LUDWIGSHAFEN Zeit und Aufmerksamkeit für Kinder aus Suchtfamilien
Fast jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in einer Familie auf, die von Alkohol- oder einer anderen Suchterkrankung betroffen ist. Das bilanziert der Verein Nacoa Deutschland, der sich als Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien versteht. Nacoa steht für „National Association for Children of Addicts“. Also für Kinder suchtkranker Eltern, alle weiteren Suchterkrankungen inbegriffen, wie Spiel-, Drogen- und Medikamentensucht. Der Verein ruft jährlich zu einer besonderen Aktionswoche auf. Die „Coa“-Aktionswoche hat die Sensibilisierung der Gesellschaft und der Vertreter der Politik für die besonderen Belastungen dieser Kinder und die Risiken auf ihrem weiteren Lebensweg sowie für die Notwendigkeit von Hilfsangeboten zum Ziel. Mit einer Bastelaktion haben auch die Ludwigshafener „Lukis“ an der Aktionswoche vom 18. bis 24. Februar teilgenommen.
„Lukis“ heißt „Ludwigshafener Kinder stärken“. Das Jugendamt fördert das Gruppenangebot des Caritas-Zentrums für Kinder aus Ludwigshafener Familien mit mindestens einem psychisch- oder suchterkrankten Elternteil. Jeweils mittwochs treffen sich im Wechsel die zwei Altersgruppen – neun bis zwölf Jahre alt, beziehungsweise zwölf bis 16 – in der Außenstelle des Caritas-Zentrums in Mundenheim. Am Mittwoch der Aktionswoche haben sich Kinder beider Gruppen zum Basteln eingefunden. Und auch die beiden Gruppenleiterinnen, Tamara Landwehr und Irina Schäfer-Miling, waren vor Ort.
Jedes Kind verziert sein Schatzkästchen
Um den großen Tisch herum sind alle am Ausschneiden, Falten, Tackern, Verzieren. Es entstehen Schatzkästchen aus Papp-Bastelbögen. Die Kinder sind entspannt und gut gelaunt bei der Sache. Zwischendurch gibt’s immer mal einen Bissen Obst und auch ein wenig freundschaftliche Neckereien. Jedes Kind verziert sein Schatzkästchen ganz individuell. Am Ende werden erste Schätze darin gesichert, etwa süße Münzen und Zuckerkettchen. Und als ganz besondere Gaben kommen „Wortschätze“ in die Kiste, die sie einander schenken: bunte Zettel mit stärkendem Zuspruch. Etwa Komplimente zu dem, was sie aneinander gut finden und von denen sie zehren können, wenn es ihnen mal nicht so gut geht.
40.000 haben drogenabhängige Eltern
Warum die Sensibilisierung der Öffentlichkeit so wichtig ist, erklären Landwehr und Schäfer-Miling zum einen mit der von vielen Menschen nicht geahnten Häufigkeit der Fälle: „Schätzungsweise 2,65 Millionen Kinder leben in Deutschland mit alkoholkranken Eltern zusammen. Etwa 40.000 haben drogenabhängige Eltern“, nennt Landwehr Zahlen aus der Nacoa-Bilanz. „Wir sind Millionen“, ist denn auch die Überschrift zu dieser bereits 15. Aktionswoche. In Familien, in denen Eltern von einer psychischen Erkrankung betroffen sind und deren Zahl statistisch nicht ganz so einfach zu erfassen sei, ergeben sich für die Kinder ähnliche Belastungen, fügt Schäfer-Miling an.
Anspannung und Unberechnbarkeit
Die Kinder erlebten im Alltag vielfach Anspannung, Unberechenbarkeit, Willkür, Instabilität, emotionale Kälte, unklare Grenzen und Respektlosigkeit. Und reagierten darauf oft mit Isolierung und Abwehrmechanismen oder schlüpften in ganz bestimmte Rollen, um in der Familie zu bestehen. Mit anderen über die Probleme zu Hause zu reden, werde meist als Tabu betrachtet. Das berge ein hohes Risiko für sie, Ängste, Depressionen und andere psychische Störungen zu entwickeln oder auch selbst an einer Sucht zu erkranken.
Zum anderen könnten diese Risiken aber dadurch gemindert werden, dass sich für die Kinder vertrauenswürdige Ansprechpartner finden, bei denen sie die Schwelle überwinden und sich öffnen könnten – etwa Großeltern, Verwandte, Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher oder auch Nachbarn. Und eben durch Angebote wie die „Lukis“-Gruppen, die einen geschützten Rahmen bieten.
Auch Elterngespräche gehören zum Angebot
Hier werde den Kindern Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet, sie erhielten kindgerechte Aufklärung über psychische und Suchterkrankungen, lernten Gleichaltrige kennen, die in ähnlichen Situationen leben. Außerdem könnten sie sich in Freizeitaktivitäten ausprobieren und so ihre Ressourcen entdecken, ihre Alltagskompetenzen und den Widerstand gegenüber den widrigen Umständen stärken. Auch vertrauliche Elterngespräche gehörten hier zum Angebot.
„Der Bedarf an solchen Angeboten ist groß. Die Aktionswoche soll auch zeigen, welche es gibt“, sagt Landwehr. Unter dem Dach des Caritas-Zentrums bietet ihre Kollegin Viola Luther, die seit über zehn Jahren Gruppen für Kinder aus Suchtfamilien leitet, noch ein weiteres Angebot.
Demnächst ein Selbstverteidigungskurs
Dessen Zielgruppe sind Erwachsene, die als Kinder mit psychisch oder suchtkranken Eltern aufgewachsen sind. „Denn auch als Erwachsene tragen sie ihre zum Teil schweren Erlebnisse mit sich herum“, sagt die Fachfrau. „Die in der Kindheit angenommen Rollen, die Bürden und Verpflichtungen, die dort entstandenen Ängste wirken sich vielfach auf die spätere Lebensführung aus“, so Landwehr. „Die Gruppe trifft sich einmal monatlich. Sie besteht aktuell aus sieben Frauen im Alter von 24 bis 36 Jahren und ist für Neuzugänge offen“, erklärt Viola Luther. Hier würden Erfahrungen ausgetauscht, Lebenssituationen erörtert, aber auch Freizeitaktivitäten initiiert. „Demnächst wird es einen Selbstverteidigungskurs geben, kündigt sie an.