Neustadt Die Notdurft des grübelnden Geistes

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Neustadt. Stammgäste des Kleinkunstvereins „Reblaus“ kennen und schätzen ihn als begnadeten Parodisten. Reiner Kröhnert enttäuschte sie auch bei seinem jüngsten Auftritt in der Katakombe des Jugenddorfs nicht. Wieder einmal servierte er vor (trotz Herrenweinabend) ausverkauftem Haus sein „ständig aktualisiertes Nummernkabarett“ – so nennt er sein Programm „Mutti reloaded“ im Untertitel.

Es ist das zehnte Soloprogramm des gebürtigen Bergsträßers, und wieder einmal bedarf es außer einer (eigentlich überflüssigen) Perücke und eines Stuhls keinerlei Requisiten, um dem Publikum ein abendliches Zap-Vergnügen ganz ohne Fernbedienung zu bescheren. Denn auch bei „Mutti reloaded“ kommen sie wieder so ziemlich alle zu Wort, die A-, B- und C-Prominenten, die einem allabendlich in den unzähligen Talkshows präsentiert werden. Und er muss sie sehr genau analysiert haben, denn allein der plötzliche Wechsel von Sprachduktus und Habitus – den Kröhnert übrigens in aberwitziger Geschwindigkeit zu vollziehen vermag – lässt beim Betrachter innerhalb von Sekundenbruchteilen klar werden, wer denn da gerade spricht. Und das sind ganz schön viele innerhalb eines gut zweistündigen Programms, das hohe Ansprüche an die Konzentration und die Allgemeinbildung der Zuhörer stellt – und trotzdem viel zu schnell vorbei ist. Klar, Bundeskanzlerin Angela Merkel ist Dreh- und Angelpunkt seiner Show, doch über die Einblicke ins Denken der Naturwissenschaftlerin aus der Uckermark („Wenn ich eine Wand auf mich zukommen sehe, wende ich“) hinaus hat Kröhnert noch jede Menge andere Figuren in petto: Sei es sein kongenialer Klaus Kinski, den er sozusagen aus dem Jenseits noch einmal schilleresk rezitieren lässt („Die Hülle schnitt man auf mir, nicht die Wesenheit“, „Den Himmel bot man mir, wo Engel Weihrauch furzen“, „Der Tod ist viel zu klein für mich“), dessen verständnisvollen Lieblingsfeind Werner Herzog, das philosophierende Duo Michel Friedman und Rüdiger Safranski oder eben auch– sozusagen als intellektueller Gegenentwurf – Figuren wie Dieter Bohlen, Daniela Katzenberger und Boris Becker. Doch Kröhnert beschränkt sich keineswegs auf die Parodie und die Zu- und Überspitzung: Unbändige Lust entwickelt er an der Provokation. Zum Beispiel wenn er Peter Hintze den Bundespräsidenten Joachim Gauck interviewen lässt und Letzteren vom schönrednerischen Geplauder nahtlos in Hitler’schen Führer-Sprech übergehen lässt. Da schluckt der Sozialkundelehrer ... Da darf dann auch Daniel Cohn-Bendit Putin für warmes Bier und den Tod von Johannes Heesters verantwortlich machen und für bleifreie Mehrwegmunition plädieren, Wolfgang Schäuble auf halbdenglisch über Yanis Varoufakis lästern („kommt mit dem Randalerucksäckle auf dem Schuldenbuckel und macht auf Gleichberechtigung statt auf Männle“, aber hat „no idea of tuting and blowing“) – spätestens wenn Kröhnert Michel Friedmann nach dem philosophischen Gespräch mit Franz Beckenbauer „der gesprochene Nichtgedanke ist die Notdurft des grübelnden Geistes“ sagen lässt, gibt es kein Halten mehr. Über den intellektuellen Diskurs hinaus gibt Kröhnert natürlich auch einen Ausblick auf die politische Zukunft Angela Merkels: Nachdem die Große Koalition geplatzt und Seehofer endgültig ausgeschaltet ist, werde sie bei den Grünen vorsprechen – der Friseurtermin für Anton Hofreiter bei Udo Walz sei schon vereinbart, denn als Naturwissenschaftlerin sei sie eben „schon an Situationen angepasst, die noch gar nicht stattgefunden haben“. Dass im Merkel’schen Universum nur Trabanten um die Sonne kreisen, belegt Kröhnert auch mit dem wunderbaren Schleimer-Dialog von Peter Hintze und Ronald Pofalla, bei dem eine Blähung der Kanzlerin zum „gebenedeiten Wind aus Merkels Gekröse“ wird. Es sind Sätze wie „Ich bin überhaupt nicht eitel, obwohl ich allen Grund dazu hätte“ (Joachim Gauck über Joachim Gauck), „Wachstumshormone verkürzen die Dauer des Mästens und damit das Leiden der Tiere“ (Schäuble zum Freihandelsabkommen TTIP) oder „Angela, mir graut vor Dir“ (Kohl als Faustus über sein Mädchen), die zeigen, mit welcher intellektuellen Distanz sich Kröhnert seinen Parodie-Opfer nähert und was die Abende mit ihm so überaus gedeihlich macht. Freilich: Es bedarf dafür schon eines gewissen Faibles fürs Absurde, aber da wir den eben haben, bleibt nur zu sagen, dass es uns besser kaum hätte gefallen können. Wir freuen uns schon auf Gastspiel Nummer elf.

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