Neustadt
Der Trost der sanften Töne: Stiftskantorei bietet Duruflés „Requiem“ und weitere kirchenmusikalische Werke der Moderne
Es war alles andere als ein gefälliges Programm, das Bezirkskantor Simon Reichert zum Ewigkeitssonntag vorbereitet hatte. Und sein Ensemble, die Stiftskantorei, hatte da schon eine gewaltige Aufgabe zu stemmen. Aber dafür, liebedienernd den vermeintlichen Publikumsgeschmack zu bedienen, ist Reichert ja nun auch keineswegs bekannt. Gleichwohl: Der Eindruck, den die vier zeitgenössischen Kirchenmusik-Werke hinterließen, war tief und nachhaltig. Dass nicht in die Stifts-, sondern in die Martin-Luther-Kirche geladen wurde, war schlicht der Werkauswahl geschuldet, die diesmal eben die opulentere Steinmeyer-Orgel forderte.
Maurice Duruflé, geboren 1902, zählt zur jüngeren Generation der legendären französischen Orgelschule, die auch Beiträge zu anderen Genres, aber oft eben orgelbasiert lieferte. Sein Requiem, in seinem liturgischen Aufbau dem Gabriel Faurés nicht unähnlich, wollte nicht im eigentlichen Sinne Totenmesse, sondern Tröstung für die Hinterbliebenen sein. Schon Johannes Brahms hatte mit seinem Deutschen Requiem diese Lesart sakraler Trauerkultur eingeführt.
Beim „Requiem“ fiel die Wahl auf die Kammerfassung
Und ähnlich wie Fauré schickte Duruflé sein op. 9 mit unterschiedlichen Besetzungen auf den Weg. Simon Reichert entschied sich für die Kammerfassung, zum Chor kommen zwei Solisten, das instrumentale Fundament bedienen Orgel und Violoncello. Rein technisch liegt für einen Laienchor wie die Stiftskantorei die Latte gewaltig hoch. Häufige Taktwechsel, gegenläufige Rhythmen, kirchentönige Gregorianik und (nicht so häufig) dissonante Klangverdichtungen, „nackte“ Solopassagen einzelner Register – das alles waren keine geringen Herausforderungen an Intonation und Pünktlichkeit.
Aber: Reichert forderte mit ausladender Gestik ein, was er ohren- und augenscheinlich trittsicher einstudiert hatte. Und was vor allem die Grundlage lieferte für das weite gestalterische Spektrum, das die Stiftskantorei aller technischen Fallstricke zum Trotz eindrucksvoll präsentierte. Die Diktion überzeugte, aus weichen, schwebenden Klängen wie beim „Kyrie“ – und besonders fesselnd vorher beim Entrée des vorangegangenen Escaich-Werks – emanzipierten sich hochdramatische, eruptive Einwürfe wie etwa die des „Dies Irae“.
Die Solisten Dalila Djenic, Mezzosopran (Pie Jesu), und Georg Gädker, Bariton (Domine Jesu Christi), veredelten ihre recht kleinen Partien zu wahren Preziosen. Beide verwöhnten mit ausgesprochen exzellenter Stimmkultur und wunderbar eindringlicher Gestaltung. Die in Neustadt beheimatete, gleichwohl weltläufige Cellistin Juliane Flaksman hatte vor ihrem markanten Zugriff bei Duruflé bereits mit der meditativen „Musique du Soir“ des lettischen Komponisten Peteris Vasks eine eindrucksvolle Kostprobe ihrer unvergleichlich facettenreichen und emotional verbindlichen Interpretationskunst gegeben; dies im inspirierenden Duo mit dem Organisten Stefan Viegelahn, der nicht erst seit er das Fach im professoralen Status an der Musikhochschule Frankfurt unterrichtet als Interpret wohlreputiert ist.
Eine Stunde lang dichte Klangsinnlichkeit
Es war an diesem Abend der eigentliche Star. Denn abgesehen vom fundamentalen, meist auch kontrastierenden, vor allem aber spieltechnisch hoch anspruchsvollen Orgelpart beim Duruflé-Requiem sammelte er bei jedem weiteren Programmpunkt Meriten; außer bei Peteris Vasks und dem Chorstück „In Memoriam“, mit dem sein Schöpfer Thierry Escaich, unter anderem Titularorganist an Notre Dame de Paris, seinem Vorgänger Duruflé 2002 zum 100. Geburtstag ein Denkmal gesetzt hatte und dessen differenzierten Chorpart die Stiftskantorei ebenfalls selbstbewusst über die Rampe schickte.
Denn zu Beginn hatte Viegelahn eine der signifikanten Orgel-Kompositionen Duruflés, „Prélude et Fugue sur le nom d’Alain“ aus dem Jahr 1941 – sie verweist auf den im Ersten Weltkrieg jung gefallenen Kollegen Jean Alain – in spektakulärer Weise interpretiert; mit einem hinreißenden Spannungsbogen, gespannt von verspielt figuraler Umtriebigkeit, zarten Momentaufnahmen über allmählich ausufernde Klangfülle bis zur monumentalen Opulenz am Ende der Fuge. Das alles hatte Stringenz, Geschmack und charismatische Wirkung.
Kein opulentes Oratorium diesmal also, dafür eine Stunde äußerst dichter Klangsinnlichkeit. Großer, hochverdienter Beifall am Ende.