Neustadt Die Atmung ist die Basis

Placeholder-Image

Hassloch. Zum zweiten Mal findet in dieser Woche im Kulturviereck der Meisterkurs „La Primavera“ für Sologesang statt. Sieben junge Sopranistinnen arbeiten mit der Gesangsprofessorin Kelsie Kelly-Moog und Stephan Wehr, Dirigent und Professor für Musiktheater, beide von der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Dritter im Bunde ist Michael Hampe, Regisseur und langjähriger Intendant der Oper in Köln.

Der Kurs endet mit einem Abschlusskonzert am Samstagabend. Die Unterrichtsstunden sind öffentlich, und etliche Haßlocher haben schon die Gelegenheit genutzt zuzuschauen – und vor allem zuzuhören. Die sieben Sängerinnen kommen aus Deutschland, Belgien, der Ukraine und Tschetschenien, viele studieren in Deutschland, einige haben das Studium gerade abgeschlossen. Singen ist eine sehr körperliche Angelegenheit. Mag sein – oder soll sogar sein –, dass der Zuhörer im ästhetischen und emotionalen Erlebnis schwelgt. Beim Sänger geht es, bevor der künstlerische Ausdruck dran kommt, um Zwerchfell, Rippen, Stirnhöhlen, Atmung, vor allem Atmung. Das ist die Basis. Gesangslehrerin Klesie Kelly-Moog greift auch einmal in die Rippen, um genau die Stelle zu bezeichnen, wo sich was tun muss, und sie hat jede Menge Tricks auf Lager, um die Schülerinnen dahin zu bringen, wo sie hin sollen. „Beim Gesangsunterricht muss man sich daran gewöhnen, ganz komische Dinge zu tun, etwa mit herausgestreckter Zunge zu singen“, erzählt später Violetta Hellwig aus Detmold. Das allerdings ist heute nicht dran. Gesangsunterricht ist immer Einzelunterricht, jede der Schülerinnen hat etwa eine halbe Stunde, die andern schauen und hören zu und lernen auch dadurch, manchmal werden sie auch gebraucht. Bella Adamova aus Tschetschenien muss den „Herrn Marquis“ aus der „Fledermaus“ spielen für Laura Volk, die die entsprechende Arie der Adele erarbeitet. Kelly-Moog findet, dass Laura Volk als Adele ein Gegenüber braucht, das ihr als „Marquis“ die Hand küsst, um den richtigen Ausdruck hinzubekommen, und natürlich hat sie recht. Laura Volk ist mit 20 Jahren die jüngste Teilnehmerin, sie studiert im dritten Semester für ihren Bachelor in Gesang an der Hochschule für Musik in Mannheim. An zwei Arien arbeitet sie an diesem Nachmittag, eine aus der Barockoper „Semele“ von Händel, die andere aus der „Fledermaus“, „Mein Herr Marquis“. „Wo sitzt die Luft, wo ist die Spannung“, sagt Kelly-Moog. „Der Sänger muss lernen, Herr über seinen Körper zu sein. Wenn es uns gut geht, macht der Körper vieles von alleine, aber wir müssen lernen, alles zu mobilisieren, wenn es uns schlecht geht. Das Publikum kennt da keine Gnade, es will das volle Programm.“ Langsam kann man ausmachen, wie sich in der Stimme etwas tut. Am Anfang noch die einer sehr begabten Amateurin, wird sie voller, strahlender. Als „Semele“ muss sie in Haltung und stimmlichem Ausdruck eine Königin sein, als Adele die irrwitzige Situation genießen. „Sie ist ein bisschen jeck, die Adele“, sagt die in den USA geborene Klesie Kelly auf gut Kölsch. Auch Violetta Hellwig aus Detmold, die mit 30 Jahren ihr Gesangsstudium in Mannheim bereits abgeschlossen hat und als freie Sängerin und Musikpädagogin lebt, hat eine Arie der Adele aus der „Fledermaus“ vorbereitet, das Couplet „Spiel ich die Unschuld vom Lande“, in dem sie singend und schauspielerisch drei Typen verkörpern muss, die Unschuld, die elegante Dame und die chice Pariserin. Die „Dame“ will einfach nicht richtig gelingen, aber dann hat sie eine Idee und lässt Violetta sitzend auf einem Stuhl singen. Mit elegant übergeschlagenen Beinen klappt’s besser. Andrea Jörg aus Würzburg hat die koloraturenreiche Arie „Glitter and be gay“ aus dem Musical „Candide“ von Bernstein vorbereitet. Die fängt mit lautem Weinen an, oder ist es Lachen, und dann gibt es ganz viele „Dingdongs“, die müssen „wie aus dem Handgelenk“ kommen. „Und jetzt vergiss alles und sing“, lautet die Anweisung. Kelly-Moog ist eine großartige Lehrerin, geduldig („den Ärger kriegt mein Mann ab, aber nie die Schüler“), herzlich und voller Freude, mit diesen jungen Stimmen zu arbeiten. Temperamentvoll spielt sie ein ganzes Orchester vor, sie motiviert und weiß genau, was sich wo im Körper gerade tut – und wie man es verbessert. Termin Abschlusskonzert mit Kür einer Publikumspreisträgerin morgen, Samstag, um 19 Uhr im Kulturviereck. Karten (12/10 Euro) bei Bücher Friedrich und in der Musikschule in Haßloch.

x