Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Defizit in der Forstwirtschaft: Mehr Baumfällungen als Lösung?

Seit 13 Jahren für sein Revier in Neustadt tätig: Förster Jens Bramenkamp.
Seit 13 Jahren für sein Revier in Neustadt tätig: Förster Jens Bramenkamp.

Zu wenig Bäume sind in den vergangenen Jahren im Neustadter Wald gefällt worden. Nur so ist das Defizit von 700.000 Euro im Forstwirtschaftsplan zu erklären. Die Forderung: mehr fällen. Doch Förster Jens Bramenkamp mahnt zur Vorsicht: Es fehlt eine aktuelle Datengrundlage.

Ende April machte die CDU im Stadtrat auf ein hohes Defizit aufmerksam: Die Erträge aus dem Neustadter Wald, also was durch Holzverkäufe eingenommen wird, seien nicht ausreichend. Ein Minus von 700.000 Euro ist genannt worden. Ein Grund dafür könnte ein Personalmangel in den Forstbetrieben sein, hieß es damals. Auch schwankende Marktpreise sollen eine Rolle spielen. Bedeutet: Sind die Preise für Holz zu niedrig, lohnt es sich kaum, mehr zum Verkauf anzubieten.

Das Maß für eine bestimmte Menge Holz ist der Festmeter. Es gilt: Ein Festmeter entspricht einem Kubikmeter Holzmasse. Bei der Berechnung ist unter anderem der Stammdurchmesser eines gefällten Baumes ausschlaggebend. Wie viel in einem Wald gefällt werden kann oder soll, wird in Festmetern angegeben. Bei 18.000 Festmetern lag der Orientierungswert zuletzt für den Wald in Neustadt. Anders gesagt: So viel Holz könnte theoretisch gefällt werden. Erreicht wurden in den vergangenen Jahren aber nur 10.000 Festmeter – zu wenig, wie die Neustadter CDU im Stadtrat vortrug. Die Forderung: mehr fällen, um das hohe Defizit auszugleichen. Doch so einfach ist das nicht.

Forsteinrichtungswerk: Zehn Jahre gültig

Zuerst: Grundlage dafür, wie viel Holz im Wald gefällt wird, ist das sogenannte Forsteinrichtungswerk. Laut Jens Bramenkamp, Förster im Revier Hohe Loog, kann man sich das wie „zwei volle Ordner“ mit Informationen über den Wald vorstellen. In denen steht unter anderem, welcher Baumbestand da ist und wie viel (Festmeter) theoretisch gefällt werden können. Also: Angaben zum „Potenzial“ des Waldes, so Bramenkamp.

Gültig ist so ein Forsteinrichtungswerk zehn Jahre. Die Kosten dafür trägt die Stadt. Der Stadtrat segnet das Endergebnis ab. Das Landesforsten, also eine Landesbehörde, erstellt das Werk nach einer Ausschreibung. Die Behörde schicke dann Experten, die „monatelang den Wald analysieren“, sagt Bramenkamp.

Das letzte Neustadter Forsteinrichtungswerk sei im Jahr 2011 erstellt worden. Dabei kam, wie gesagt, heraus, dass der Wald ein Fällpotenzial von 18.000 Festmetern hat. Eine „sportliche“ Angabe, erklärt der 52-jährige Förster. Dass dieses Ziel seitdem nicht erreicht wurde (gefällt wurden im Schnitt 10.000 Festmeter), schreibt auch er einem Personalmangel zu. Andererseits habe das neu entfachte Interesse am Klimawandel eine Rolle gespielt: „Ab 2018 ist uns dieses Thema wieder vor Augen geführt worden.“ Und das nicht nur in der Theorie. Der Förster berichtet von Waldgebieten bundesweit, in denen sich Veränderungen durch das wechselnde Klima bemerkbar machten. Beispielsweise bezogen auf das Fichtensterben. In der Folge habe es politische Rückdeckung in Neustadt gegeben, die Angaben des Forsteinrichtungswerks nicht in Gänze auszureizen, so der Förster. Heißt: Zu viel Bäume zu fällen, wäre nicht populär gewesen.

Keine Förderung durch das Land

Ein dritter Grund war die Marktlage: „Es gab sehr viel Holz auf dem Markt“, so der Revierleiter. Das habe zu einer Übersättigung geführt. Bedeutet: „Hätten wir die Vorgaben des Forsteinrichtungswerks erfüllt, hätten wir im Zweifel weniger Erlöse gehabt.“ Es sei also nicht verkehrt gewesen, das Fällziel zu verfehlen. Wie man in Zukunft vorgehe, hänge jetzt von dem neuen Forsteinrichtungswerk ab.

Das bisherige lief 2021 ab. Eigentlich hätte dann ein neues erstellt werden müssen. Dass das nicht passiert ist, hatte laut Bramenkamp mehrere Gründe: Einmal sei der Markt gestört gewesen – das hätte eine realistische Betrachtung darüber, wie viel gefällt werden soll, verzerrt. Andererseits fiel das Jahr mit der Corona-Pandemie zusammen. Heißt: Abstandsgebote und Lockdown-Regeln. Und drittens: Geld. Ein Forsteinrichtungswerk sei teuer, so der Förster. Die Kosten könne die Stadt durch Fördermittel des Landes abfedern. Das Problem: Laut dem Förster lief damals bereits eine andere Förderung des Bundes. Dadurch habe die Stadt die Landesförderung für das Werk nicht in Anspruch nehmen können – und wäre folglich auf den Kosten sitzengeblieben. Fazit: Das neue Forsteinrichtungswerk wurde verschoben. Dieses Jahr soll es aber neu ausgeschrieben werden. „Wir planen, es Ende 2025 dem Stadtrat vorlegen zu können.“

Förster: „Flexibilität erhalten“

Ist das Forsteinrichtungswerk erstmal fertig, gibt es neue Festmeter-Angaben. Der Revierleiter vermutet: Es werden wohl weniger als die bisherigen 18.000 Festmeter an Fällpotenzial genannt werden. An diesen könne man sich dann besser orientieren. Dass Bäume gefällt werden – oder „geforstet“ wird, wie Bramenkamp sagt – sei wichtig. Auch bezogen auf den Klimawandel. Denn je größer die Krone eines Baumes sei, desto mehr Co2 könne er absorbieren. Dafür braucht ein Baum allerdings Platz – entsprechend hilft es nicht, wenn die Stämme zu nahe beisammenstehen: „Manche Stellen im Wald schreien nach der Axt.“

Und dann gibt es noch die Idee, in eine kommunale Holzvermarktungs GmbH des Landes einzutreten. Das sieht der Förster skeptisch: „Seit vielen Jahren sind wir eigenständig für die Holzvermarktung zuständig.“ Fiele das weg, könnte man nicht mehr flexibel auf Marktveränderungen reagieren, so der 52-Jährige. Der Grund: Solche GmbHs hätten oft langfristige Verträge mit Abnehmern. Lieber spricht sich der Förster dafür aus, „Herr der Dinge“ zu bleiben. Wichtig ist ihm, die ökologischen Ziele – dazu gehören auch finanzielle Erträge aus dem Wald – mit kulturellen und sozialen zu verbinden. „Circa zehn Prozent unseres Waldes ist stillgelegt“, sagt er. Diese Bereiche werden nicht angerührt – und werfen entsprechend keinen Gewinn ab, so der Förster: „Das ist eine Luxusforstwirtschaft.“ Kulturell seien für die Neustadter vor allen die Waldhütten relevant. Auf dieses „kulturelle Interesse“ nehme man im Revier ebenfalls Rücksicht.

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