Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Böse Parabel: Das Landestheater Detmold überzeugt im Saalbau mit der „Dreigroschenoper“ von Brecht/Weill

Höhnisches Finale: Der reitende Bote kommt für Mackie Messer gerade noch rechtzeitig.
Höhnisches Finale: Der reitende Bote kommt für Mackie Messer gerade noch rechtzeitig.

Nüchterner Blick ohne falsche Wärme.

Schäbig, scharf und von beklemmender Gegenwart: Das Landestheater Detmold gastierte am Dienstag mit Brechts „Dreigroschenoper“ im nahezu ausverkauften Saalbau in Neustadt. Die Inszenierung setzt nicht auf Nostalgie, sondern auf Zuspitzung. Brechts böse Parabel vom Geschäft mit der Moral trifft das Heute mit musikalischem Biss und klarer Haltung.

Fast 100 Jahre nach ihrer Uraufführung 1928 erweist sich die „Dreigroschenoper“ als erstaunlich widerständig. Das Stück von Bertolt Brecht mit der Musik von Kurt Weill, entstanden auf Basis der von Elisabeth Hauptmann übersetzten „Beggar’s Opera“ von John Gray aus dem Jahr 1728 ist als Satire auf die politischen und gesellschaftlichen Eliten seiner Zeit geschrieben – und wirkt heute aktueller denn je. In der Londoner Halbwelt aus Bettlern, Gangstern und Prostituierten geht es um Raub und Mord ebenso selbstverständlich wie um Verwertungsoptimierung und Profitmaximierung. Arm und Reich driften auseinander, die Schere klafft global weiter auf.

Blankes Kalkül regiert

Regisseur Jan Steinbach erzählt diese Parabel ohne falsche Wärme. Die Verfremdung ist sichtbar, aber nicht akademisch. Das Bühnenbild von Franz Dittrich – zwei luftige Lattengerüste als skelettierte, abstrahierte Häuser – zeigt Fassadenhaftigkeit als Prinzip: Gesellschaft als Kulisse, dahinter blankes Kalkül.

Getragen wird der Abend von einem elfköpfigen, mit viel Energie agierenden Ensemble und einem bestens eingespielten Orchester unter der musikalischen Leitung von Robert Illinger. Weills Partitur klingt kantig, rhythmisch und ungeschönt. Die Lieder sind keine Pausenfüller, sondern Kommentare, Brechungen, bissige Zwischenrufe. Sie treiben, widersprechen zuweilen und bilden das eigentliche Rückgrat des Abends. Die Gesangsnummern sind hier präzise gesetzte Stachel: ironisch, hart, klar, verständlich. Sie treiben die Handlung, schärfen die gesellschaftliche Analyse und machen deutlich, warum diese Musik bis heute wirkt: eine „Dreigroschenoper“, nicht zum Mitsummen, eher zum Mitdenken.

Schon die Moritat von Mackie Messer setzt den Ton

Schon die Moritat von Mackie Messer setzt zu Beginn den Ton: kühl erzählt, ohne falsche Sentimentalität – ein musikalischer Steckbrief, der den Helden zugleich entlarvt. Der „Kanonensong“ zwischen Mackie und Tiger Brown gerät zur bitteren Farce: präzises Timing und trocken gesetzte Ironie entlarven Militärromantik als blanke Farce und Kameradschaft als bloßes Zweckbündnis.

Pollys „Barbara-Lied“ wirkt wie eine nüchterne Selbstermächtigung, klar artikuliert und bewusst unsentimental, während die „Spelunken-Jenny“ rau und spröde als Fantasie der Vergeltung aus der sozialen Randlage heraus singt. Der Moritatensänger rahmt das Geschehen und hält das Publikum konsequent auf Abstand.

Als Mackie Messer gibt Sebastian Zumpe dem legendären Ganoven kühlen Charme und gefährliche Eleganz. Patrick Hellenbrand überzeug als Bettlerkönig Peachum, dessen moralische Empörung jederzeit ins Geschäft kippt. Manuela Stüßer steht ihm als Celia Peachum mit bitterem Realismus zur Seite. Ihre Beiträge legen den ökonomischen Kern der Ehe unmissverständlich frei. Ewa Noack zeichnet die Tochter Polly Peachum nicht als Naive, sondern als lernfähige Pragmatikerin.

Korruption als soziales Grundmuster

Die Staatsmacht bleibt kein Gegenentwurf: Leonard Lange zeigt den Londoner Polizeichef Tiger Brown als Inbegriff von Machtmissbrauch und Vetternwirtschaft, Alexandra Riemann legt als Tochter Lucie dessen private Verstrickungen offen. Finn Nachfolger hat als Spelunken-Jenny einen besonderen Auftritt und setzt einen rauen, ernüchternden Akzent. Prägend auch Hartmut Jonas (Smith), Emanuel Weber (Filch, Münz-Matthias) sowie Adrian Thomser als Moritatensänger (und später auch als Hakenfinger-Jakob), der als gesellschaftlicher Chronist die Handlung rahmt und kommentiert.

Diese „Dreigroschenoper“ poliert nichts glatt. Sie zeigt Korrumpierbarkeit, Machtmissbrauch, Verführbarkeit und Manipulation als gesellschaftliches Grundmuster – gestern wie heute. Ein musikalisch präziser, szenisch klarer Abend, der Brechts Satire nicht museal verwaltet, sondern hör- und sichtbar zuspitzt.

x