Obrigheim RHEINPFALZ Plus Artikel Bernd Thorsten Korz: Singer-Songwriter mit Tics und Tiefgang

Musik hilft ihm, besser mit seinem Tourette-Syndrom fertig zu werden: Singer-Songwriter Bernd Korz aus Obrigheim.
Musik hilft ihm, besser mit seinem Tourette-Syndrom fertig zu werden: Singer-Songwriter Bernd Korz aus Obrigheim.

Bernd Thorsten Korz hat aufgrund einer Erkrankung sehr viele Herausforderungen zu meistern. Warum dem Unternehmer die Musik sehr hilft.

Wenn Bernd Thorsten Korz spazieren geht, muss er permanent auf den Boden spucken. „In einer Stunde rund 100 Mal“, erzählt der Mann vom Gassigehen mit den Hunden. Beim Treppensteigen müsse er alle paar Stufen einen Doppelschritt ausführen. Mitunter macht er sich bei Meetings unbeliebt, wenn er beispielsweise zu jemandem sagt: „Na, du hast ja wohl heute auch noch nicht gefickt.“ Der 56-Jährige, der ständig unwillkürlich mit den Schultern zuckt, lebt seit seiner Geburt mit dem Tourette-Syndrom. Er erklärt: „Wenn der Impuls da ist, muss es raus.“

Eine Heilung ist nicht möglich

Nach so einem obszönen mündlichen Tic fühlt sich Korz alles andere als wohl. Aber er könne es oft nicht verhindern. Mit der Zeit lerne man zwar, die plötzliche verbale Entgleisung oder die sich aufdrängende Handlung zeitlich zu verschieben oder über eine Aktion in einem anderen Bereich des Körpers abzuleiten, „aber das ist sehr schwer und kostet viel Kraft“, erläutert er. Ein Telefonat müsse er manchmal abbrechen, weil er Worte ständig wiederhole, sodass kein sinnvolles Gespräch möglich sei. Die motorischen Tics sorgten für permanente Muskelverspannungen, berichtet er von dauerhaften Schmerzen. Heilbar ist die angeborene Erkrankung des Nervensystems nicht, nur die Symptome lassen sich ein bisschen lindern – etwa mit Physiotherapie, Cannabis-Extrakt und Codein.

Was wirklich hilft, ist Musik. Das hat Korz erst während der Corona-Pandemie herausgefunden. Der zweifache Vater hatte von seiner Gattin Meike eine Ukulele geschenkt bekommen, und vor eineinhalb Jahren begann er, Tenorgitarre zu spielen. Wenn er die vier Saiten des Instruments schlage und zupfe, versinke er in einer anderen Welt. „Ich werde ruhiger, hab den Tunnelblick und blende die Umgebung komplett aus. Das tut mir wahnsinnig gut“, sagt Korz, der sich inzwischen auch Klavier beibringt und seit kurzer Zeit zudem Schlagzeug. Die Melodien entstehen ebenso wie die Impulse zu den Tics einfach so in seinem Kopf und müssen raus, die Finger formen sie auf Saiten oder Tasten.

Schon 25 Songs veröffentlicht

Dazu beginnt er mit rauchiger Stimme zu singen. In rund 20 Minuten entstehe ein Lied in der Rohfassung, erzählt der aus dem niedersächsischen Zeven stammende Wahl-Obrigheimer, der sich im Ortsteil Mühlheim einen alten Vierseitenhof restauriert hat. Dort ist genügend Platz für sein therapeutisches Hobby, für das er schon jede Menge Equipment angeschafft hat. Im eigenen Haus findet die Vorproduktion statt, bevor die Songs in einem Berliner Studio von Adam Kesselhaut professionell aufbereitet werden – immer auf Hochdeutsch und auf Pfälzisch sowie teils auch als Remix. „Dafür reicht es bei mir noch lange nicht“, meint er selbstkritisch.

Die Stücke sind oft melancholisch. „Etwas Lustiges kann ich nicht. Vielleicht, weil sich meine Mutter mit 49 Jahren das Leben nahm“, erläutert der Autodidakt, der jedoch durchaus Humor hat. Die Texte sind tiefgründig. „Kalter Kaffee, leerer Stuhl. Alles wie immer: still und kühl. Die Worte bleiben ungesagt – Tag für Tag, Nacht für Nacht. (…) Auch wenn es mich zerbricht, dein Lächeln ist mein Licht“ heißt es beispielsweise im Lied „In dieser Zeit“ über eine einseitige Liebe. „Es handelt vom Bleiben, wenn alles flüchtig wird, von der stillen Revolution, einfach da zu sein – für sich selbst, für andere, für den Moment“, so Korz, der rund 25 Titel veröffentlicht hat.

Für Januar kündigt er einen Song im Westernhagen-Stil über eine toxische Beziehung an. In der Mache sei auch das vertonte Schicksal einer mit 42 Jahren verstorbenen Frau, die an Long Covid und mehreren Gehirntumoren litt. Korz gibt zur Tenorgitarre einen kurzen, sehr gefühlvollen Einblick in das Lied. Auch seine eigene Erkrankung thematisiert er schonungslos. So blickt er etwa in „Burnt Bridges“ – der englische Titel täuscht darüber hinweg, dass es sich um eine deutsche Version handelt – auf seine Lebensgeschichte. Er habe gelernt, mit den Anfeindungen aus der Gesellschaft umzugehen und darüber zu lachen. „Teils sind es studierte Menschen mit Doktortitel, die mich anmachen mit ,Bist du ein Spasti, du Depp?’“ Den Song „Coprophenomenon“ habe er für die World Tourette Foundation komponiert. Darin besingt Korz einen „Krieger, Trotzer“, der höher steigt „mit den Narben der Vergangenheit, rekrutiert mit Feuer“. Seine Erkrankung sei das Beste, auch wenn aufgrund der Kopropraxie und der Koprolalie, also der zwanghaften Gesten und derben Äußerungen, täglich neue Herausforderungen auf ihn warten.

Musiker mit einem ambitionierten Ziel

Korz blickt zurück auf einen schweren Autounfall, bei dem ihm ein Schulterblatt zertrümmert wurde. Sieben Jahre habe er gebraucht, um eine Klinik zu finden, die ihn trotz des Tourettes operiert hat. Der Gründer und Geschäftsführer der in Mannheim ansässigen Alugha GmbH mit rund 40 Mitarbeitern kommt mit wenig Schlaf aus. Er sprüht trotzdem vor Energie und ist ein Macher. Der Betonbauer- und Maurermeister sowie studierte Hochbautechniker war mit einer eigenen Firma an der Errichtung des Bundeskanzleramts in Berlin und des Volksparkstadions in Hamburg beteiligt. Nach der Insolvenz wechselte er in die Computerbranche. Heute betreibt er eine mehrsprachige Videoplattform, eigenen Angaben zufolge Europas größte YouTube-Konkurrenz, mit renommierten Kunden auf der ganzen Welt. Musikalisch Ebene hat der Singer-Songwriter ein ambitioniertes Ziel: „Einmal ein Konzert geben vor 1000 Menschen.“

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