Annes Welt RHEINPFALZ Plus Artikel Das Turn-Trauma

Anne Vogd
Anne Vogd

Die Olympiade ist vorbei. Ich weiß. Und der Medaillenspiegel ist negativ. Dennoch möchte ich nochmal über dieses Großereignis sprechen. Erstens weil es kaum Leute gibt, die ich in den letzten Wochen mehr bewundert habe, als unsere Olympioniken. Und zweitens weil mir ein joviales Wegtexten schon immer dabei geholfen hat, mit „Altlasten“ fertig zu werden.

Also betrachten Sie diese Kolumne von mir aus als therapeutischen Ansatz, aber da müssen Sie jetzt durch. Denn, bitte glauben Sie mir, das Turn-Trauma, das ich jahrelang durchlebt habe, war schlimmer. Ich verschone Sie auch mit Details. Nur so viel: Die einzigen Disziplinen, in denen ich hätte antreten können, wären gewesen: Vielseitigkeits-Essen und Freistil-Trinken. Vielleicht noch der Sprint. Den übe ich, wenn ich im Aldi höre: „Wir öffnen Kasse 3 für Sie“. Ich muss aber schon relativ weit vorne stehen, denn Langstrecke konnte ich noch nie. Wenn ich im Schulsport 400 Meter „kilometert“ war, kippte ich tot um. Dass keiner mit Tatortkreide meine Umrisse nachgezogen hat, lag daran, dass es jede Woche passierte.

Meine legendären Weitsprünge konnten mit einem Geodreieck gemessen werden. Und alles, was ich am Stufenbarren zustande brachte, war das, was ich beim lautlosen Herausklettern aus dem Kinderbett gelernt hatte.

Die Turnhalle war ein Ort, der mir jegliche Würde nehmen konnte und war schuld daran, dass mein Selbstbewusstsein regelmäßig versetzungsgefährdet war. Ich ballerte gegen den Bock, statt drüber zu hüpfen, hing an den Ringen wie ein nasser Sack. Diesen ranzigen „Lederasteroiden“ von Medizinball meinem Gegenüber zuzuschieben … und ich sah aus wie ein Gabelstapler am Limit. Und wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass dieses „runter vom Mattenwagen“ mir gegolten hätte. Aber ich kam ja gar nicht erst drauf. Die schönste Durchsage meiner Schulzeit war: Geräteturnen fällt aus; wir haben keinen Bock.

Ach ja, und wenn nur diese Bundesjugendspiele nicht gewesen wären ... Schon der Truppentransport zum Sportplatz trieb mir jedes Jahr Schamesröte und Angstschweiß ins Gesicht. Die einzige Urkunde, die ich mit nach Hause brachte, war eine Teilnahme-Urkunde, wobei das davor gedruckte Wort „erfolgreiche“ bei mir immer durchgestrichen war.

Ich wurde verhöhnt und verspottet. Also fing ich an wie besessen zu trainieren. Ich habe trainiert und trainiert und nach nur wenigen Jahren wurde ich …Texterin. Bis heute hat sich nichts an meiner Motorik geändert. Auch nicht durch Yoga. Während mein wunderbarer Yogalehrer Bernhard so elastisch wie ein Thera-Band zu sein scheint, frage ich mich schon bei der „Kobra“ ungläubig: Bin ich jetzt wirklich etwas gelenkiger geworden oder leiere ich aus.

Und daher an dieser Stelle nochmal an alle Olympioniken: Ihr habt meinen grenzenlosen Respekt, auch wenn’s nur Platz 4 oder 40 geworden ist.

DIE KOLUMNE

Die Deidesheimerin Anne Vogd stieg 2016 aus der Textilbranche aus und in die Comedy ein. In der Rubrik „Annes Welt“ veröffentlichen wir regelmäßig, was der 55-Jährigen durch den Kopf geht. Am Sonntag, 29. August, steht sie von 14 bis 15 Uhr beim SWR3 Comedy Festival in Bad Dürkheim mal wieder live auf der Bühne.

Die Schulturnhalle prägte unserer Kolumnistin nachhaltig.
Die Schulturnhalle prägte unserer Kolumnistin nachhaltig.
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