Neustadt
Analyse der Landtagswahl: Neustadt bekommt blaue Tupfer
Am Tag nach dem Urnengang und der Auszählung der Stimmzettel sortieren sich die Parteien in Mainz und Berlin. Erste Personal- und Strategiefragen werden gestellt. Vor Ort bietet sich die Gelegenheit, sich genauer mit dem Wahlergebnis zu befassen. Für Neustadt zeigt sich dabei: Hier ist das Bild etwas anders als auf Landesebene. Bei den Zweitstimmen liegen CDU (27,9 Prozent) und SPD (27,6) fast gleichauf. Die SPD ist hier also besser als im rheinland-pfälzischen Gesamtergebnis, wo die Genossen auf 25,9 Prozent kamen. Die CDU hingegen ist schwächer, denn sie landete landesweit auf genau 31 Prozent. Die AfD ist mit 18,5 Prozent in Neustadt etwas schwächer als auf Landesebene (19,5), dafür sind die Grünen im Herz der Weinstraße mit 10,3 Prozent deutlich stärker als im Gesamtergebnis (7,9). Bei den anderen kleinen Parteien FDP (2,2), Freie Wähler (4,5) und Linke (4,4) unterscheidet sich Neustadt hingegen kaum vom Gesamtergebnis. Auch lokal spielen sie somit keine Rolle.
Auch ein Blick auf die Erststimmen zeigt: Wahlkreissieger Dirk Herber aus Mußbach hat in seiner Heimatstadt nicht ganz so punkten können wie im gesamten Wahlkreis, zu dem zudem noch die Verbandsgemeinde Deidesheim und Haßloch gehören. Herber holte in Neustadt mit 30,6 Prozent zwar klar den ersten Platz, auf Wahlkreisebene landete er hingegen bei 31,6 Prozent. Der Lachen-Speyerdorfer Claus Schick hat in Neustadt mit 27 Prozent etwas mehr geholt als im gesamten Wahlkreis (26,2). AfD-Bewerber Martin Rössler ist zwar aus Geinsheim, hat seine Hochburgen aber nicht in Neustadt, denn hier kam er auf 17,9 Prozent, während im gesamten Wahlkreis 19,5 Prozent der Wählerinnen und Wähler für ihn stimmten.
AfD siegt in zwei Stadtteilen
Erst beim zweiten Blick kann man dann die Entwicklungen genauer erkennen. Demnach hat die AfD in der Stadt um satte 9,6 Prozentpunkte zugelegt im Vergleich zu 2021 und landet nun bei 18,5 Prozent. Die Partei wird in Neustadt also immer stärker. In den Stadtteilen Böbig und Oststadt ging sie sogar als Siegerin aus dem Rennen – und das mit Werten über 30 Prozent. Auf der städtischen Homepage sind die Ergebnisse der einzelnen Stimmbezirke einsehbar. Auch dort sieht man: Es gibt Stimmbezirke, in denen die AfD nah dran oder sogar vor CDU/SPD ist. Nur auf der Haardt ist die Partei einstellig geblieben.
Ein Blick auf die grafische Darstellung des Wahlergebnisses zeigt: In den meisten Bezirken hat sich die CDU letztlich durchgesetzt. Im Vergleich zu 2021 konnte die Union um 2,6 Prozentpunkte zulegen. Dirk Herber hingegen musste in Gesamt-Neustadt leichte Einbußen hinnehmen, 2021 kam er auf 32 Prozent, dieses Mal sind es 30,6. Seine Hochburgen sind „sein“ Mußbach mit 40,2 Prozent und Königsbach (46,8).
SPD: „Derbe Klatsche“
Schwacher Trost für SPD-Kandidat Claus Schick: Bei der Erststimme holte er in Neustadt mit 27 Prozent 0,2 Punkte mehr als vor fünf Jahren seine Vorgängerin Giorgina Kazungu-Haß. In Lachen-Speyerdorf, wo Schick 15 Jahre lang Ortsvorsteher war, profitierte er von seinem Heimvorteil und holte mit 32,9 Prozent sein bestes Ergebnis. Er lag dort ebenso auf Rang eins wie auch im Schöntal, in der Vorstadt, in der Innenstadt und in Winzingen.
Für die Grünen steht am Ende laut einer Mitteilung von Moritz Plathe aus dem Parteivorstand: „Wir haben in Neustadt ein solides Ergebnis erzielt. Wir liegen nur leicht unter unserem Ergebnis von 2021, aber noch deutlicher über dem Landesdurchschnitt.“
Für die SPD teilt der Co-Vorsitzende des Ortsvereins, Marc-Finn Klein, mit, dass seine Partei eine „derbe Klatsche“ kassiert habe: „Weder unser Direktkandidat noch unser Spitzenkandidat wurden in Neustadt bestätigt. Gut, in Neustadt, der schwarz-orangenen Stadt ist das schwierig. Aber wir, und insbesondere ich, hatten darauf gehofft, dass die Neustadter Wählerinnen und Wählern für ein starkes Neustadt stimmen und deswegen strategisch abstimmen, eben für zwei Neustadter im Mainzer Landtag. Das ist leider nicht passiert.“ Schockiert habe ihn insbesondere der hohe AfD-Anteil bei den unter 25-Jährigen. „Ich sehe darin eine Aufgabe für die Landes- und Ortspartei, auf die Menschen zuzugehen, die nicht-demokratischen Tendenzen folgen – das darf so nicht weitergehen.“ Bei allem Frust sagt Klein noch, dass das „Gesamtergebnis aus Neustadt nicht so negativ ist wie es auf den ersten Blick erscheinen mag“. Dies gelte vor allem mit Blick auf die „klare sozialdemokratische Tendenz in der Innenstadt und Weststadt“.