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Freitag, 14. Dezember 2018 Drucken

Neustadt: Kultur Regional

Eine junge Liebe und ein alter Hass

Die Neustadterin Frauke Volkland legt mit „Eisvogelblau“ ihren Debütroman vor – Premierenlesung in der Neustadter Bücherstube

Von Holger Pöschl

An die Farben einen Eisvogels erinnern Franka, die Protagonistin in Frauke Volklands erstem Roman, die Augen von Jürg, in den sie sich Hals über Kopf mitten in einem Schneesturm in den Schweizer Alpen verliebt.

An die Farben einen Eisvogels erinnern Franka, die Protagonistin in Frauke Volklands erstem Roman, die Augen von Jürg, in den sie sich Hals über Kopf mitten in einem Schneesturm in den Schweizer Alpen verliebt. ( Archivfoto: Sebald)

«Neustadt». Als Sprecherin des Literaturnetzwerks „Textur“ ist Frauke Volkland in diesem Jahr verschiedentlich in Neustadt in Erscheinung getreten – so im August bei einer Gruppenlesung mit erotischen Texten im „Liebstöckl“. Doch nicht ihr damals vorgestelltes Roman-Manuskript „Falko“ wird jetzt zu ihrer literarischen Erstveröffentlichung, sondern „Eisvogelblau“, eine Liebesgeschichte mit dramatischen Akzenten, die in Graubünden spielt.

„Ich merke immer mehr, dass die Schweizer Zeit ein wichtiger Teil meines Lebens war“, sagt Volkland, von Haus aus Historikerin, die von 1994 bis 2001 als Assistentin und Dozentin an den Universitäten in Zürich und Basel beschäftigt war. Zwei ihrer acht Schweizer Jahre lebte sie sogar in einem Dorf mitten in einem engen Alpental im Kanton Glarus – „mit direktem Blick auf einen Gletscher“, wie die 51-Jährige erzählt. Von diesem intensiven Naturerlebnis ist auch jetzt im Roman viel zu spüren, der im winterlichen Graubünden, in St. Moritz und Silvaplana, angesiedelt ist – von Glarus aus nur ein Katzensprung.

Hier stößt die junge deutsche Lektorin Franka Preuss als Urlauberin in der Nähe einer einsamen Passhöhe passenderweise mitten in einem Schneesturm auf den Einheimischen Jürg Jenatsch, Allgemeinmediziner aus Silvaplana, der nicht nur wegen seines feuerroten Haares und seiner Augen in den Farben des Eisvogels – daher auch der Titel des Romans – mächtig Eindruck auf sie macht. Doch den Mann umgibt ein Geheimnis, das irgendwie mit „alten schlimmen Geschichten“ zusammenhängt, denen die schwer verliebte Franka Schritt für Schritt auf die Spur kommt ...

Beim Namen Jürg Jenatsch klingeln bei historisch und literarisch Gebildeten natürlich die Glocken: Ein evangelischer Pfarrer, Militärführer und Politiker gleichen Namens war in den blutigen Wirren des Dreißigjährigen Kriegs eine der führenden Gestalten im Gebiet der „Drei Bünde“ – und wurde im 19. Jahrhundert vom Schweizer Schriftsteller Conrad Ferdinand Meyer in einem Roman verewigt, der auch an deutschen Gymnasien lange zum Schulstoff zählte. Tatsächlich ist Volklands Protagonist ein Nachfahr dieses Graubündner Volkshelden, dessen irdisches Dasein 1639 bei einem Mordanschlag mit einer Axt im Kopf endete. Es ist also kein Zufall, dass auch sein Ururur ... urenkel im 21. Jahrhundert von einem Auftragskiller ausgerechnet mit einem Beil bedroht wird.

Überhaupt vermischt sich in dem Roman Gegenwärtiges immer wieder mit längst vergangen Geglaubtem, Hexenwahn vor allem und den uralten Gegensätzen zwischen Protestanten und Katholiken. Hier konnte Volkland, die als Historikerin über das Konzept der „konfessionellen Identität“ am Beispiel einer thurgauischen Kleinstadt im 17. Jahrhundert promovierte (auch Jenatsch war mal kurz dort), natürlich aus dem Vollen schöpfen. Glücklicherweise bietet das Historische aber nur die Hintergrundfolie für eine ganz gegenwärtige Geschichte, bei der es um lange aufgestauten Hass, unerfüllte Liebe und ein monströses Verbrechen geht.

Die Geschichte wird dabei anfangs in dritter Person aus Frankas Perspektive erzählt, wechselt aber später zu Jürg und irgendwann sogar zu dem reformierten Pfarrer Peter Tschudi, dem Bruder von Jürgs früherer Freundin Beatrix. Ob man diese Perspektivsprünge gut findet, ob man den ganzen Plot und die Figurenkonstellation überhaupt als glaubhaft einschätzt, hängt vom Betrachter ab. Es ist aber gerade die Mischung aus Mystery-Stimmung und Rationalität, die das Besondere des Buchs ausmacht – wobei letztere, ausbuchstabiert bis in psychologische Details, aber zum Schluss die Oberhand gewinnt, auch wenn Jürg zwischenzeitlich in schiere Verzweiflung darüber gerät, „dass in einer Welt, die unablässig rationale Entscheidungen und Meinungen einfordert, vollkommen irrationale Argumente den Sieg davon tragen“. Am Ende aber siegt doch die Liebe, wobei man aus weiblicher Sicht vielleicht nur beklagen könnte, dass Franka dabei ein bisschen arg auf die Rolle der Männerretterin reduziert wird.

Bettina Weiss, die Chefin des kleinen Kalliope-Verlags aus der Nähe von Heidelberg, war andererseits gerade wegen dieser Liebesgeschichte von dem Text überzeugt und hat Frauke Volkland deshalb jetzt nach vier bislang unveröffentlichten Manuskripten zum Debüt verholfen. Die Zusammenarbeit mit der auch als Lektorin tätigen Verlegerin beschreibt Volkland als sehr angenehm – und hofft nun, dass es so weiter geht. Ihr neuestes Buchprojekt führt sie dabei erneut in die Schweiz. Es behandle die letzten Lebenswochen des Schriftstellers Wolfgang Borchert, so die Autorin, der 1947 in Basel starb.

Termin/Lesezeichen

Frauke Volkland stellt ihren Roman „Eisvogelblau“ am Donnerstag, 20. Dezember, um 19.30 Uhr bei einer Vorpremiere in der Neustadter Bücherstube dem Neustadter Publikum vor. Der Eintritt ist frei. „Eisvogelblau“ erscheint Anfang Januar als Taschenbuch im Verlag „Kalliope Paperbacks“, hat 211 Seiten und kostet 15 Euro. Das Buch ist schon jetzt in der Bücherstube erhältlich, ab 2. Januar dann auch in allen anderen Buchhandlungen. |Foto: Jotter

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