Neustadt „Beschleunigung wie auf richtigem Motorrad“
«Niederkirchen.» Sein Surfbrett ist nur 40 Zentimeter breit, dafür aber 2,40 Meter lang. „Es ist ganz dünn“, erzählt der Niederkirchener Speedsurfer Wolfgang Lewang schmunzelnd. „Es trägt nur 50 Kilogramm – wenn man da mit 100 Kilo draufsteht, geht’s sofort unter.“ Der 51-Jährige kann aber mit solch einem Surfbrett bestens umgehen: Er führte zum Jahresende die Wertung der „Grand Master“, der 51- bis 60-jährigen Senioren, im Speedsurfen an. In der offenen Klasse ist er Fünfter.
In der Grand-Master-Klasse sind immerhin mehrere tausend Surfer registriert. Er müsse jeden Monat ein Jahr lang ein Ergebnis abliefern, erzählt der Niederkirchener, der vor allem in den Niederlanden oder in Südfrankreich aufs Surfbrett steigt und dort versucht, so schnell wie möglich zu surfen. „Das Messverfahren ist dank GPS sehr fortgeschritten“, erzählt er. So trage er bei seinen schnellen Ritten auf dem Surfbrett ein GPS-Gerät am Oberarm. Die Ergebnisse schicke er online an GPS-Speedsurfing.com, wo eine Rangliste erstellt werde. Lewang: „Es gibt eine Verknüpfung mit GPS und Google Earth“, so dass zu sehen sei, wo ein Surfer welche Strecke wie schnell zurückgelegt habe. Um Betrug und Fehlern vorzubeugen, müssen die Surfer zwei GPS-Geräte mit sich führen. „Ein menschlicher Zeuge ist hinfällig wegen des GPS und der Google-Earth-Geschichte“, erzählt Wolfgang Lewang. „Wir Surfer müssen auch Windstärke und -richtung angeben sowie den Streckenabschnitt, auf dem man gefahren ist.“ Erst am 7. Dezember war Lewang in den Niederlanden auf dem Meer unterwegs. „Vier Grad Lufttemperatur, Windstärke acht, das Wasser war saukalt“, erinnert er sich an die Kälte, obwohl er beim Surfen einen so genannten Trockenanzug angehabt hat, in den kein Wasser eindringt. Lewang gibt aber zu: „Nach zwei, drei Minuten habe ich meine Füße nicht mehr gespürt. Ich hatte keinen Kontakt mehr zu meinen Füßen.“ Insgesamt 500 Meter habe er zurückgelegt. Seine schnellste Fahrt hat er im Mai in den Niederlanden in Ouddorp Haven absolviert: Lewang schaffte bei acht bis zehn Windstärken eine Höchstgeschwindigkeit von 81 Sachen. Im Schnitt, überlegt der 51-Jährige, surfe er mit Tempo 75 bis 80. Der Niederkirchener bringt 90 Kilo Eigengewicht aufs Brett – für einen Speedsurfer ist das zu wenig. „Ich habe noch zehn Kilo Blei dabei“, verrät er und gesteht, dass das Tragen einer Gewichtsweste „schon heikel ist“ bei einem Sturz ins Wasser. Und das Wasser ist nur bei ablandigem Wind flach und wellenlos und somit fürs Speedsurfen geeignet. Lewang: „Ich fahre nie so weit raus.“ Denn der ablandige Wind drücke ihn vom Ufer weg. „In der Windstärke mit ablandiger Strömung ist ein Zurückschwimmen unmöglich“, ist sich der Versicherungskaufmann des Risikos bewusst. Er selbst gehe bei mehr als zehn Windstärken nicht mehr raus aufs Wasser. Bei elf Windstärken sei die Beschleunigung ohnehin zu ruckartig. Der Niederkirchener trägt stets einen Helm sowie eine Schutzweste. Seine Segel sind zwischen fünf und sieben Quadratmeter groß. „Ich habe immer noch einen Risikopuffer - es ginge immer noch mehr“, betont er, legt aber Wert darauf, „alles unter Kontrolle zu haben“. In 20 Jahren als Speedsurfer habe er sich nur einmal die Nase gebrochen. „Ich bin mit dem Segel ins Wasser gefallen und habe mit der Nase auf dem Segel gebremst“, erzählt er. „Ich war damals noch nicht routiniert.“ Der ehrgeizige Niederkirchener hat noch ein weiteres sportliches Ziel: Derzeit liege der Weltrekord im Speedsurfen im offenen Wasser bei 44,5 Knoten, was rund 82 Stundenkilometern entspricht. „Ich müsste etwa vier Stundenkilometer zulegen“, überlegt Lewang. „Das ist viel, aber zu machen.“ Allerdings müsste dazu „ganz viel zusammenpassen“: der Winkel vom Wind, Windstärke und die persönliche Tagesform. „Den Weltrekord in meiner Altersklasse schaffe ich, da bin ich mir sicher – wenn ich ihn nicht vielleicht schon habe“, sagt er weiter. Im vergangenen Jahr sei er bereits mit 39,4 Knoten unterwegs gewesen und habe da schon zu den besten drei Surfern gehört. Für 2018 sei ein Weltrekordversuch im offenen Wasser, ein Open-Water-Speed-Record, in La Franqui in Südfrankreich angesetzt. Wolfgang Lewang ist spät zum Surfen gekommen. „Ich habe erst mit Anfang 20 angefangen“, erinnert er sich an erste Windsurfversuche auf einem Baggersee bei Altlußheim. „Ich war am Anfang wenig begeistert, bin drei Tage lang im Wasser rumgefallen“, erzählt er schmunzelnd. Auch seine ersten Versuche auf dem Mittelmeer seien „ziemlich kläglich“ gewesen. Lewang: „Aber ich bin hartnäckig.“ Mit dem Surfclub Haßloch sei er einst regelmäßig in die Niederlande gefahren. Inzwischen genießt er längst den kontrollierten Geschwindigkeitsrausch: „Das ist eine Beschleunigung wie auf einem richtigen Motorrad – in 2,5 Sekunden auf 75 Sachen.“