Neustadt
Cannabis aus der Pfalz: Erste Hanfernte mit Hindernissen (mit Video)
„Wir haben Neuland betreten“, erklärt Holger Schmitt, während er vor der Maschinenhalle den Riemen an seinem Mähdrescher umlegt und den Bolzen für das Untersetzungsgetriebe der Dreschtrommel absteckt. Der Landwirt aus Lachen-Speyerdorf ist angespannt – heute steht seine erste Hanfernte an. Blaupausen gibt es nur wenige, laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) bauten 2024 nur 14 Betriebe in Rheinland-Pfalz Nutzhanf an.
Hier geht es nicht um berauschendes „Gras“ – wenngleich beim Cannabisanbau mehrere Auflagen erfüllt und dokumentiert werden müssen. Schmitt will aus den Hanfsamen Öl gewinnen und es regional vermarkten. Im Frühjahr hat er das erste Testfeld bestellt – ein Pionierversuch mit gewissem Risiko. Nach der Aussaat hatten die Cannabispflanzen mit Trockenheit zu kämpfen. „Daher sieht man unterschiedliche Wachstumsstände“, erklärt Schmitt, „es wurden aber auch Beikräuter unterdrückt, weil der Hanf so schnell gewachsen ist. An einer Stelle war der Disteldruck hoch, die Ackerfläche hatte da eine Delle. Aber der Hanf hat sich durchgesetzt. Maschinelles Hacken wäre in meinem Bestand nicht möglich gewesen, weil der Reihenabstand zu gering ist.“
Ernteprogramm „Hanf“
Durch Beobachten muss der Landwirt den perfekten Erntezeitpunkt erkennen. Neben Organisation eine Sache der Erfahrung, die Schmitt unter anderem mit Roggen, Weizen, Braugerste, Körnermais und Trauben hat. „Unser Hanf hatte verschiedene Reifeständen, und grüne Kerne müssen lange nachtrocknen, um auf die neun Prozent Feuchte zu reduzieren, damit die Samen lagerfähig sind und beim Pressen später nicht zu viel Wasser dabei ist.“
Die Grundeinstellungen der Maschine Baujahr 2020 hat Schmitt vor dem Start händisch festgelegt, beim Ernten kann er Abstand, Drehzahl und Wind elektronisch von der Führerkabine aus steuern. „Dafür braucht man Fingerspitzengefühl.“ Der Startpunkt für das Hanfexperiment sind 320 Umdrehungen der Dreschtrommel, neun Millimeter Dreschkorbabstand, eine Winddrehzahl von 650, den Obersieb stellt Schmitt auf elf, das Untersieb auf acht Millimeter. Auf dem Weg zum Feld steigt die Anspannung merklich: „Jetzt kann noch alles passieren. Wenn wir die ersten paar Meter drin sind, müssen wir schauen, was hinten rauskommt. In der Maschine sollen die Körner sein, möglichst ohne Pflanzenrückstände.“
Ganz anders als Getreideernte
Vorne am Mähdrescher befindet sich das Schneidwerk. Es schneidet die Getreidehalme dicht über dem Boden ab und führt sie über einen Einzug in die Maschine. Im Dreschkorb drehen sich eine Dreschtrommel, die die Samen aus den nussartigen Fruchtständen herauslöst, indem Reibleisten sie über einen Korb ziehen. Die losen Samen und kleine Pflanzenteile fallen durch den Dreschkorb in ein Reinigungssystem mit Sieben und Gebläse, das dafür sorgt, dass nur die Samen im Korntank landen. Über ein Förderrohr können sie später in einen Anhänger umgeladen werden. Größere Strohteile werden nach hinten aus der Maschine ausgeworfen.
Am Feldrand schafft Sandra Schmitt das Schneidwerk mit einem Traktor heran. Es wird am Mähdrescher angedockt und beim Einfahren in den Acker abgesenkt. „Wir versuchen, nur die Ähren zu erwischen, damit weniger Pflanzenbestandteile dabei sind, die uns das Leben schwer machen in der Maschine“, erklärt Schmitt und bemerkt schon nach wenigen Metern, dass sich der Hanf ganz anders verhält als das gewohnte Getreide: Die reißfesten Hanffasern bleiben zwischen den Klingen im Schneidwerk stecken.
Was landet im Tank?
Irgendwann gibt Sandra Schmitt ihm von draußen ein Signal – etwas stimmt nicht. Das reißfeste Restmaterial hat sich hinten am Auswurf festgesetzt. „Damit hat man früher Wasserleitungen abgedichtet“, sagt Schmitt, während er die Fasern aus der Maschine zieht. Der Landwirt justiert an den Einstellungen nach und startet den Drescher. „Normalerweise setzt man die Haspel nur so wenig wie möglich ein, um nicht schon vorne Samen herauszulösen. Beim Hanf ist es anscheinend notwendig, so einzugreifen, dass die Halme nach hinten umfallen.“ Gar nicht so leicht, weil viele Ähren so in die Höhe ragen, dass Schmitt das Schneidwerk stark nach hinten neigen muss.
Nach zwei Bahnen kommt der spannende Moment – was ist im Tank gelandet? Schmitt klettert auf die Maschine und steigt in den Tank. „Nicht ganz so, wie wir es haben wollen“, so das erste Fazit, als er den Kopf wieder herausstreckt. Noch zu viel Stängelmaterial, das eigentlich in den Untersieben herausgefiltert werden sollte. „Gehen wir noch fünf Millimeter enger.“ Bevor der Landwirt wieder einsteigt, kontrolliert er den Boden nach Verlusten, also wie viele Samen auf dem Boden gelandet sind. „Ich vergleiche das mit dem Boden im Bestand, weil da durch Wind und Vögel auch schon Samen liegen.“
Plötzlich steht alles still
Die nächste Bahn auf dem Feld scheint erst gut anzulaufen. Bis die Maschine nach wenigen Minuten ganz stillsteht. „Hoffentlich keine gebrochene Klinge“, denkt Schmitt laut. Die Hanfhalme haben den Messerantrieb blockiert. Schmitt versucht, das Material aus dem Schneidwerk zu entfernen, in der Hoffnung, dass es sich wieder drehen lässt. „Das war jetzt einmal zu optimistisch und zu schnell“, murmelt er, während er den Antrieb trennt und auf unzählige aufgewickelte Stängel trifft. „Da kommen wir ohne Werkzeug nicht weiter.“
Als Bauer ist Schmitt Herausforderungen gewohnt. Als er den Messerantrieb anschaut, ist sein Optimismus jedoch spürbar gedämpft. Dort sind die Finger als Gegenhalt zu den Klingen verstopft, Hanf steckt mutmaßlich in Lücken, Spalten und Lagerungen. „Wenn’s blöd kommt, haben wir für heute Feierabend, weil wir das hier nicht auf die Schnelle gelöst kriegen“, sagt Schmitt.
„Man muss Grenzen austesten“
Alles Klopfen und Rütteln hilft nicht. „Wenn’s da wirklich drin sitzt, müssen wir aufhören. Im schlimmsten Fall wird das warm, entzündet sich, und die Maschine brennt ab. Da haben wir auch nichts gewonnen.“ Es wird also einen zweiten Versuch für die restliche Hanfernte auf dem 0,7 Hektar großen Feld geben. „Da werde ich etwas langsamer und bedächtiger fahren“, resümiert Schmitt und zuckt mit den Schultern. „Man muss Grenzen austesten.“
Im nächsten Anbauzyklus will er früher ernten, wenn die Stängel noch grün und leichter zu verarbeiten sind – den Tipp hat er erst heute Morgen von einem anderen Hanfbauern erhalten. Ihm bleibt heute nur noch auf den Hof zu fahren und abzuladen. Das Korn läuft über ein Rohr aus dem Tank in einen Anhänger. Weil sich ein Teil in den Förderschnecken im Inneren festgesetzt hat, muss der Landwirt noch mal in die Maschine klettern, bevor sie in die Maschinenhalle kommt.
Landwirte unter Druck
Davon, ins Hanfölgeschäft einzusteigen, ist Schmitt trotz aller Hürden überzeugt. Hanf als Nische soll den Lachen-Speyerdorfer Betrieb angesichts immer schwierigerer Bedingungen in der Landwirtschaft in die Zukunft führen. Andere reagierten skeptisch bis interessiert auf den Versuch, erzählt Schmitt und macht deutlich: „Wir Landwirte haben einen bombastischen Job und sind mit Herzblut dabei, das wollen wir uns bewahren, indem wir uns weiter spezialisieren.“