Neustadt Der Zauber des Alltäglichen

Neustadt-Haardt. Wäre es übertrieben zu sagen, dass die fotografischen Arbeiten von Ute Bartel, glücklich machen? Sicher ist jedenfalls, dass die Kölner Künstlerin mit ihren Bildern und Objekten dem Alltäglichen einen Glanz, einen Zauber verleiht, der beim Betrachter – entsprechende innere Saiten vorausgesetzt – Hochgefühle auslöst. Das kann jeder Interessierte derzeit bei ihrer Ausstellung in der Haardter Galerie Upart überprüfen.
Bartel, 1961 in Halle/Westfalen geboren und seit 2005 Stammkünstlerin bei Upart, zeigt in der Schau gleich mehrere Serien, in denen sie ihr großes Thema variiert, Gegenstände des Alltags mit der Kamera gleichsam zu „sammeln“ und dann durch manuelle oder digitale Bildbearbeitung aus ihrem Kontext zu lösen. So isoliert und mit enormer Plastizität und Monumentalität versehen, strahlen selbst die banalsten Dinge eine völlig ungeahnte Würde aus. Zu der besonderen Aura trägt auch die Farbe maßgeblich bei. Bei zahlreichen ihrer Fotografien hat Bartels diese markant verstärkt, viele ihrer Fotoobjekte sind mit farbiger Folie von hinten abkaschiert, was sie gleichsam zum Strahlen bringt. Und schließlich ist es nicht zuletzt der Witz, die Skurrilität, durch die Bartels Arbeiten für sich einnehmen. Das gilt zum Beispiel für ihre Schalen-Serie, die mit Obst- und Gemüseschalen arbeitet. So hat sie etwa für das Foto-Objekt „Mit dem Daumen von Frau Ermshaus“ die in einem Stück abgezogene Schale einer Kartoffel abfotografiert und das Ergebnis vor weißem Hintergrund dreidimensional in einem Kasten arrangiert, was dem Abfallprodukt einen ikonenartigen Zauber verleiht. Durch eine solche Bearbeitung gibt die Künstlerin dem Gegenstand, wie sie selbst sagt, „eine Aufmerksamkeit, die dem Original nicht mehr zuteil wird“. Die Arbeit ist zugleich eine Kindheitsreminiszenz, denn die besagte Frau Ermshaus war eine alte Dame, die die kleine Ute in den 60ern als wahre Meisterin im Kartoffelschälen begeisterte. Auch dieser Ansatz findet sich bei vielen anderen Arbeiten der Künstlerin: Sie entreißt so den einzelnen Gegenstand der Vergänglichkeit. Noch gesteigert wird der ikonenhafte Effekt in der wandfüllenden Foto-Installation „Großes Orange“, bei der Bartel einen Haufen ganz normaler Mandarinenschalen auf 16 Alu-Dibond-Tafeln verteilt. Eine ganz ähnliche „Überwältigungsstrategie“ setzt die Künstlerin auch in der digitalen Fotomontage „Grünzeug“ ein, die eine Ansammlung handelsüblicher Plastik-Strohhalme ins Monumentale überhöht. In ihrer Serie „Gurken“ wiederum zeigt die Künstlerin Arrangements mit dem Gemüse in Ringen oder Schlangenlinien vor Wachstuchdecken mit orientalischen Mustern. Beides – Gurken und Decken – hat sie in türkischen Läden in der Nähe ihres neuen Ateliers zwischen Deutz und Köln-Kalk entdeckt. Dabei besticht besonders der Kontrast zwischen den krummen Gurken (so krumm, dass es sie laut EU-Verordnung eigentlich gar nicht mehr geben dürfte) und den silbrig glänzenden Wachstüchern. Abstrahierte Lebensspuren fängt die Künstlerin auch in einer Serie mit Essbrettchen ein, digital bearbeiteten Aufnahmen gebrauchter Frühstücksbrettchen, bei der jede Schnittspur und jede abgeplatzte Ecke den ästhetischen Reiz nur noch verstärkt. Der Verfremdung setzt die Künstlerin die Krone auf, indem sie bei einem Teil der Bilder die ursprünglich länglichen Brettchen auch noch auf Quadratformat „schrumpft“. Die quantitativ stärkste Serie in der Ausstellung sind schließlich die „Fundstücke“, Schuhe, Handschuhe, Plastikbecher, Spielzeug, Gummidichtungen oder sonstige Relikte, die andere verloren oder weggeworfen haben und die Bartels mit ihrer Kamera „verewigt“, um sie anschließend als Foto-Objekte in gerahmten Kästen zu präsentieren. Die besondere, fast sakrale Aura, die sie dadurch gewinnen, weiß auch eine Institution zu schätzen, die sich seit fast 2000 Jahren mit Reliquien gut auskennt; die katholische Kirche. Jedenfalls kam Ute Bartels mit dieser Werkgruppe 2011 unter die 19 Finalisten für den von der Erzdiözese Freiburg ausgeschriebenen Kunstpreis zum Thema „Heilig“, für den sich rund 1200 Künstler beworben hatten. Man kann das gut nachvollziehen, wenn man in der Haardter Galerie zum Beispiel ein schlichtes Stück Malervlies betrachtet, das durch die fotografische „Dignifizierung“, die ihm Bartel angedeihen lässt, fast so auratisch erscheint wie der „Heilige Rock“ in Trier.