Neustadt Beim Nachbestellen spielt auch das Wetter mit
Wer dieser Tage in der Filiale des Discounters Aldi Süd in der Buochser Straße in Deidesheim war, hat sie vermutlich gesehen: Junge Mitarbeiter, die – anders als sonst – ein T-Shirt trugen auf dem „Azubi“ und „Mehr Verantwortung – Wir leiten diese Filiale“ zu lesen war. Insgesamt 14 angehende Einzelhandelskaufleute und Handelsfachwirte taten vier Wochen lang genau das.
Sieben übernahmen im April den Markt in Deidesheim. Parallel machte die andere Hälfte das gleiche in einer Landstuhler Filiale. Wie Regionalverkaufsleiterin Nadja Ziegler erklärte, werde das Projekt seit einigen Jahren durchgeführt. Azubis im dritten Lehrjahr übernähmen die Leitung und lernten zu delegieren. Ziegler: „Es geht um Reife, Persönlichkeit und Verantwortung.“ Die jungen Menschen erhielten die Chance, sich auszutesten, aber auch zu erkennen, wo noch Entwicklungspotenzial bestehe. Alex Windholz gefällt es, tägliche Warenbestellungen selbstständig mit dem Gerät zur mobilen Datenerfassung (MDE) auszuführen. Auch früher habe der 26-Jährige schon Waren nachbestellt. Bislang jedoch immer in enger Absprache mit dem Filialleiter, diesmal eigenverantwortlich. Sogar tägliche Wettermeldungen seien beim Bestellprozess einzubeziehen. Vor allem in der Grillsaison müssten Leerstände bei Fleisch und Gemüse, allerdings auch allzu große Überbestände der verderblichen Waren vermieden werden. Klar seien dabei auch mal kleinere Fehler passiert. Einmal hätten sie zu wenige Äpfel geordert. Am nächsten Tag habe er jedoch mit einem Griff zum Telefon den Warentausch mit einer nahe gelegenen Filiale organisiert. Eine Kollegin habe die Ware auf dem Weg zu ihrer Schicht mitgebracht. Die Frage, ob ihm das Plus an Verantwortung Last gewesen sei, verneint Windholz: „Da kann man ordentlich reinhauen. Ich könnte niemals acht Stunden im Büro sitzen.“ Die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, machten den Beruf für ihn gerade so interessant. Er habe in der Azubi-Filiale viel dazugelernt. Habe allerdings auch sehen können, wo ihm Erfahrung zur Erfüllung seines Wunsches – die Leitung einer Filiale – fehle. So schnell ginge dies ohnehin nicht, betonte Ziegler. Zunächst werde der „Filialführungsnachwuchs“ weiter ausgebildet, um dann in Zukunft eine Filiale komplett selbstständig leiten zu können. Delegieren heiße dennoch nicht, dass jeden Tag ein Azubi alleinig „Chef spielt“ und die anderen herumkommandiert. Teamwork sei wichtig. Windholz: „Wir stimmen uns immer gegenseitig ab, es ist eher ein Zusammenarbeiten.“ An den Aktionstagen montags, donnerstags und samstags seien sie immer mehr Leute gewesen als sonst. Für die Aktionsangebote muss Platz geschaffen und die Produkte vorangegangener Aktionen müssen anderswo verräumt werden. Auch diese Aufgaben organisierten die Azubis nun vollkommen selbstständig. Windholz: „Da muss man manchmal erfinderisch werden.“ Auch Vanessa Overkamp-Fröhning habe die Azubi-Filiale enorm geholfen und ihr überhaupt erst vor Augen geführt, wie abwechslungsreich der von ihr eingeschlagene Beruf sei. Die 27-Jährige spricht von ihrer „Entscheidungsfiliale“. Der bislang eher vage Wunsch, einmal die Leitung einer Filiale zu übernehmen, sei durch das Projekt zum festen Ziel worden. Die Gartenaktion im April habe nicht nur besonders viel Platz beansprucht. Die sinnvolle Platzierung kleinerer aber auch besonders sperriger Produkte sei hier äußerst schwierig gewesen. Obwohl sie großen Respekt vor dieser Aufgabe gehabt habe, hätten die Azubis auch diese Situation im Team gemeistert. Die Regionalverkaufsleiterin versicherte, dass manche Aktionstage selbst „für gestandene Filialleiter manchmal eine große Herausforderung“ seien. Jetzt sind die Azubis wieder in gewohnter Arbeitskleidung in ihrer bisherigen Heimfiliale tätig. Mit „mehr Selbstbewusstsein“ werden sie dort von nun an noch „routinierter agieren“ glaubt Windholz. (tefa)