Ludwigshafen „Wollten Denkfabrik für Ludwigshafen sein“
Ohne Klaus Kufeld gäbe es vielleicht kein Ernst-Bloch-Zentrum. Der Gründungsdirektor hat jedenfalls entscheidend dazu beigetragen, dass aus dem Bloch-Archiv 1997 nicht bloß ein musealer Erinnerungsort für den Ludwigshafener Philosophen wurde, sondern ein Institut, das irgendwo zwischen Wissenschaftszentrum, Kultureinrichtung und Gedenkstätte seinen Platz sucht. Jetzt hört Kufeld auf und geht in den Ruhestand. Dietrich Wappler und Hans-Ulrich Fechler haben mit ihm gesprochen.
Am Anfang war es sehr, sehr schwer. Es gab alle Widerstände der Welt, sage ich einmal. Es wurde ein Unterausschuss des Kulturausschusses gegründet, der sich mit fachlichen Fragen befasst hat. Wie verhält sich das mit dem Marxisten Bloch? Wie mit der Utopie? Ich habe den Ausschuss dann dadurch überzeugt, dass ich gesagt habe, es würden unterschiedliche Themen, auch unabhängig von Bloch, im Vordergrund stehen und ich würde versuchen, breite Schichten des Bildungsbürgertums zu erreichen. Ich glaube, das ist gelungen. Es war auch anfangs nicht so klar, was aus dem Bloch-Zentrum einmal werden sollte. Eher ein Wissenschaftszentrum oder ein Kulturzentrum? Das war die Herausforderung der ersten zwei Jahre. Da haben wir noch zweispurig gedacht. Wir saßen im Rathaus und unterhielten ein virtuelles Bloch-Zentrum. Dass es sich dann anbot, die Gründerzeit-Villa am Rheinufer zu beziehen, war ein Glücksfall. Wir haben das Konzept auf die Räume ausgerichtet und konnten fokussieren. Es gab die Möglichkeit, einen Ausstellungsraum und einen Vortragsraum einzurichten. Und wir konnten den wissenschaftlichen Nachlass erwerben. Von da an hatte ich das Gefühl, dass ich meine Vorstellungen von einem offenen Haus umsetzen konnte. Es blieb aber noch lange offen, ob das Bloch-Zentrum nun eher ein Wissenschaftszentrum oder doch auch ein Kulturzentrum ist. Früher gab es auch mehr Konzerte, sogar Popkonzerte. Inzwischen macht das Bloch-Zentrum eher den Eindruck eines Wissenschaftszentrums. Das ist nicht ganz richtig. Es gab früher zwar Musikveranstaltungen, aber nur sehr selten. Wissenschafts- oder Kulturzentrum, das war keine Grundsatzfrage. Es gab anfangs nur die Angst, dass das Wissenschaftszentrum zu wenig angenommen würde. Es wurde dann aber relativ schnell akzeptiert mit seinen populärwissenschaftlichen Angeboten wie der Diskussionsreihe „Talk bei Bloch live“. Bloch war Marxist, Kommunist, hatte Sympathien für Stalin. Sie haben immer versucht das Bloch-Zentrum weg vom Marxisten Bloch und hin zu Bloch-Begriffen wie „Hoffnung“, „Zukunft“, „Heimat“, „Utopie“ und damit auf andere Themenfelder seiner Philosophie zu lenken. War das die große Stoßrichtung Ihrer Arbeit? Das ist hundertprozentig richtig. Ich habe wirklich versucht, ihn politisch zu entschärfen. Es ging mir darum, was Bloch uns heute zu sagen hat. Sein enzyklopädisches Werk deckt viele Themen ab, zum Beispiel Ästhetik und Kunstphilosophie oder den Aufrechten Gang in der Zivilgesellschaft. Das schließt aber nicht aus, dass er ein politischer Mensch war. Wir haben seine politischen Überzeugungen mehrfach mit Ausstellungen deutlich gemacht, zuletzt mit der Thomas-Münzer-Ausstellung. Warum machen Sie keine Ausstellung zum 200. Geburtstag von Karl Marx’? Eine Ausstellung hätten wir machen können, dass es nicht geschah, hatte organisatorische Gründe, das hatte mit meinem Ausscheiden und der personellen Situation zu tun. Spielt auch Angst vor der öffentlichen Wahrnehmung des Zentrums eine Rolle, wenn Sie die Aufmerksamkeit von dem Marxisten Bloch weglenken? Nein. Bloch selbst hat sich ja zu seinen Irrtümern bekannt. Der Marxist Bloch hätte nur in die falsche Richtung geführt. Es ging Bloch um eine bessere Welt, und wir haben die Frage gestellt: Wie hätte Bloch heutige Probleme bewertet, was hätte er zum Thema Gerechtigkeit oder zur digitalen Welt gesagt? Veranstaltungen haben Sie gern mit einem Bloch-Zitat eingeleitet, die anschließenden Diskussionen nahmen dann oft auf Bloch keinen Bezug mehr. War das für Sie in Ordnung? Es stimmt, dass die Diskussionen sich oft weit von Bloch wegbewegt haben. Ich hatte auch nie etwas dagegen. Die Einleitungen mit einem Zitat waren Umrahmungen, der Verlauf der Diskussion zeigte dann, was die Öffentlichkeit bewegt. Hat das Bloch-Zentrum mit seinen Veranstaltungen seinen Platz in der Arbeiterstadt Ludwigshafen gefunden? Manchmal war die Besucherzahl schon sehr bescheiden. Es gab zunehmend ein Bedürfnis. Besonders die Reihe „Talk bei Bloch live“, in der wir aktuelle Themen aufgreifen, hat zunehmend Interesse gefunden. Bei den Lesungen von Schriftstellern in der Reihe „Autoren bei Bloch“ hängt das Publikumsinteresse sehr von großen Namen ab. Aber das Bloch-Zentrum befindet sich in einer Stadt, die solche Veranstaltungen kaum gewohnt war, und bietet sie auch erst seit zehn, 15 Jahren an. Heute bieten wir hochwertigen Diskurs. Die Finanzierung des Bloch-Zentrums wird von der Stadt Ludwigshafen und der Bloch-Stiftung getragen. Hat das funktioniert, reichen die Mittel? In letzter Zeit haben wir uns bei den Veranstaltungen mehr oder weniger ausschließlich aus Drittmitteln finanziert. Sponsoren haben einzelne Veranstaltungen unterstützt. Derzeit geht es wieder mehr in Richtung Stiftung, weil wir seit diesem Jahr nicht mehr ausschließlich konservativ anlegen. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Eine Stiftung, die eine städtische Kultureinrichtung unterstützt, gibt es in Ludwigshafen nicht noch einmal. Haben die Stiftung und die Sponsoren auch eine bestimmte inhaltliche Ausrichtung verlangt? Darüber habe ich mit mir nie diskutieren lassen. Ich habe gefragt, sind Sie an dem und dem Thema interessiert. Wenn ja, war das willkommen, sonst nein. Da war ich konsequent. Ich hatte aber auch nie das Gefühl, dass etwa die BASF als Hauptsponsor uns inhaltlich reinredet. Es gab immer wieder Ansätze und Versuche, das Bloch-Zentrum mit anderen Kultureinrichtungen zu vernetzen. Das hat aber nie funktioniert. Ist das ein Problem des Standorts? „Talk bei Bloch live“ ist unsere eigene Veranstaltungsreihe, da bietet sich keine Vernetzung an. Was als Herausforderung bleibt, das ist, eine Denkfabrik für Ludwigshafen zu sein. Der Anspruch war da, mit wechselnden Partnern zu kooperieren. Dass es nicht gelungen ist, liegt vielleicht auch daran, dass es zu viele einzelne Akteure in der Stadt gibt. Wenn ich noch ein paar Jahre weitergemacht hätte, wäre es vielleicht gelungen. Welche Veranstaltungen sind denn besonders gefragt? Das sind Formate wie „Talk bei Bloch live“, aber auch die Projekttage mit Schulen wie der Integrierten Gesamtschule Ernst Bloch, die wir nun seit etwa 15 Jahren hier veranstalten. Auch die Tagungen fanden Zuspruch, unter anderem mit der Bloch-Gesellschaft. Vor allen prominente Namen und Fernsehprominenz ziehen aber das Publikum an. Das ist so. Auch bei Diskussionsrunden sollte wenigstens einer dabei sein, der bekannt ist. Die Preisverleihungen, auch die Zukunftsrede sind deshalb regelmäßig gut besucht. Von den drei Auszeichnungen, die das Bloch-Zentrum vergibt, spielt der Ernst-Bloch-Preis in der öffentlichen Wahrnehmung eindeutig die größte Rolle, weniger die „Zukunftsrede“ oder der Dieterle-Filmpreis. Sehen Sie das auch so? Ja. Die „Zukunftsrede“ hat aber schon auch mächtig eingeschlagen, obwohl es sie noch nicht lange gibt und sie einen Schritt von Bloch wegführt. Sie soll Impulse geben und eine Antwort auf die Frage geben, wie es in der Welt von morgen aussieht. Die Nähe zu Bloch ist kein Kriterium bei der Auswahl des Redners. Sascha Lobo und Ernst Ulrich von Weizsäcker, die letzten beiden Redner, haben mit Blochs Philosophie wenig zu tun. Was wünschen Sie sich denn für die künftige Entwicklung des Bloch-Zentrums? Dass das Zentrum noch stärker eine Vermittlungsfunktion in die Gesellschaft wahrnimmt. Und dass von ihm Denkanstöße ausgehen, die von der Stadt aufgenommen werden. Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen? Reisen. Bücher schreiben. Einen Lehrauftrag in München annehmen. Und erstmal loslassen.