Deidesheim
Das Gesicht der Deidesheimer Ortspolitik: Manfred Dörr verabschiedet sich
Für einen Rundgang durch die Stadt mit Manfred Dörr ist der Treffpunkt – natürlich – im Historischen Rathaus. „Der Ratssaal ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt Dörr lachend und zeigt auf einen Stuhl am linken Rand des großen Tisches: „Hier hab ich gesessen, als ich zum ersten Mal in den Rat kam.“
Sein erster Tag im Stadtrat liegt mittlerweile fast auf den Tag genau 50 Jahre zurück. Es war der 11. Juni 1974, und Dörr weiß auch noch, welcher Wochentag es war: ein Dienstag. Seither habe er nur ein einziges Mal bei einer Stadtratssitzung gefehlt, erzählt er. „Da hatte ich eine heftige Grippe.“ Dörr hat die Stadtpolitik übrigens nicht nur in verschiedenen Funktionen mitgestaltet, sondern auch darüber geschrieben – als Mitarbeiter der RHEINPFALZ. Doch zurück zu unserem Rundgang.
Kulturlandschaft erhalten
Wenn es darum geht, was dem langjährigen Bürgermeister in seiner Stadt besonders wichtig ist, führt der Weg erst einmal aus der Stadt heraus, in Richtung Wald. „Deidesheim ist die einzige Kommune, die schon früh eine westliche Bebauungsgrenze festgesetzt hat“, erklärt er. Der Haardtrand ist unbebaut geblieben, die Kulturlandschaft unverändert erhalten worden. „Als ich als Bürgermeister anfing, stellten wir fest, dass die charakteristischen Sandsteinmauern in den Weinbergterrassen langsam zerfielen“, blickt Dörr zurück. „Das wollten wir verhindern.“ So entstand das Projekt „Samba“ – was für „Sandsteinmauertrockenbau“ steht. Ein Projekt, bei dem Mauern auf einer Länge von vier Kilometern wieder hergestellt wurden. Das kam nicht nur der Kulturlandschaft zugute, sondern auch den Menschen, die dabei mit anpackten. „Es waren Langzeitarbeitslose, die viel Energie in das Projekt steckten und von vielen Lob dafür erhielten“, erzählt Dörr. Die Hälfte von ihnen sei im Anschluss wieder im ersten Arbeitsmarkt untergekommen.
Nachhaltigkeit und soziales Miteinander: Das sind Punkte, auf die Dörr immer wieder zurückkommt. Er steht nun am Aussichtsplatz bei der Eva-Skulptur im Paradiesgarten und blickt auf Deidesheim, die Weinberge und den Odenwald am Horizont. „Es ist so schön hier, das will man doch erhalten“, sagt er. Wichtig dabei sei, konsequent auf Qualität zu setzen. Dörr erinnert sich an lange zurückliegende Zeiten, in denen er sich ein bisschen Geld mit Gästeführungen verdiente. Doch dann kamen auf einmal große Busgesellschaften, die in Deidesheim kurz hielten, ein paar Fotos machten und dann weiterfuhren. „Sie brachten mehr Müll als Geld“, erzählt Dörr. Ihm sei klar geworden: So kann es nicht weitergehen. Schon seit vielen Jahren werde nun beim Tourismus konsequent auf Qualität statt auf Quantität gesetzt. Doch man müsse das immer wieder „neu ausbalancieren“, sagt Dörr. Ein großes Thema sieht er derzeit in neuen Mobilitätskonzepten. Seine Vision: Gäste und Besucher fahren nicht mehr im eigenen Fahrzeug durch die Weinberge in Richtung Wald, sondern parken an einem zentralen Punkt und steigen dann, um in Richtung Wald zu kommen, um – auf einen Shuttle oder einen Fahrdienst (Mobility-on-Demand). Einen solchen Knotenpunkt kann Dörr sich auf der Ostseite des Bahnhofs vorstellen.
Veränderungen am Marktplatz
Zurück in die Gegenwart: Das Schmuckstück der Stadt ist der Marktplatz mit dem Andreasbrunnen, dem Hotel Deidesheimer Hof und der spätgotischen Ulrichskirche. Als Dörr 2004 Bürgermeister wurde, sah der Platz noch anders aus. Er war nicht barrierefrei, und der Brunnen war nicht öffentlich zugänglich. Das zu ändern, war eines der Projekte in Dörrs Anfangszeit. Ganz unumstritten sei das damals nicht gewesen, erzählt er. Doch das ist lange her.
Womit die Kommunalpolitiker dagegen noch immer nicht glücklich sind, ist die Tatsache, dass der Platz von einer Landesstraße zerschnitten wird. „Der Autoverkehr ist noch zu dominant“, sagt Dörr. Zudem hielten sich viele Fahrer nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Mit Mitteln aus dem Förderprogramm Kipki soll nun an allen verkehrstechnisch schwierigen Stellen für mehr Grün gesorgt werden. Damit soll nicht nur die Luft verbessert, sondern auch die Autofahrer gebremst werden.
Cittàslow: Mehr Lebensqualität
Mehr Grün, weniger Autos, mehr Aufenthaltsqualität: Das sind Ziele, die auch das Netzwerk Cittàslow anstrebt, dem Deidesheim schon seit 2009 angehört. „Damals sollten alle Kommunen sich ein Leitbild geben“, erzählt Dörr. Die Deidesheimer waren allerdings wenig überzeugt über das, was landauf, landab dabei an Konzepten entstand – bis sie von Cittàslow erfuhren. „Das waren praktische Ansätze, das gefiel uns.“ Im ersten Moment musste die Stadt dafür allerdings auch viel Spott einstecken. „Gehen Sie einmal ganz langsam über die Straße“, habe ihn eine Journalistin damals aufgefordert. Doch auch die Spötter erkannten schließlich, dass hinter den Ideen viel mehr steckt als Langsamkeit – nämlich das Streben nach mehr Lebensqualität.
Mehr Lebensqualität ist für Dörr auch untrennbar mit Kunst und Kultur verbunden. „Das war mir immer ganz wichtig, ohne Kunst und Kultur hätte ich keine Motivation für das Alltagsgeschäft gehabt“, erklärt Dörr, der bis 2011 Realschullehrer mit Schwerpunkt Deutsch und Sport war. Der Weg führt jetzt zum Schlossgraben, wo der Turmschreiber inmitten von alten Mauern und einem prächtigen Park sein Quartier hat. Das Kulturprogramm in Deidesheim könne sich sehen lassen, unterstreicht Dörr und weist auf die Kunsttage Intonation, den Deidesheimer Musikherbst und die zahlreichen einheimischen Künstler hin.
Nachhaltig und sozial
Letzte Station des Rundgangs ist das Hotel Ritter von Böhl. Kein „normales“ Hotel, sondern ein Gasthaus in einem der ältesten Spitäler der Pfalz, das im 15. Jahrhundert von Ritter Nikolaus von Böhl gestiftet worden ist. Noch heute ist das Haus und die Bürgerstiftung dem Vermächtnis dieses Ritters verpflichtet, wobei seine „sieben Werke der Barmherzigkeit“ den Anforderungen der modernen Gesellschaft angepasst wurden. Heute spielen beispielsweise Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit, das Miteinander von Jung und Alt sowie die Unterstützung von Flüchtlingen eine große Rolle. Da sind sie wieder, Dörrs große Themen, die Nachhaltigkeit und das soziale Miteinander.
All das, sein ganzer Einsatz für die Kommune, habe sein Leben unglaublich bereichert, sagt Dörr. Er habe sehr viel gelernt und mit vielen interessanten Menschen Freundschaft geschlossen. Und einmal habe er sogar vor einem UN-Gremium gesprochen. In Rom war das, 2019. Dörr war bei einem Cittàslow-Treffen und erhielt bei der Anreise im Zug auf einmal die Information, dass er eine Rede halten solle. Über die nachhaltige Entwicklung in einer kleinen Kommune. „Vor mir sprach ein Vertreter aus China, aus einer Vier-Millionen-Metropole.“ Und dann kam er, der Bürgermeister eines 4000-Einwohner-Städtchens in der Pfalz. „Das war schon ein Erlebnis.“
Doch trotz aller schönen Seiten: Dörr ist überzeugt, dass er mit seinem Rückzug die richtige Entscheidung getroffen hat. „Ich wollte nie einer sein, der dazu gedrängt werden muss zu gehen“, sagt der 73-Jährige.