Neustadt 260 Kilo Dynamit brachten das Ende

Blick in die Fabrikhalle an der heutigen Martin-Luther-Straße im Jahr 1933 und Ansicht der Vitrine in der Ausstellung im Stadtmu
Blick in die Fabrikhalle an der heutigen Martin-Luther-Straße im Jahr 1933 und Ansicht der Vitrine in der Ausstellung im Stadtmuseum, in der auch einige der Unterwäsche-Erzeugnisse zu sehen sind, die damals von Helfferich und dem Konkurrenten Beugel in Neustadt gefertigt wurden.

«Neustadt». Auch wenn man das heute vielleicht kaum mehr glauben mag, es gab auch in Neustadt einmal eine florierende Textilindustrie – und zwar nicht nur im Schöntal. Eines der Aushängeschilder der Branche war die Trikotwarenfabrik Helfferich, die in ihren besten Zeiten rund 800 Beschäftigte in Lohn und Brot hielt. 1985 aber musste das Unternehmen, das seit 1968 unter dem Namen G. J. Schober GmbH firmierte, Konkurs anmelden. Auf dem Riesenareal, das es in Winzingen hinterließ, stehen heute die beiden Märkte von Aldi und Lidl.

Den Anfang der Erfolgsgeschichte bildete wohl eine Art „Technologietransfer“: Aus Troyes in der Champagne, einem Zentrum der französischen Textilproduktion, brachte der Königsbacher Gutsbesitzersohn Ludwig Ziegler 1852 eine neue Art von mechanischen Rundwirkstühlen mit und beschäftigte sich fortan mit der Herstellung von Trikotagen, sprich: Unterwäsche. Dabei hatte er die Zeichen der Zeit offensichtlich richtig erkannt – führende Mediziner traten damals öffentlich für die gesundheitlichen Vorzüge der luftdurchlässigen Wirk-Unterwäsche aus Wolle und Baumwolle ein. Zieglers Erzeugnisse erfreuten sich deshalb schon bald solcher Beliebtheit, dass sich sein Unternehmen zusehends vergrößerte. Waren Fabrikation und Geschäft zunächst in einem Wohnhaus in der Hauptstraße 85 untergebracht, siedelte er mit seiner „mechanische Trikotweberei“ bereits 1858 in das sogenannte Ritterhaus um, die Reste einer heute verschwundene Burganlage, die sich im Geviert zwischen Rittergarten-, Vogelsang- und Brunnenstraße befand und mit dem dazugehörigen Gelände Platz für eine Produktion größeren Maßstabs bot. 1871, im Jahr der Reichsgründung, wurde Zieglers Betrieb dann von Friedrich Helfferich, dem Sohn eines Neustadter Kolonialwarenhändlers, und einem Partner übernommen, der aber schon kurze Zeit später wieder ausschied. Helfferich, verheiratet mit einer Tochter der Papier-Dynastie Knoeckel und Vater des rechtsnationalen Politikers Karl und des Ostasienforschers Emil Helfferich, führte die Produktion mit angeschlossenem Handelsbetrieb zu solcher Blüte, dass trotz einiger Rückschläge – darunter ein Brand im Wirksaal 1881 und das Jahrhundert-Hochwasser von 1882 – schon bald ein erneuter Umzug anstand, diesmal nach Winzingen, in die heutige Martin-Luther-Straße, wo er das Gelände der einstigen Bischofsmühle, auch bekannt unter dem Name Riehl’sche Mühle, erwarb und dort eine Fabrik industriellen Ausmaßes aus dem Boden stampfte. Als Friedrich Helfferich 1917 starb, übernahmen die Söhne Philipp und August die Leitung des Familienunternehmens. Die Rohstoff-Not während des Ersten Weltkriegs zwang die Firma dabei zu Innovationen, die sich als äußerst zukunftsträchtig erweisen sollten: Weil Wolle und Baumwolle nicht mehr in ausreichendem Maße zu Verfügung standen, begann man mit Spinnstoffen aus Cellulose zu experimentieren. Helfferich war dann auch eine der ersten Firmen, die den Wert der Kunstseide für die Herstellung von Unterwäsche erkannte. Das Material wurde so verbessert, dass sich das Unternehmen in den 20er Jahren mit Kunstseidenwäsche einen großen Markt eroberte. Eine ganz ähnliche Entwicklung gab es auch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal: Diesmal war es die Synthetik-Faser Perlon, die den Markt revolutionierte. Die Produkte aus Neustadt mit einem kleinen Elefanten als Logo waren in der jungen Bundesrepublik ein Verkaufsschlager. Der Aufschwung der „Trikotwarenfabrik F. Helfferich“ drückte sich auch darin aus, dass das Unternehmen 1924 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde – die Hauptanteile hielten allem Anschein nach aber weiterhin die Mitglieder der Familie Helfferich, die auch weiter die Geschäftsleitung und den Vorsitz im Aufsichtsrat stellten. Dabei engagierte sich das Unternehmen auch für seine Arbeiter. In den 30er Jahren entstand eine betriebliche Altersversorgung für die Beschäftigten, denen auch eine Betriebsküche und sogar eine eigene Werksbücherei zur Verfügung stand, in der man unter anderem Klassiker wie Dostojewskis „Der Spieler“ ausleihen konnte. 1962 beschäftigte das Unternehmen nach einem Bericht der RHEINPFALZ dann noch rund 300 Arbeiter und Angestellte und produzierte pro Jahr rund 1,5 Millionen Stück Unterwäsche, wozu etwa 150.000 Kilogramm Garn benötigt wurden. Gegen Ende der 60er Jahre begannen sich dann allerdings auch erste Krisensymptome zu zeigen: Das Unternehmen schrieb mehrere Jahre in Folge rote Zahlen – anscheinend ein Opfer der noch jungen „EWG“, die den deutschen Dessous-Markt für Produkte aus Frankreich und Italien geöffnet hatte. Dem versuchte die Firma durch eine Kooperation mit der Stuttgarter Miederfabrik „Eva“ und Produktinnovationen wie Wäsche aus „Baumwoll-Stretch“ zu begegnen, aber der Erfolg stellte sich offensichtlich nicht ein: 1968 entschied sich die Familie Helfferich deshalb, sich aus der Produktion zurückziehen, und verkaufte ihre Anteile an die Stuttgarter Firma Schober, die das Unternehmen in eine GmbH umwandelte. In den 70er und 80er Jahren bestimmte dann ein ständiges Auf und Ab das Bild: 1970 verkündete Schober, die gesamte Stoffherstellung sowie die Konfektionsabteilung von Stuttgart nach Neustadt verlagern zu wollen, immer wieder ist in der Folge aber auch von Kurzarbeit und Entlassungen die Rede. Zahlungsschwierigkeiten versuchte die Firma in den 80ern durch den Verkauf eines Teils ihres Areals an Aldi zu überwinden, was aber an poltischen Widerständen im Stadtrat scheiterte. 1985 meldete Schober dann endgültig Konkurs an. 1992 schließlich bereiteten 260 Kilogramm Dynamit der 22.000 Quadratmeter großen Fabrikanlage am Speyerbach den Garaus – die Sprengung war ein Riesenereignis für viele Schaulustige, wie die RHEINPFALZ berichtete. Darüber, was mit dem Gelände geschehen solle, gingen die Meinungen in den folgenden Jahren dann aber gewaltig auseinander. Zunächst plante ein Investor eine Wohnbebauung mit siebengeschossigen Häusern direkt am Straßenrand. Errichtet wurden dann aber nur das inzwischen auch schon wieder verschwundene Brauhaus und die beiden Hallen für die Discounter Lidl und Aldi. Pläne, außerdem noch ein Hotel daneben zu setzen, scheiterten. War der Name Helfferich, was die Wäscheproduktion anbelangte, mit dem Verkauf der Fabrik im Jahr 1968 von der Bildfläche verschwunden, blieb die Familie als Wäsche- und Mode-Einzelhändler noch bis in die 90er Jahre in der Stadt präsent. Bereits 1927 war das Geschäft unter dem Namen „Pfälzisches Trikothaus“ als selbständige GmbH am alten Fabrikstandort in der Rittergartenstraße gegründet worden, 1938 siedelte es in die Friedrichstraße 12 über, übernahm später auch noch das Haus Nr. 14 und führte neben Trikotwaren nun auch Strickwaren, Strümpfe, Bettwäsche und andere Textilartikel. Irgendwann vollzog es dann den Wandel zum Komplett-Modehaus. 1995 aber war Schluss. Friedrichstraße 14 beherbergt heute den Gerry-Weber-Laden von Mode Jakob, Nr. 12 wird aktuell von Sport-Corner genutzt. Einen ganz ähnlichen Verlauf, wenn auch in kleinerem Maßstab, nahm übrigens die Geschichte einer weiteren Neustadter Trikotwarenfabrik, deren Firmenunterlagen und Erzeugnisse in der aktuellen Ausstellung im Neustadter Stadtmuseum denn auch in harmonischer Eintracht neben denen der Konkurrenzfirma Helfferich präsentiert werden. Die Rede ist von der „Mechanischen Trikotwarenfabrik Jean Beugel“, die 1891 in der damaligen Poststraße (Eckhaus Schütt/Gutenbergstraße) gegründet wurde. Basis ihres Erfolgs war ein 1895 beim Reichs-Patentamt angemeldetes Gebrauchsmuster für ein „zweiseitiges plattiertes Trikotgewebe für Hemden, Unterjacken, Unterhosen und dergleichen Leibwäsche, bestehend aus Leinen auf der einen und einem anderen Webstoff auf der anderen Seite“, das auf Wunsch auch nach Maß gefertigt oder über Katalogbestellung ins ganze Reich versandt wurde. Im Programm hatte Beugel auch Unterkleider aus Stoffen, die von Naturheilärzten empfohlen wurden, zum Beispiel Kamelhaar-Wäsche für Gicht- und Rheuma-Kranke. Allerdings erzwang schon die Inflation von 1923 die Einstellung der Eigenproduktion. Das Trikotwarengeschäft in der Schütt 22 aber bestand als Familienbetrieb noch bis 1985 – nur wenige Schritte entfernt vom Geschäft der Helfferichs.

Ludwig Zieglers 1852 gegründete Trikotweberei in der Hauptstraße 85 (links) war die Keimzelle der späteren Trikotwarenfabrik F.
Ludwig Zieglers 1852 gegründete Trikotweberei in der Hauptstraße 85 (links) war die Keimzelle der späteren Trikotwarenfabrik F. Helfferich AG, deren Fabrikgelände in Winzingen (rechts) sich bis 1992 da erstreckte, wo heute die Discounter Aldi und Lidl stehen.
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