Ludwigshafen
Zwischen Eleganz und Provokation: Theaterfrühling im Pfalzbau
Aus der Notlösung ist eine Marke geworden: Neben den renommierten Festspielen im Herbst bieten die Ludwigshafener Pfalzbau-Bühnen mit dem Theaterfrühling einen zweiten Block, bepackt mit einem internationalen hochkarätigen Programm in Schauspiel und Tanz. „Die Exzellenz blüht im Frühling“, bringt es Intendant Tilman Gersch auf den Punkt. War diese Bündelung zunächst dem Umstand geschuldet, dass das Mannheimer Nationaltheater während der Umbauphase seine Oper nach Ludwigshafen auslagerte, hält Intendant Tilman Gersch darüber hinaus auch am zweiten Block fest. „Damit können wir die Schlagkraft erhöhen und zeigen, dass wir DAS große Festspielhaus des Landes Rheinland-Pfalz mit den bedeutendsten Gastspielen sind.“ Er beobachtet, dass sich andernorts Repertoire-Theater für Gastspiele öffnen, um in einer schnelllebigen Zeit Abwechslung zu bieten. „Wir sind das Modell der Zukunft“, folgert Gersch und zerbricht sich den Kopf, was er bieten kann.
Gefährdet der Krieg in Nahost die Pläne?
In diesem Frühjahr ist es eine Bandbreite zwischen den Extremen von Ballett bis zum – wie man sagt – „neuesten heißen Scheiß“ und dazwischen ein lang erwarteter Publikumsliebling: Die legendäre israelische Kompanie Batsheva Dance Company musste wegen des Palästinenser-Anschlags 2023 ihre Tournee mit „Momo“ damals absagen. Erneut ist das Haus für den Nachholtermin am 28. März bis auf wenige Plätze „blendend verkauft“. Ist der Besuch wegen des Kriegs in Nahost erneut gefährdet? „Die Kompanie will kommen und rechnet damit, das bald wieder geflogen wird“, zeigt sich Gersch optimistisch. „Man wird ja mittlerweile krisengewohnt.“ Um israelische Choreografen, die aus der Batsheva-Tanzschmiede kommen wie Sharon Eyal und Hofesh Shechter gibt es ja einen regelrechten Hype – mit Publikum, das von weither anreist und dem Pfalzbau „die Bude einrennt“.
Aber Tilman Gersch will zudem eine Lanze fürs Ballett brechen und mit einem großen Gastspiel des Nationaltheaters Prag am 15./16. Mai „was fürs Auge bieten“ und fürs Ohr, wenn die Junge Deutsche Philharmonie dazu spielt. „Coppélia“ in Ronald Hynds Fassung von 1985 sei mit viel Humor und in lebhaften Szenen als Stück für die ganze Familie kreiert worden und strahle im opulenten Dekor eine bäuerliche Atmosphäre und positive Energie aus – so hat der Leiter des Prager Ballettensembles begründet, warum er sich für Hynds „Coppélia“ entschieden hat, das Handlungsballett über eine automatisierte Puppe, die einem Burschen den Kopf verdreht.
Einen Ritt durch die Tanzgeschichte und einen Blick auf die Stars von morgen bietet das Junior Ballet de l’Opéra national de Paris am 11./12. April mit Klassikern von George Balanchine und Maurice Béjart, aber auch zwei modernen Werken. Das Programm der Nachwuchstruppe sei in der Kritik „sehr gut besprochen“, von klassischer Eleganz und sehr ästhetisch, sagt Dramaturgin Roswita Schwarz. Ein Stück, das auf der ganzen Gefühlspalette spielt, ist „Requiem(s)“ von Angelin Preljocaj am 12./13. Juni, in dem er den Tod geliebter Menschen verarbeitet und das als „meisterhaft“ gelobt wird.
Nachthemd bis Brautkleid
Einen verblüffenden Ansatz verfolgt Rodrigo Pederneiras mit seiner brasilianischen Kompanie Grupo Corpo am 13. März mit „Piracema“, das die Wanderbewegung der Fische bezeichnet. Die goldglitzernden Schuppen im Hintergrund bestehen aus 82.000 Sardinenbüchsen-Deckeln. Dazu haben zwei Gruppen strikt getrennt mit verschiedenen Choreografen geprobt und die zwei Versionen erst zuletzt zusammengesetzt. In „21“ ist auch die Musik ungewöhnlich, denn sie basiert auf geometrischen Darstellungen. Alles ist ein Zahlenspiel vor einem grellbunten Bühnenbild voll südamerikanischer Kunst.
Wer afrikanischen Tanz erleben und mehr über die Ursprünge des Hip-Hop erfahren will: Das erforscht Anne Nguyen mit dem ivorischen Tänzer Wilfried Kouadio in „[Superstrat[“ am 17. Juni. Ebenfalls mit Urban Dance begibt sich Leïla Ka in „Maldonne“ auf die Suche nach dem Wesen der Weiblichkeit und lässt ihre Kompanie in 40 Kleidern aus Second-Hand-Läden von Nachthemden bis Brautkleidern schlüpfen.
„Achterbahn der Entblößungen“
„Nacktheit, explizite Inhalte und Gewaltszenen“ warnt das Programmheft – mit einer Triggerwarnung wie bei Gastspielen der Skandal-Choreografin Florentina Holzinger. Denn in dieser Liga spielt die Künstlerin Alexandra Bachzetsis, die in „Exposure“ am 24. Juni eine „Achterbahn der Entblößungen“ vorführt, wie Dramaturgin Carolin Grein erzählt, mit Semi-Bondage-Szenen und aufgemalter, sich auflösender Unterwäsche. „Wir haben die Möglichkeit einer extremen Vielfalt und bieten auch großstädtische, weltläufige Tendenzen des Diskurses an“, begründet Tilman Gersch, der zudem das schwedische Cullberg Ballett präsentieren wollte, das zuletzt 2010 hier gastiert hatte.
So fesselnd wie eine Netflix-Serie soll das Schauspiel „Lacrima“ am 5./6. Juni sein, und so klingt der Plot: Ein Modeatelier darf das Brautkleid für die britische Prinzessin herstellen. Ein Schleier muss mit hunderttausenden Perlen unter Zeitdruck bestickt werden. Zwischen aussterbendem Handwerk und nach Indien ausgelagerter Produktion, aber auch zwischen Ausbeutung und Hingebung an die Schönheit, lotet die Regisseurin Caroline Guiela Nguyen alle Seiten aus. Ein politisch aktuelles Erfolgsstück, dass von Singapur bis New York getourt ist.
Ein Modemacher, der das Metier an den Nagel hängt und nun einen Film dreht, bringt den Spielplan des Pfalzbaus durcheinander: Für Tom Fords Dreharbeiten mit Colin Firth und Adele, ist die junge Schauspielerin Josephine Thiesen engagiert, die mit ihrem Charme einer Brigitte Bardot in Hollywood durchstartet. Im Pfalzbau hatte sie eine „kleine Heimat“ gefunden und wird in drei Produktionen zu sehen sein, alle höchst unterhaltsam: Tilman Gerschs vaudevillehafte Inszenierung von „Das Kaffeehaus“ voller Regieeinfälle und lustiger Kostüme sowie sein Shakespeare’sches „Maß für Maß“ als Komödie mit Tiefgang und „Pasta Diva“, eine preisgekrönte experimentell gekochte Sinfonie der Sinne vom Sonder Ensemble Berlin.
Ein „Fest der Schauspielkunst“ wird „Blind“ am 27./28. Juni, kündigt der Intendant an, wenn Manfred Zapatka und Juliane Köhler in einem Kammerspiel des Bayerischen Staatsschauspiels aufeinandertreffen. Als Vater und Tochter werden sie versehentlich im Haus eingesperrt und einander ausgeliefert, der erfolgreiche, aber pflegebedürftige Geschäftsmann und die Frau, die einen anderen Lebensentwurf hat und Geschlechtergerechtigkeit will. Die niederländische Erfolgsautorin Lot Vekemans beschreibt empathisch ein Familiendrama, aber auch den Gesinnungskonflikt der Generationen, der derzeit die Gesellschaft spaltet.
Für die jüngeren Generation gibt es im Pfalzbau jede Menge im Angebot: Ein Publikumsrenner ist das freche und klamaukige „Stolz und Vorurteil (*oder so)“ von Isobel McArthur, das vielfach für ausverkaufte Häuser sorgte. Im Pfalzbau gastiert das Volkstheater Rostock am 22./23. Mai. Frei nach Jane Austen sollen fünf Töchter verkuppelt werden, allerdings erzählt aus der Sicht der Dienstmädchen, die in sämtliche Rollen schlüpfen. Ein grellbuntes Stück über weibliche Selbstbestimmung – erzählt und gesungen anhand von Pop-Songs.
Werther voll witziger Ideen
Ebenfalls basierend auf Texten von Chansons bis Rap und in einer bildstarken Collage wird „Werther (Love & Death)“ am 29./30. April vom Schauspielhaus Bochum inszeniert. Es ist „ein ausufernder Abend, voller witziger und trashiger Ideen“, meinte die Tageszeitung taz.
Von der Geräuschkulisse lebt „Typen“ des Theaters Strahl Berlin am 25. März, wenn der Europameister im Beatboxen dabei ist. Allerdings inkognito, denn die Schauspieler tragen prachtvolle Masken und verkörpern Rollenbilder von Menschen, die mit dem Erwachsenwerden kämpfen und bei denen sich die erste Liebe anbahnt.
Termine und Kontakt
Spielplan mit weiteren Stücken und Karten unter www.theater-im-pfalzbau.de sowie unter Telefon 0621 504-2558.