Neustadt Das ist eben die Globalisierung
«Neustadt». Als äußerst vergnügliches Plädoyer für Weltoffenheit und Toleranz präsentierte sich am Donnerstag im Neustadter Saalbau die Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ nach dem gleichnamigen französischen Kinohit des Jahres 2014. Die 13-köpfige Truppe des Agon-Tourneetheaters aus München brachte die turbulente Handlung um eine französische Multikulti-Familie mit großer Spielfreude auf die Bühne und wurde zum Schluss zu Recht mit lang anhaltendem Applaus belohnt.
Zwangsläufig kam dabei allen, die den Film vor einigen Jahren im Kino (rund vier Millionen sollen es in Deutschland gewesen sein) oder später im Fernsehen gesehen haben, vieles sehr bekannt vor, denn die Theaterfassung von Stefan Zimmermann, der auch Regie führte, überträgt den Film über weite Strecken fast eins zu eins auf die Bühne und passt sich auch in Tempo und Stil deutlich dem Vorbild an. So wird man gleich zu Beginn wie im Zeitraffer Zeuge von drei gänzlich ohne Worte, dafür aber mit viel wohlchoreographierter Bewegung dargebotenen Hochzeiten, die bei einer Gemeinsamkeit – es handelt sich immer um Töchter des Ehepaars Claude und Marie Verneuil, die hier unter die Haube kommen – doch deutliche kulturelle Unterschiede kennzeichnen: Denn die Schwiegersöhne sind ein Araber, ein Chinese und ein Jude, und der desillusionierte Blick, den der vom feierfreudigen Hochzeitsvölkchen immer deutlich abgerückte Claude (Ralf Novak) jedes Mal ins Publikum wirft, gibt den Grundton für alles Folgende vor. Welche Fallstricke, welche Minenfelder und Missverständnisse so eine bunte familiäre Konstellation mit sich bringen kann, zeigt dann das erste Familientreffen zur Beschneidung des frisch geborenen Enkels, wo sich natürlich trefflich darüber streiten lässt, ob der Vorgang besser gleich nach der Geburt, wie es die jüdische Tradition vorsieht, oder erst später, wie bei den Muslimen üblich, oder vielleicht auch besser überhaupt nicht vorgenommen werden sollte, weil es sich im Grunde doch um einen „barbarischen Akt“ handele, wie Claude meint. Von da ist es dann auch nicht mehr weit bis zum bösen Wort „Rassist“. Und wenn dann auch noch die Schwiegersöhne Chao Ling (Benedikt Uy) und Abraham (Robert Naumann) eine Schlägerei beginnen, kann man dem Urteil des Dritten, Abderazak (Nadim Jarrar), nur zustimmen: „Was für eine gestörte Familie.“ Doch dabei bleibt die Handlung natürlich nicht stehen, denn es geht in „Monsieur Claude und seine Töchter“ vor allem darum, die Unsinnigkeit rassistischer und chauvinistischer Vorurteile zu entlarven. Bis es soweit kommt, muss Claude aber noch einen weiten Weg zurücklegen, auf dem auch die letzte Hoffnung auf einen „normalen Schwiegersohn“ auf der Strecke bleibt. Denn Nesthäkchen Laura (Laura Antonella Rauch) schleppt zwar endlich mal einen Katholiken (Hans-Jürgen Helsig) an, der auch noch Charles wie Claudes großes Vorbild de Gaulle heißt, doch auch er hat in Claudes Augen einen großen Makel: Er ist schwarz. Aufgelöst wird das Ganze dann nach etlichen Wendungen letztlich dadurch, dass sich der Schwiegervater in spe, André Koffi (Félix Kama), der mit seiner Frau zur Hochzeit von der Elfenbeinküste anreist, als in puncto Chauvinismus mindestens ebenbürtig erweist und genau daraus und einem elementaren Besäufnis schließlich eine feste Männerfreundschaft entsteht. Nun kann man natürlich einwenden, dass sich Vorurteile und kulturelle Antipathien nur selten so leicht überwinden lassen, aber warum sollte man diese optimistische Utopie nicht einfach genießen, wie sie ist? Zumal sie mit so unglaublich viel Witz dargeboten wird – lautes Lachen und spontaner Szenenapplaus erfüllten immer wieder den gut besetzen Saal. Dazu trug das durch die Bank munter aufspielende Ensemble mit Ralf Novak und Mona Perfler als geplagtem Elternpaar an der Spitze ganz entscheidend bei. Für zusätzlichen Drive sorgten die raschen, von jeweils passender Musik untermalten Szenenwechsel, bei der eine Projektion an der Wand den nächsten Schauplatz in Paris oder Chinon, der Heimat der Verneuils in der beschaulichen Touraine, andeutete, während das Ensemble vorne im Halbdunkeln eifrig die Kulissen umbaute. Natürlich steht bei einer Filmadaption immer auch die Frage im Raum, warum man eigentlich ins Theater gehen soll, wo man sich für 9,99 auch eine DVD kaufen kann. Es ist ein bisschen wie die Entscheidung, ob man eine Kunstausstellung besucht oder sich einen Bildband anschafft. Kunstgenuss bringt beides – nur eben jeweils ein bisschen anders. Und manche wollen genau deshalb das eine tun und das andere nicht lassen.