Freinsheim
Countertenor Valer Sabadus begeistert im Von-Busch-Hof
Ein eindrucksvolles Konzert war am Sonntag im vollbesetzten Saal des Von-Busch-Hofs in Freinsheim zu erleben: Der international gefragte Countertenor Valer Sabadus sang, begleitet von Akemi Murakami am Flügel, Lieder aus mehreren Jahrhunderten, in verschiedenen Sprachen und zum großen Vergnügen der zahlreich erschienenen Musikliebhaber(innen).
Der Begriff des Countertenors sei noch vor wenigen Jahren kaum bekannt gewesen, erklärte Rainer Schick, der musikalische Leiter des Konzertreihe des Vereins „Von-Busch-Hof konzertant“, in seiner Einführung – und erntete dafür Murren aus dem Saal. Hier sitzt nämlich ein wohlinformiertes Publikum, das auch um die Musikgeschichte weiß. Es ist vielen nicht unbekannt, dass es Zeiten gab, in denen es als unschicklich galt, dass Frauen sich als Akteurinnen auf der Bühne neugierigen Blicken aussetzen. Daher wurden Frauenrollen im Theater sehr lange mit Knaben vor dem Stimmbruch besetzt – und in der Musik von Kastraten, also Männern, denen der Stimmbruch operativ verwehrt worden war. Bei den ersten Stücken des Abends von Henry Purcell, Giovanni Battista Pergolesi, Christoph Willibald Gluck und Georg Friedrich Händel war diese Praxis noch verbreitet.
Empfindungen, die sich nicht gendern lassen
Aber stimmtechnisch hat sich dieser Behelfsersatz für Frauenstimmen längst in eine glückliche Richtung entwickelt. Schließlich können auch Männerstimmen im Falsett singen und sogar Koloraturen und vielfältige Verzierungen in der Barockmusik zustande bringen. Das hört sich zwar anders an als bei Sängerinnen, hat aber einen ganz eigenen, eindrucksvollen, charakteristischen Klang.
Das war zu Beginn des Konzerts gleich zu hören: Akemi Murakami hatte bereits am Flügel Platz genommen und das Vorspiel begonnen, als sich Valer Sabadus, singend durch die Reihen zur Bühne schreitend, so vernehmen ließ, dass der ganze Saal von seiner Stimme erfüllt wurde. Es klingt eben nicht wie eine Frauenstimme, sondern durchaus männlich und kräftig, auch in den leisen Tönen.
Auch Mozart hat noch Rollen für Männerstimmen im Falsett geschrieben, zum Beispiel in seiner Oper „La Clemenza di Tito“, aber seine „Abendempfindung an Laura“ hätte, historisch gesehen, ebenso gut von einer Frauenstimme vorgestragen werden können. Aber darum geht es in diesem Konzert nicht: Das nächste Stück; Joseph Haydns Kantate „Arianna à Naxos“ ist eigentlich eine Frauenrolle. Aber, so erklärt es Valer Sabadus dem Publikum, die Gefühle des Verlassenseins, der Wut, der Verzweiflung und der tiefen Melancholie, des Ergebenseins in das unvermeidliche Schicksal, das sind Empfindungen, die auf alle Menschen zutreffen und nicht etwa aufgeteilt nach Geschlechtern. Da komme es gar nicht darauf an, in welcher Stimmlage vorgetragen wird. Das gilt natürlich auch für den Rest des Programms.
„Ich bin der Welt abhanden gekommen“
In dem wird es nach der Pause zunächst französisch, Hector Berlioz kommt zum Zuge, Reynaldo Hahn in mehreren Liedern, auch Gabriel Fauré. Während die Sprache im ersten Teil überwiegend Italienisch war, sang Sabadus in diesem Teil Französisch. Der Musikstil und die Sprache sind Gänge eines sehr vielfältigen Menüs, das den Musikfeinschmeckern hier geboten wurde. Poetische Musik der Belle Époque, dargestellt durch die lyrische Stimme des Sängers, der eben nicht nur Barockmusik beherrscht.
Zum Schluss wird es deutsch, romantisch und spätromantisch: Felix Mendelsohns „Auf den Flügeln des Gesanges“ – titelgebend für das Programm des Abends – die „Mondnacht“ von Robert Schumann und schließlich Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Und dieses Gefühl verbreitet sich. Es passt zum nebelverhangenen November, zu der ungewohnten, manchmal fast überirdisch wirkenden Stimme von Valer Sabadus. Verbreitet sich zum Ende des Jahres eine tiefmüde Todessehnsucht? So kann man das Publikum nicht nach Hause gehen lassen, vor allen nicht, wenn es so lange und heftig geklatscht hat!
Virtuose Jodler auch ohne Diplom
In freundlichere Sphären ging es deshalb mit den Zugaben: Gabriel Faurés „Apres la rêve“, also „Nach dem Traum“, aus dem man am Ende des Konzerts aufgewacht ist, und dann, da das Klatschen nicht nachlässt, eine Wiederholung des vergnüglichen Stücks „Mandoline“, ebenfalls von dem Franzosen.
Man merkt Valer Sabadus an, dass er viel als Opernsänger unterwegs ist. Auch ohne Kostüm und Requisiten stellt er nicht nur durch die Art des Gesangs, sondern auch durch Gestik, Mimik und Körpersprache anschaulich Personen und Gefühlslagen dar. Die Zuhörer können so noch besser mitgehen. Der Kontakt zum Publikum war von Beginn an da!
Akemi Murakami nicht zu vergessen. Kongenial war ihre Begleitung oder besser ihr Zusammenspiel mit dem Sänger, bis in kleinste Detail abgestimmt in gegenseitiger Zuwendung. Ihre Soli, Mozarts Fantasia in d-Moll (KV 397) und Frédéric Chopins Nocturne op. 9 Nr. 2, spielte sie mit so viel Delikatesse, so berührend mit minimalen Verzögerungen und Betonungen, dass es schien, als höre man sie zum ersten Mal. Der Mode des enorm virtuosen Schnellspielens hat sie sich nicht verschrieben. Der Applaus gilt durchaus beiden Künstlern.
Im Gespräch nach der Vorstellung erklärte Valer Sabadus, dass man als Countertenor sich entscheiden müsse, ob man im Falsett singen wolle oder in seiner natürlichen Tonlage. Er selbst sei Tenor/Bariton. Man könne selbst als Bass als Countertenor singen, es klinge aber etwas anders. Vor allem aber könne man auf Dauer nicht hin- und hersingen. Man müsse sich entscheiden, ob man Tenor oder Countertenor sein wolle. Durcheinander gehe es auf Dauer nicht. Auf den Einwand, dass es beim Jodeln doch auch gehe, gab er sogleich virtuose Jodler zum Besten, „ohne Jodlerdiplom“, wie er in Erinnerung an Loriot scherzte. Auch wenn man im Konzert der Welt etwas abhanden gekommen war, so bestimmten doch Humor und das Glück eines für alle gelungenen Abends am Ende den Ton.