Neustadt Das Cello singt zum Abschied
«Neustadt.» Haydn, Mozart, Beethoven: Die drei großen Klassiker waren dran, als sich am Donnerstag Karl-Heinz Steffens im Saalbau als Chef der Rheinland-pfälzischen Staatsphilharmonie verabschiedete. Im vollen Haus besonders bejubelt: Lynn Harrell, der amerikanische Altmeister am Cello, der nicht nur apollinisch heitere, schwerelose Musikalität verströmte, sondern im munteren, jugendlichen Blitzen seiner Augen und kleinen Gebärden auch ungemein viel menschliche Wärme ausstrahlte. Wenn`s im Saal nur nicht so heiß gewesen wäre!
Stark, die Aufmerksamkeit fesselnd, schon die ersten Takte: Wolfgang Amadé Mozarts Idomeneo-Ouvertüre, 1780 für das Münchner, noch kurz vorher Mannheimer Orchester geschrieben, damals das beste, modernste überhaupt. Spannungsvoll, wohlklingend, klangstark – Steffens lässt in großer Besetzung spielen, schwungvoll vorwärtsdrängend, und doch die heiter-beschwingten Momente mit Wärme auskostend: Er ist keiner von denen, die Mozart tothetzen; gleichwohl wählt auch er straffe Tempi, lässt prägnant musizieren und schafft so eine schöne, überzeugende Vermittlung zwischen großorchestralem Duktus und historisch-informierter Vortragsweise. Hier tanzt und tändelt zu Zeiten noch das Rokoko, aber es wetterleuchten auch schon jene Gewitter, die wenige Jahre später Europa aus den Angeln heben sollten. Die Ouvertüre geht über in die Ballettmusik, welche die Oper abschloss, eine reiche, gewichtige Musik, welche die große Gebärde, mit der Steffens sie anlegt, braucht. Die Staatsphilharmonie ist in allen Instrumentengruppen aufmerksam und klanglich tadellos; hier wird großartig musiziert. Ebenso in Joseph Haydns erstem Cellokonzert in C-Dur, 1762 für einen Meister seines Fachs geschrieben. Frisch, beglückend federnd, herrlich fein und beschwingt setzt die Orchestereinleitung ein. Ebenso fein, ganz leicht, lakonisch fast, übernimmt der Solist. Steffens lässt den durchlaufenden punktierten Rhythmus scharf akzentuiert spielen , Lynn Harrell nimmt das auf, ist mit dem Orchester einig und doch ganz bei seinem Part, den er ungemein lebendig wiedergibt. Originell ist seine Kadenz, voll amüsanter Momente, die sich einen Moment lang in Haydns Paukenschlagsinfonie hineinträumt. Im langsamen Satz kommt Harrells wunderbar schlanker, leichter Celloton herrlich zur Geltung, rein, ruhig fließend, mit Bedachtsamkeit singend. Das Orchester hat nur einzelne Akkorde mit viel Luft dazwischen. Aber es hält die Spannung. Blitzblank, funkelnd vorübereilend setzt der Schlusssatz ein. Haydns Allegro molto wird zum Prestissimo. Hier geht`s um Geläufigkeit. Harrell hält mit, geht an jene Grenze, jenseits der aus unterscheidbaren Tönen eine Art Tremolo wird, und – große Kunst: Die Musik stirbt dabei nicht. Der Satz ist ein Wunder an Exaktheit und flirrender Schwerelosigkeit, nie mechanisch, immer durchgestaltet. Der Jubel ist herzlich und groß. Ludwig van Beethovens vierte Sinfonie in B-Dur hat natürlich Anteil am Niveau des bisher Gehörten. Gleichwohl überzeugt sie nicht im gleichen Maß, wirkt insgesamt zu laut, zu massig, zu schwer. Man will sie in jüngster Zeit mit dem dramatischen Gehalt ihrer Nachbarn, der Eroica und der Schicksalssinfonie aufladen. Es ist auch richtig, was das lehrreiche Programm schreibt: dass es hier genug Vertracktes, Widerborstiges gibt. Nur: Die betont sanglichen, heiteren Themen, die Beethoven hier ausspinnt, lassen sich nicht auf harte Kämpfe, sprich: weitläufige Durchführungen ein, sie gehen eher mit bisweilen grimmiger Heiterkeit über Widerständiges hinweg. Man mag sich als den Komponisten, um ein biografisches Bild zu wählen, diesmal nicht im dramatischen Kampf mit der Weltgeschichte und seinen eigenen Lebenswegen vorstellen, sondern eher in Auseinandersetzung mit seinem meist als widerspenstig empfundenen Dienstpersonal. Der Beifall war denn auch zunächst deutlich verhaltener, schwoll dann mächtig an und galt wohl dem Konzert insgesamt, der vorzüglichen Staatsphilharmonie, ihrem so markant gestaltenden scheidenden Generalmusikdirektor Karl-Heinz Steffens und gewiss auch noch einmal Lynn Harrell.