der Darsteller Rosenblätter übers Publikum streuen.

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