Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel „Wir wollen jetzt den WM-Hattrick“

Lena (rechts) und Lisa Bringsken sind sehr verschiedene Charaktere. Lisa ist eher ein ruhiger Typ, Lena ist emotional.
Lena (rechts) und Lisa Bringsken sind sehr verschiedene Charaktere. Lisa ist eher ein ruhiger Typ, Lena ist emotional. Foto: Oliver Stoll

Lena und Lisa Bringsken sind die besten Kunstradfahrerinnen in der Welt. Das Geschwisterpaar aus Rödersheim-Gronau gewann vor Kurzem in Basel den zweiten Titel. Das Duo des RCV Böhl-Iggelheim bleibt aber bodenständig – und spricht offen übers mögliche Aufhören sowie über Popularität und Ruhm.

Ihre Mutter sagt, Sie seien Wettkampfsäue…
Lena: Der Sport ist ein Wettkampfsport. Das heißt, ich muss am Wettkampf die beste Leistung bringen. Darauf bereiten wir uns vor.

Welcher Titel bedeutet Ihnen mehr: der erste WM-Titel oder der zweite, also die Kunst, diesen zu verteidigen?
Lisa: Der erste Titel tat richtig gut. Es dauerte auch, bis wir das verarbeitet hatten. Beim zweiten Titel, hmmm, ich finde beide gut. Beim ersten Titel haben wir uns anders gefreut.

Wie?
Lisa: Es war das Ziel, das man immer erreichen wollte. Beim zweiten WM-Titel kannten wir das Gefühl schon.

Lena: Beim ersten Titel war es unser Ziel, Weltmeister zu werden. Der zweite Titel stand unter dem Motto: den anderen zu beweisen, dass wir nicht zufällig Weltmeister geworden sind, sondern, dass wir das ein Jahr später wiederholen können. Dann gelang uns das mit einer noch besseren Punkteleistung.

War die Last beim zweiten WM-Titel größer als beim ersten?
Lisa: Nein.

Der Druck, von dem man immer von Außen spricht, den haben Sie nicht gespürt?
Lisa: Nein, wenn wir ein gutes Ergebnis haben und dann Zweiter werden sollten, dann ist das Okay für uns.

War es ein Vorteil, dass Sie beide immer zuerst Ihre Kür fuhren?
Lena: Ja, das sehe ich so.

Haben die Titel Ihr Leben verändert?
Lisa: Unter der Ansicht, dass ich nicht mehr arbeiten gehen muss, nein. Ohne Titel wäre es anders gewesen, speziell bei mir im Betrieb. Da kennen mich jetzt viele Leute. Das könnte mir in meinem weiteren Leben eventuell Vorteile bringen, wenn man bestimmte Personen kennt.

Lena: Man kann sagen, der Sport hat uns persönlich charakterlich geprägt. Ob das jetzt nur Silber oder Silber und Gold gewesen wäre, weiß ich nicht. Aber all die Sachen, die Kunstradsport ausmachen – Konzentration, Ehrgeiz – haben unser Leben geprägt.

Wird man nun in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen?
Lena: Mehr als Vizeweltmeister.

Wie äußert sich das? Gibt es mehr Medienanfragen, mehr Sponsoreninteresse?
Lena: Sponsoren müssen wir immer noch von uns aus ansprechen. Es ist für die Sponsoren jedenfalls attraktiver, mit einem Weltmeister zu werben. Ich werde häufiger angesprochen, beispielsweise im Fitnessstudio. Die Menschen registrieren das zusehends.

Sind Sie in den sozialen Medien aktiv?
Lisa: Nein.

Warum?
Lisa: Wir haben nicht das Verlangen gehabt, dass wir das unbedingt machen müssen.

Aber das ist doch der neue Trend, sich selbst zu vermarkten. Ist es denn einfacher mit dem zweiten Titel Sponsoren zu finden?
Lena: Ich habe noch nicht damit begonnen, neue Sponsoren zu suchen. Gemeldet hat sich noch keiner.

Wird es jetzt Showauftritte geben?
Lena: Das kostet Zeit. Wir müssen schauen, wie viel Zeit investieren wir in Beruf und Ausbildung, wie viel Zeit in Training und Wettkämpfe? Dann gibt es noch die Freizeit. Da würden dann die Showauftritte reinfallen.

Ist es ein Vorteil, in einer Sportart Weltmeister zu werden, die kaum einer kennt? Wenn Fußballer oder Handballer Weltmeister werden, wird ein großer Hype darum gemacht. Sind Sie die anonymen Weltmeister?
Lena: Stimmt ja, aber ich finde, dass sich das alles ausgleicht. Unser Vorteil ist, dass wir unsere Ruhe haben. Nachteil ist: Wir sind nicht reich.

Würden Sie sich es anders wünschen?
Lisa: Ich nicht.

Warum?
Lisa: Ich möchte nicht so in der Öffentlichkeit stehen. Das wäre nicht mein Ding. Ich bin so zufrieden.

Haben Sie einmal zurückgeschaut und daran gedacht, wie alles begann?
Lena: Nein, mein Erinnerungsvermögen geht nicht so weit zurück. Es gehört aber zu unserem Leben. 80 Prozent unseres Lebens haben wir dem Kunstradsport gewidmet.

Was sind denn die Stärken des jeweils Einzelnen?
Lisa: Ich kann schlichten. Ich kann Lena runterbringen. Ich weiß, welche Schrauben ich drehen muss, um sie wieder runterzuholen.

Lena: Ich bin eher aufbrausend, lauter, aber auch diejenige, die motiviert.

Was dann auch mal zum Handball bei der TG Waldsee führte?
Lena: Ja.

Darf man das überhaupt als Kaderathlet? Beim Handball kann man sich ja verletzen.
Lena: Ich habe in der Kunstrad-Saison nicht gespielt. Ich habe jetzt mein erstes Spiel bestritten. Das habe ich auch schon länger so gehandhabt. Ich habe jetzt zwei Jahre nicht gespielt, aber davor auch immer die Rückrunde mitgemacht. Die geht bis April. Wenn dann einmal was passiert im Handball, dann hätte es mir auch genauso gut auf der Straße passieren können.

Lisa: Ich backe lieber.

Aha, was denn so?
Lisa: Ich schaue dann im Buch nach.

Also nach Rezept und jetzt nicht so spontan.
Lisa: Alles zusammen, worauf ich gerade Appetit habe.

Haben Sie denn nicht genug vom Kunstradsport? Das ist ja schon eine komplexe Sportart.
Lena: Es gibt ja immer wieder neue Anreize, neue Ziele. Und solange wir noch Spaß haben, denken wir keineswegs ans Aufhören.

Also ist der Hattrick, sprich der dritte WM-Titel in Serie, das Ziel?
Lena: Ja, den wollen wir jetzt.

Dann folgt der Rücktritt auf dem Gipfel des Erfolges?
Lena: Darüber haben wir noch nicht geredet. Aber so lange, wie wir jetzt schon fahren, so lange werden wir nicht mehr fahren, das steht fest.

Es ist schon auffällig, wie viele Kunstradsportler früh aufhören.
Lena: Ja.

Also werden Sie Trainer?
Lena: Das habe ich mir vorgenommen. Denn es macht Spaß, mit Kindern zu arbeiten.

Wie ist es eigentlich, wenn Sie bei Ihrer Schwester auf den Schultern stehen?
Lisa: Das ist blindes Vertrauen und eine Selbstverständlichkeit. So, als würde man aufs Fahrrad steigen und losfahren.

Was geht Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?
Lisa: Eher weniger. Wenn ich etwas wahrnehme, dann sind es die kleinen Bewegungen, die ich dann ausgleiche.

Lena: Wenn ich die Bilder sehe, sieht das spektakulär aus. Aus meiner Perspektive sehe ich nur Boden und Rad vor mir. Ich weiß zwar, Lisa steht oben drauf und ich muss 130 Kilogramm bewegen, aber es ist Normalität.

Interview: Marek Nepomucký und Klaus. D. Kullmann

Zur Person

Lena und Lisa Bringsken

Dreimal Vize-Weltmeister, zweimal Weltmeister. 2018 wurden die Kunstradfahrerinnen Lena (24) und Lisa (22) Bringsken (22) in Lüttich Weltmeister, 2019 in Basel. Die Sportlerinnen des Jahres im Rhein-Pfalz-Kreis kommen aus Rödersheim-Gronau und fahren seit ihren Anfängen für den RCV Böhl-Iggelheim. Von ihrem Sport können sie jedenfalls nicht leben. Lena Bringsken arbeitet daher als Fertigungsplanerin bei Mann+Hummel, Lisa Bringsken will Physiotherapeutin werden und absolviert an der BG Unfallklinik in Oggersheim eine Ausbildung. Beide werden von ihrer Mutter Katja Elmer trainiert. Lena Bringsken spielt außerdem Handball für den Oberligisten TG Waldsee.

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