MeinungZurück in Ludwigshafen: Ein Aperol könnte helfen
Sonne, Palmen, Mallorca: Die Insel ist immer wieder für eine Überraschung gut.
Nach zwei Wochen Mittelmeer ist ein Wiedersehen mit der Stadt am Rhein ein kleiner Schock. Mallorca und Ludwigshafen haben dann aber doch ein paar Gemeinsamkeiten.
Wenn ich zwei Wochen nicht in Ludwigshafen war, hatte ich meistens Urlaub. Und dann fallen einem Dinge hier auf, über die man im normalen Trott müde hinweglächelt. Passend zum Wiedereinstieg zeigte sich die Stadt dann auch noch von ihrer hässlichen Seite. Kalt, Regen, passt. Willkommen zurück. So ein Tag ist besonders speziell, wenn man erst vor wenigen Tagen aus Mallorca zurückgekommen ist. Zwischen der Insel und Lu liegt eben nicht nur das Mittelmeer. Die beiden Orte – man fühlt sich wie auf unterschiedlichen Planeten. Erstaunlicherweise gibt es dann aber doch auch Gemeinsamkeiten.
Ich fange aber mal lieber mit den Unterschieden an. Was mir tatsächlich als Erstes aufgefallen ist: Die Menschen auf Mallorca sind irgendwie fast alle besser angezogen, zumindest mitten in der Inselhauptstadt Palma. Die einschlägigen Strände, wo das wahrscheinlich nicht der Fall ist, habe ich nicht gesehen. Die Damen im Herzen Palmas trugen ihre schönsten Kleider, bei den Herren standen Leinenhemden hoch im Kurs.
Shopping in Palma
Ich weiß jetzt auch, warum das so ist. An einem Vormittag habe ich mich in Palma in einen Modeladen geschlichen. Ich musste mal. Ich war kaum 30 Sekunden in dem Geschäft, da stand plötzlich eine Dame im Hosenanzug lächelnd vor mir und begrüßte mich fast schon überschwänglich. Sie sagte irgendwas, ich verstand nichts und lächelte zurück. Drei Schritte weiter die nächste Dame im Hosenanzug. Auch sie lächelte und auch sie schien sich sehr zu freuen, dass ich endlich mal in dem Laden vorbeischaue. Was sie sagte, verstand ich dann aber, glaube ich zumindest. Die Filiale von Massimo Dutti feierte an diesem Tag offenbar Eröffnung. Es gab dort übrigens nur Herrenmode, die Damen shoppten im gleichnamigen Laden direkt nebenan. Und den gibt es schon länger.
Auf die freundliche Begrüßung reagierte ich mit so was wie „Herzlichen Glückwunsch zur Eröffnung“ und schlich weiter. Irgendwo musste es hier ja eine Toilette geben. Ich kam aber wieder nur wenige Meter vorwärts. Ein junger Mann schob sich mir mit einer solchen Eleganz in den Weg, dass ich kaum böse sein konnte. Er sah aus wie ein Model und lächelte mindestens so charmant wie die beiden Damen vorher. Er fragte freundlich, ob und – wenn ja – wie er mir denn helfen könne. Ich fühlte mich ein wenig überrumpelt und sagte, dass ich mich bei den Hemden umschauen wolle. Das Lächeln des jungen Mannes verwandelte sich in ein Strahlen. Ich hatte spätestens jetzt seine volle Aufmerksamkeit. Die Auswahl war groß und die Ware wirklich schön. Also probierte ich ein Hemd an, aus Leinen freilich, es passte wie angegossen. Fand auch das Model mit dem strahlenden Lächeln. Ich zog es wieder aus, behielt es in der Hand und griff noch nach einem zweiten in einer anderen Farbe. Dann übernahm wieder eine Dame.
Zufrieden in Ludwigshafen
Sie sagte, dass sie Hosen bringen könnte, die perfekt zu den Hemden passen, die mir übrigens unfassbar gut stünden. Ich dachte zwischendurch zwar, dass ich in eine Eröffnungsparty nur für geladene Gäste hineingeplatzt bin – ich konnte mir aber nicht vorstellen, dass am Premierentag alles gratis ist. Wenig überraschend sollte ich recht behalten. Ich ging dann mal zur Kasse und bezahlte. Ich bekam aber noch eine Tüte mit Accessoires in die Hand gedrückt – und einem Gebäck, das sensationell schmeckte. Was ich eigentlich in dem Laden suchte, hatte ich schnell vergessen. Ich sollte mich später aber wieder daran erinnern.
Schmeckt »auf Malle« ebenso gut wie in Ludwigshafen: ein Aperol neben einem Pils.
Was ich in dem Modeladen schnell gelernt habe: Mallorca lebt nicht nur vom Licht, sondern vor allem von seinen Menschen. Und Ludwigshafen? Da ist man halt zufrieden, wenn die S-Bahn fährt und die Hochstraße irgendwann planmäßig in Trümmern liegt. Das klingt zwar weniger poetisch, hat aber eine ähnlich beruhigende Wirkung. Wer quer über die Insel fährt, entdeckt sogar architektonische Gemeinsamkeiten. Es gibt Hotelburgen aus den Siebzigern, in Ludwigshafen den Berliner Platz. Der Wunsch nach einem Aperol kann beim Anblick des einen und des anderen aufkeimen. Überhaupt der Aperol: Auf Mallorca kostet er mit Meerblick nicht selten über zehn Euro. In Ludwigshafen wahrscheinlich ein bisschen weiger. Ich habe dort noch keinen getrunken. Muss ich mal machen.
Ein Ort für die Seele
Autor Oliver Seibel
Und doch sitzen an beiden Orten erstaunlich ähnliche Menschen in den Cafés und beobachten die Welt. Auf Mallorca reden sie darüber, wie wichtig Entschleunigung ist. In Ludwigshafen sitzt man beim Bäcker und diskutiert darüber, warum eine Umleitung schon wieder geändert worden ist. Ums Wetter geht’s auch hier wie dort. Ich muss dann demnächst doch mal ein Bild vom Sonnenuntergang posten – mit dem Titel „Soulplace“. Aus Ludwigshafen natürlich.
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.