Neustadt
Bachs h-moll-Messe ohne Chor? Überzeugendes Experiment beim „Neustadter Herbst“
Drei, vier hervorragende Vokalsolisten ergeben noch nicht zwingend ein harmonisches Ensemble, wenn sie miteinander singen. Im modernen Opernbetrieb der Nachkriegszeit könnte mancher Dirigent sein eigenes Lied davon singen. Erst aus der in den 1970er Jahren allmählich aufkeimenden Beschäftigung mit der bis dato viel geschmähten sogenannten „Alten Musik“ ist die Ensemble-Landschaft allmählich erblüht – und hat sich bis heute mit etlichen Formationen bevölkert, die eben gerade die Kultur des Miteinanderagierens auf höchstem sanglich-solistischen Niveau pflegen und permanent verfeinern.
Delectus Cantionum, vom Bass-Bariton Wolf-Matthias Friedrich gegründet und geleitet, ist so eine Solistenformation, die mit wenigen, aber exzellenten Vokalisten dann auch mal eine Bach’sche h-Moll-Messe komplett auszustatten vermag. So geschehen am Samstag beim Abschlusskonzert des fünften „Neustadter Herbsts“, der, nebenbei gesagt, einmal mehr beweisen konnte, dass Provinz ganz woanders ist.
Wer etwas flügge ist im angesagten Vokalgeschehen historisch informierter Bauart, dem werden die Namen Kristin Witmer, Magdalene Harer, Veronika Mair und Joowon Chung, Sopran, Navora Büttiker und Piotre Olech, Alt, William Knight, Benedict Hymas und Shimon Yoshida, Tenor, sowie Anton Haupt und natürlich Wolf-Matthias Friedrich, Bass, auch aus anderen hochklassigen Zusammenhängen geläufig sein. Stimmliche Hochkaräter allesamt, aber was sie vor allem auszeichnet, ist die auf klangliche wie stilistische Übereinkunft konzentrierte Herangehensweise. Was trifft man also an, wenn man sich das für Oratorien übliche, sattsam ausgestattete Chorkollektiv wegdenkt? – und zugegeben, wer die h-Moll-Messe jemals im Tutti mitgesungen hat, die Schreiberin dieser Zeilen eingeschlossen, dem wird das Herz bluten angesichts seiner chorischen Entbehrlichkeit. Oder?
Blitzendes Wetterleuchten
Was Bezirkskantor Simon Reichert am Pult da aus dem Hut zauberte, mit den Vokalstars und einem kongenial agierenden, weit üppiger besetzten Orchester Collegium Lipsiensis, das auf historischem Instrumentarium mit dem passenden Soundtrack aufwartete, war nichts weniger als eine Sensation. Vergessen wir die üppig bestückten Chorbesetzungen, die sich ja just erst in der Zeit Mendelssohns, des großen Bach-Wiederentdeckers, zu formieren begannen. Davor pflegte man filigraner, in kleineren, wendigeren Besetzungen zu musizieren. Reicherts Praxis ging also an die Wurzeln, an den Ursprung.
Und das Resultat überzeugte restlos. Nicht allein wegen der Dramaturgie, die überaus straff und sehr am musikalischen Duktus orientiert war, denn Reicherts Inszenierung sorgte für permanente Bewegung auf dem Podium. Solo-Nummern und Tutti waren auch lokal klar voneinander getrennt; die Auf- und Abgänge geschahen lautlos, ineinander verzahnt, in minutiös abgestimmtem Timing. Im makellos gerundeten Prachtklang ließ sich baden wie in schmeichelndem Balsam. Und der doch durch seinen Puls, sein blitzendes Wetterleuchten, seine Eloquenz und seine pochenden Botschaften permanent auf- und anregte.
Arien und Duette waren verteilt auf alle Akteure, und Einzelne hervorzuheben verbietet sich eigentlich angesichts der durchweg hinreißenden Darbietungen. „Laudamus te“ etwa, mit überbordend artifiziellen Violin-Solo, oder die von allen, vornehmlich den Natur-Hornisten, gefürchtete „Quoniam“-Arie. Und wann je hat man das „Domine Deus“, nicht zuletzt des hinreißend zelebrierten Flötensolos wegen, so vollendet gehört?
Innerhalb der Tutti-Aufgaben reduzierte Reichert gelegentlich auf Quartett-Besetzung, etwa beim „Qui tollis“, dem „Crucifixus“ oder zu Beginn der „Cum-Sancto“-Fuge, was ein Höchstmaß an Differenzierung und sorgsamer atmosphärischer Ausleuchtung beförderte. Bei den spektakulären Jubelgesängen hingegen öffnete der Dirigent alle Schleusen. Das „Gloria“ war explodierender Jubel, die Befriedung im „Et in Terra pax“ durch Reduzierung der Besetzung textimmanent. „Cum Sancto spiritu“ bebte in straffem Puls, aber gottlob noch so, dass die Kontur erhalten blieb. Beim frechen „Osterlachen“ im „Et resurrexit“ schnellte der Adrenalin-Spiegel auch im Auditorium in die Höhe.
Ein atemtechnischer Marathon
Dann im Schlussteil, dem doppelchörigen „Sanctus“, geht es kräftemäßig ja erst richtig zur Sache. Ein atemtechnischer Marathon, den das hochkarätige Solistenensemble geradezu wegzulächeln schien, mit einem überwältigenden Strahlklang und faszinierend flockig lockeren Figuraldetails. Und wunderbar: Das Geschehen blieb bei aller Pracht, allem blinkenden Stimmgold quer durch die Register doch stets transparent, leichtfüßig.
Im rund 20 Instrumentalisten starken, fabelhaften Collegium Lipsiensis hatten die Vokalisten einen Partner von Graden; ein instrumentales Wunderwerk, das mit der Präzision eines Uhrwerks funktionierte, dabei aber wie ein hochkomplexer Organismus in allen nur denkbaren Nuancen der Gestaltung variierte. Daniel Seeger an der großen Orgel, die auf Grund ihrer barocken Stimmung barrierefrei in den Kontext zu integrieren war, rundete das authentische Klanggeschehen formvollendet ab.