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Mittwoch, 22. November 2017 Drucken

Neustadt Land

Tatvorwürfe nicht erhärtet

Zig Zeugen wurden gestern am Landgericht zu den Vorfällen im Lambrechter Altenheim vernommen.

Zig Zeugen wurden gestern am Landgericht zu den Vorfällen im Lambrechter Altenheim vernommen. ( Archivfoto: DPA)

Lambrecht/Frankenthal: Zu einem Schlagabtausch zwischen Verteidigerin Jessica Hamed und der Staatsanwaltschaft ist es am Dienstag im Mordprozess gegen drei ehemalige Altenpfleger des Altenheims der Arbeiterwohlfahrt in Lambrecht gekommen. Hamed warf den Anklägern „einseitige Ermittlungsarbeit mit Belastungstendenz“ vor.

Seit Mitte September muss sich ein früheres Pflege-Trio des Altenheims der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Lambrecht in einem Mordprozess am Landgericht Frankenthal verantworten. Angeklagt sind ein 48 Jahre alter Pfleger, ein 24-jähriger Ex-Kollege sowie eine Ex-Kollegin. Sie sollen zwei Seniorinnen getötet haben. Beim Verhandlungstag am Dienstag fuhr die Verteidigerin des 48-Jährigen, Jessica Hamed, schwere Geschütze gegen die Staatsanwaltschaft auf: Obwohl diese selbst davon ausgehen würde, dass eine Pflegerin, die Anfang November als Zeugin vernommen worden sei, eine Falschaussage gemacht habe, sei sie in der Verhandlung nicht eingeschritten. Die Zeugin war damals vor Gericht befragt worden, ob sie Aufnahmen von Patienten gemacht habe, was sie verneinte. In einer eingestellten Ermittlung ging die Staatsanwaltschaft aber genau davon aus.

Sind Chatverläufe real?

Ebenso um Chatverläufe. An ihnen hat der 48-Jährige zwar mitgewirkt, doch bestreitet er, dass die Inhalte der Realität entsprochen hätten. Um das zu untermauern, führte Hamed an, es sei wenig realistisch, dass ihr Mandant als ungelernte Pflegekraft einen erfahrenen und ausgebildeten Pfleger habe dazu überreden wollen, für eine im Sterben liegende Patientin keinen Arzt mehr zu rufen. Dieser ältere Pfleger habe glaubhaft ausgesagt, dass er sich nie hätte überreden lassen.

An Aussage der Zeugin gezweifelt

Staatsanwalt Wolfgang Seifert räumte ein, dass auch er den Verdacht hege, dass die Pflegerin bei ihrer Befragung falsch ausgesagt habe. Er habe es bei einer so eindeutigen Aussage nicht als seine Aufgabe angesehen, einzuschreiten. Jedoch wolle die Staatsanwaltschaft nach Beendigung des laufenden Prozesses ein Verfahren wegen Falschaussage gegen die Zeugin eröffnen. Oberstaatsanwältin Doris Brehmeier-Metz entgegnete jedoch zu der Erklärung Hameds insgesamt, dass sie eine sehr einseitige und selektive Darstellung sei. Erklärungen dürften nach dem Gesetz nicht den Schlussvortrag vorwegnehmen. „Man kann Zweifel haben, dass diese Vorschrift eingehalten wurde“, so die Oberstaatsanwältin an die Adresse der Verteidigerin.

Freundlich und kumpelhaft

Die am Dienstag gehörten Zeugen beschrieben die drei Angeklagten als freundlich und kumpelhaft. Ähnlich hatten es Zeugen in den vorherigen Verhandlungstagen getan. Eine als soziale Betreuerin im Awo-Altenheim tätige Frau erklärte, sie habe das Trio als sehr sympathisch empfunden, wenn auch manchmal etwas zu spaßig oder vielleicht etwas distanzlos gegenüber den Senioren. „Ich habe sie aber alle gemocht“, sagte sie mehrmals. Ihr Eindruck von den drei Angeklagten habe sich erst geändert, als sie von den Vorwürfen erfahren habe.

Zeugen werden verhört

Wie andere Zeugen konnte sie keine Angaben dazu machen, wie die Pfleger mit Medikamentengaben umgegangen sind. Ein Vorwurf ist, dass sich die 26-jährige Pflegerin zeitweise Schmerzmittel, die für Senioren bestimmt waren, zum Eigenkonsum abgezweigt haben soll. Ebenso wenig konnten die Zeugen über Beschwerden von Heimbewohnern berichten. Bei einer Dame habe sie allerdings in den letzten Monaten bemerkt, dass sie die nun angeklagten Pfleger beschimpfte, wenn einer von beiden sich ihr näherte.

Ehemalige Praktikantin berichtet

Eine ehemalige Praktikantin sagte, dass in dem Heim einiges unter den Teppich gekehrt worden sei. Sie habe beobachtet, wie eine Pflegerin, die nicht angeklagt sei, eine auf den Rollator angewiesene Frau getreten habe. Die Seniorin sei darauf hin gestürzt. Sie habe den Vorfall gemeldet, jedoch nicht den Eindruck gehabt, dass dies geahndet worden sei. Die Praktikantin will zudem mitbekommen haben, dass die angeklagte Frau Aufputschmittel genommen habe.

Seniorin nicht ernstgenommen

Besucher der getöteten Seniorinnen erklärten, zu wenig Einblick in die Pflegeabläufe gehabt zu haben, um ein mögliches Fehlverhalten erkennen zu können. Eine Zeugin sagte, dass ihre Freundin zwar gesagt habe, „die wollen mich umbringen“. Das habe sie aber nicht ernstgenommen.

Der Prozess wird am Mittwoch, 9 Uhr, fortgesetzt. Dann will sich der angeklagte 24-jährige Pfleger äußern. |nt

Neustadt-Ticker