Ludwigshafen
Zustände an Burger-Realschule sorgen weiter für Wirbel – auch wegen falscher Behauptungen
Andererseits ist die von vielen Medien verwendete und inzwischen von Politikern übernommene Behauptung, dass es im Zeitraum von 2022 bis 2024 mehr als 120 Polizeieinsätze an der Schule gab, schlichtweg falsch.
Laut Polizei gab es in den vergangenen drei Jahren 121 aktenkundige „Vorgänge“ an der Realschule: darunter Beleidigungen, Diebstähle oder Körperverletzungen. Angesichts von 800 Schülern und des Zeitraums sei diese Zahl nicht besonders auffällig. „Aus unserer Sicht ist die Schule kein Hotspot“, sagt eine Polizeisprecherin. Das berichtete die RHEINPFALZ im Nachgang zu dem Amok-Alarm vom 29. Oktober. Ausgelöst wurde er, weil angeblich ein Maskierter mit einem Messer auf dem Schulgelände gesehen worden war, von dem bisher allerdings jede Spur fehlt.
„Vorgänge“, nicht „Einsätze“
Die „121 Vorgänge“ interpretierten viele Medien und Politiker als „121 Einsätze“, was – ungeachtet der Probleme an der Schule – ein gravierender Unterschied ist. „Bei diesen 121 Vorgängen müssen nicht zwangsläufig Polizeikräfte an der Schule gewesen sein, und es muss nicht zwangsläufig ein Bezug zur Schule bestanden haben“, präzisiert die Polizeisprecherin.
Ihren Angaben zufolge sind für das Jahr 2024 tatsächlich nur zwölf Polizeieinsätze an der Realschule registriert: viermal wegen Körperverletzung, zweimal wegen Brandalarms, jeweils einmal wegen Sachbeschädigung, Streitigkeiten und einer Fundsache sowie dreimal wegen „sonstigen Hinweisen“ (für 2023 und 2022 liegen aktuell keine Zahlen vor). Diese Statistik relativiert einiges – ohne die von den Lehrkräften geschilderten Zustände in und vor den Klassenzimmern kleinreden zu wollen.
In den Köpfen festgesetzt
Die Zahl von 121 Polizeieinsätzen hat sich hingegen in den Köpfen festgesetzt – sei es bei CDU-Generalsekretär Johannes Steiniger (38), der dem Bildungsminister auch auf Basis der vermeintlichen Einsatzzahlen vorwirft, sich „absolut verantwortungslos“ gegenüber den Lehrkräften zu verhalten. Zu dem Protestbrief sagt er: „Lehrer berichten von sexuellen Beleidigungen, Drohungen, Böllern und Messern im Unterricht.“ Das sei erschütternd. Auch Joachim Paul (55), bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag, hantiert mit der Zahl von 121 Einsätzen und fordert: „Teuber muss schleunigst seine Prioritätensetzung ändern.“
Grundsätzliche Kritik äußert auf Anfrage Christiane Herz (56), Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). So sei der Amok-Alarm aus dem Jahr 2018 am Schulzentrum mit einem bewaffneten Jugendlichen bisher nicht aufgearbeitet worden. Viele Kollegen seien weiterhin traumatisiert. Zudem gebe es fast täglich Sachbeschädigungen, Drogenprobleme, Bedrohungen und körperliche Gewalt – zwischen Schülern und gegen Lehrkräfte. „Auch an weiteren Realschulen in Ludwigshafen findet durch die ADD keine ausreichende Aufklärung statt“, so Herz.
Sicherheitskonzept fehlt
An der Burger-Realschule fehle ein Sicherheitskonzept, die bauliche Ausstattung sei mangelhaft. Junge Lehrkräfte würden im Stich gelassen. „Das führt dazu, dass viele junge Lehrkräfte keine Stellen mehr an den Ludwigshafener Realschulen annehmen möchten“, berichtet Herz. Sie fordert einen runden Tisch mit allen Verantwortlichen. Für die Schule fordert sie ein verbindliches Sicherheitskonzept. „Es darf nicht sein, dass die Realschule weiter vernachlässigt und alleine gelassen wird. Jeder Euro, den wir jetzt in unsere Jugend investieren, zahlt sich später mehrfach aus.“
18 „Gefährdungsanzeigen“
Laut der Schulaufsicht ADD liegen ihr insgesamt 18 „Gefährdungsanzeigen“ von Lehrkräften vor sowie eine Beschwerde des Personalrats. Dieses Paket sei im Oktober Schulleitung und Schulaufsicht übergeben worden. Zwischen Personalrat, Schulleitung, Vertretern des Bildungsministeriums, der ADD sowie Schuldezernentin Cornelia Reifenberg (CDU) habe es am 5. November vor Ort einen regen Austausch gegeben. Bei diesem Termin seien weitere Maßnahmen der Personal- und Schulentwicklung vereinbart worden, die sorgsam ausgewertet würden.
Schulintern sei bereits reagiert worden. Unter anderem sei der Zugang zum Gebäude jetzt nur noch über den Haupteingang möglich, Aufsichtsregelungen seien optimiert worden. Einen Zusammenhang zwischen hohem Migrationsanteil und innerschulischen Problemen sieht die ADD nicht. Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund an der Burger-Realschule lag laut ADD im Schuljahr 2024/25 bei 86,5 Prozent. Der überwiegende Teil dieser Kinder habe indes einen deutschen Pass.