Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel „Anastasia und Michael Kunynek Gedächtnisstiftung“ aufgelöst: Auftrag erfüllt

Ruth Kreiselmaier zeigt ein Bild von Michael und Anastasia Kunynek sowie den Original-Transportausweis von Anastasia Jaworska, d
Ruth Kreiselmaier zeigt ein Bild von Michael und Anastasia Kunynek sowie den Original-Transportausweis von Anastasia Jaworska, die später Kunynek hieß.

Mit der „Anastasia und Michael Kunynek Gedächtnisstiftung“ hat Ruth Kreiselmaier viele Jahre lang Ukrainer unterstützt. Im August war Schluss. Warum das Ende kein Bruch war.

Für die 87-jährige Lachen-Speyerdorferin Ruth Kreiselmaier ist die Ukraine ein Herzensanliegen. Begegnungen mit Menschen aus Osteuropa prägten sie seit ihrer Kindheit – von den Zwangsarbeitern auf dem elterlichen Hof bis zur Förderung junger Ukrainer durch die von ihr und ihrem Mann Hermann gegründete „Anastasia und Michael Kunynek Gedächtnisstiftung“. Die Stiftung wurde im August 2025 nach 16 Jahren aufgelöst.

Ruth Kreiselmaier wuchs in Lachen-Speyerdorf auf. Ihr Vater Wilhelm Mager wurde 1940 als Soldat eingezogen, starb 1945 in sowjetischer Gefangenschaft. Auf dem landwirtschaftlichen Hof der Familie arbeiteten während des Zweiten Weltkrieges die ukrainische Zwangsarbeiterin Anna und der polnische Zwangsarbeiter Joseph. Die „Fremdarbeiter“ arbeiteten nicht nur auf dem Hof, sie lebten wie Familienangehörige mit im Haus und saßen mit am Tisch – trotz Verbots. Als es der Dorfpolizist bei einem Kontrollbesuch beanstandete, hielt der Großvater ihm entgegen: Wenn mein Sohn in den Krieg muss, soll derjenige, der seine Arbeit übernimmt, an seinem Platz sitzen. Diese Erfahrung prägt Ruth Kreiselmaier bis heute, genauso wie ihr kirchliches Engagement: Das Singen im Kirchenchor sowie die Mitarbeit in der Gemeinde bereiten ihr schon immer Freude.

Nach dem Krieg in die USA

Nach dem Krieg fanden viele ehemalige Zwangsarbeiter Arbeit in Deutschland. So kam 1946 der Ukrainer Franz Pasiaka auf den Hof, 1949 die Ukrainerin Anastasia Jaworska, genannt Toni. Sie arbeitete im Betrieb und wurde für die junge Ruth eine wichtige Bezugsperson. 1950 heiratete Anastasia den ebenfalls aus der Ukraine stammenden Michael Kunynek, der aus ihrem Heimatdorf kam und in Duttweiler auf einem Weingut sowie später bei einer Baufirma arbeitete. Beide wohnten lange unter dem gleichen Dach und später in ihrem eigenen Haus in Lachen. Auch der Familie in der Ukraine blieben Toni und Michael Kunynek sowie Ruth Kreiselmaier verbunden, soweit es unter dem Eisernen Vorhang mit Briefen und Päckchen möglich war. Anastasia Kunynek war es wichtig, ihre Familie und ihre Heimat zu unterstützen.

Nach Kriegsende wurde Völkerverständigung gefördert. Junge Menschen konnten an internationalen Austauschprogrammen teilnehmen. So kam Ruth Kreiselmaier im Jahr 1961 aufgrund ihres Engagements in der Landjugend durch ein sechsmonatiges Austauschprogramm in die USA – obwohl sie kein Englisch sprach. Die Frau des damaligen Dorfpfarrers ermutigte sie bei diesem Vorhaben und unterstützte sie mit privatem Englischunterricht. Im April 1961 ging es schließlich mit dem Schiff nach New York. Ruth Kreiselmaier lernte in den Bundesstaaten New York und Utah bei jeweils drei Farmerfamilien Land und Leute kennen. Dieser Blick „über den Tellerrand“ wurde später zu einem Kernmotiv ihres Engagements für junge Menschen aus der Ukraine.

Mit Delegation in die Ukraine

Zurück in Deutschland legte sie die Meisterprüfung in ländlicher Hauswirtschaft ab, engagierte sich ab 1985 über viele Jahre im Presbyterium ihrer Kirchengemeinde und wurde Ehrenpresbyterin.

Anastasia Kunynek starb 1989, ihr Mann Michael 1995. Da sie keine Kinder hatten, setzten sie Ruth und Hermann Kreiselmaier als Erben ihres Hauses ein. 1992 fuhr Ruth Kreiselmaier mit einer Delegation der Landeskirche erstmals in die Ukraine, nach Kyjiw, Mukatschewo und Ushhorod. Dort traf sie zum ersten Mal Tonis Familie. Dieses Kennenlernen führte zahlreichen gegenseitigen Besuchen.

Ziel: Gerechtigkeit und Versöhnung

Inzwischen gab es Überlegungen, wie Anastasias Herzensanliegen Gestalt annehmen könnte: Das Haus sollte Menschen in dem Land zugutekommen, aus dem Anastasia und Michael stammen, also der Ukraine. Das Gebäude wurde geschätzt, von den Kreiselmaiers faktisch gekauft und der Wert in eine Stiftung eingebracht. So entstand die „Anastasia und Michael Kunynek Gedächtnisstiftung“, um im Namen der Zwangsarbeiter, die einst ausgenutzt worden waren, etwas zurückzugeben. Den Kreiselmaiers ging es dabei um Gerechtigkeit und Versöhnung.

Mehr als 16 Jahre lang unterstützte die Stiftung vor allem die Arbeit des Arbeitskreises Ukraine-Pfalz. Mit rund 225.000 Euro wurden Begegnungen organisiert, Bildungsprojekte finanziert und vor allem Germanistikstudenten aus Uzhhorod, Odessa und Poltawa gefördert und Nothilfe wurde ermöglicht. Besonders am Herzen liegen Ruth Kreiselmaier Aufenthalte, die jungen Menschen einen Perspektivwechsel ermöglichen, so wie sie ihn in den USA erlebt hat. Immer wieder erlebte sie, wie sich Vorurteile lösen, wenn Menschen einander begegnen.

Schlusspunkt eines erfüllten Auftrags

Die Auflösung der Stiftung ist für Ruth Kreiselmaier kein Bruch, sondern der Schlusspunkt eines erfüllten Auftrags. Sie ist dankbar, dass sie die Verantwortung tragen und die Stiftung geordnet schließen konnte. In ihren Augen „hat sich die Stiftung gelohnt. Treue wurde belohnt, Verantwortung übernommen, Bildung ermöglicht, Not gelindert, Verständnis aufgebaut und Vorurteile wurden abgebaut“. Aus einem Haus in Lachen-Speyerdorf ist so ein Stück Versöhnung zwischen Deutschland und der Ukraine geworden.

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