Neustadt Über den Kirchturm hinaus: Ostern verändert den Blick

Michael Paul
Michael Paul

Neustadt kennt Etiketten – beim Wein und bei Menschen. Ein Text von Pfarrer Michael Paul über schnelle Urteile, Social Media und die Kraft, jemanden beim Namen zu nennen.

Ein Foto. Ein Kommentar. Ein Klick. Und irgendwo entscheidet jemand: So bist du jetzt. Bewertet. Ein Daumen hoch. Ein Daumen runter. Schublade.

Vielleicht kennst du das. Ein Satz unter deinem Bild. Ein Lachen zur falschen Zeit. Ein Kommentar, der hängen bleibt. Und du merkst: Das trifft mehr, als es dürfte.

Wir sind schnell geworden im Einordnen. Noch schneller im Urteilen. Und am schnellsten darin, Menschen festzulegen. Gerade wird darüber diskutiert, ob Social Media stärker reguliert werden muss. Klar, Schutz ist wichtig. Aber vielleicht greift die Frage zu kurz.

Auch hier bei uns in Neustadt. Zwischen Marktplatz, Weinstraße und vielen digitalen Gruppen. Man kennt sich. Oder meint zumindest, sich zu kennen. Und manchmal reicht ein Satz – und ein Mensch ist festgelegt.

Mit Etiketten kennen wir uns hier aus. Riesling. Dornfelder. Ein Blick aufs Label – und man weiß, was einen erwartet. Beim Wein funktioniert das. Bei Menschen nicht.

Maria Magdalena. Eine, über die viel geredet wurde. Nicht besonders freundlich. Eine Geschichte, die an ihr hängen blieb. Und dann steht sie da. Früh am Morgen. Sie weint. Ein Mann spricht sie an. Sie hält ihn für den Gärtner. Bis er ein Wort sagt: „Maria.“

Jesus nennt sie beim Namen. Kein Urteil. Keine Einordnung. Kein Etikett. Und plötzlich kippt etwas. Nicht die Stimmung – sondern das Urteil. Die alten Zuschreibungen verlieren an Gewicht. Vielleicht würde Jesus zur Social-Media-Debatte gar nicht sagen: „Verbietet das.“ Vielleicht eher: Passt aufeinander auf. Redet so, dass der andere leben kann.

Fast wie ein leises Gebet: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern befreie uns von dem Gedisstwerden. Denn Menschen sind mehr als das, was über sie gesagt wird. Mehr als ein Eindruck. Mehr als ein Moment.

Vielleicht beginnt es genau da. Im Namen statt im Etikett. Und vielleicht gehst du dann anders weiter. Nicht unverwundbar. Aber freier. Weil du weißt: Du bist mehr als ein Like.

Der Autor

Michael Paul ist katholischer Dekan im Dekanat Bad Dürkheim und Pfarrer in der Pfarrei Heilig Geist Neustadt.

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