Ludwigshafen
Wie sich viele Videokonferenzen auf die Mitarbeiter auswirken
Ungehalten, ungeduldiger und genervter werden viele Menschen im Homeoffice. Mit der Aufmerksamkeit hapert es zusehends, wenn eine Videokonferenz die nächste jagt. Was die häufigen virtuellen Treffen mit den Menschen machen, hat eine neue Studie des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) unter der Leitung von Direktorin Jutta Rump, Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung, an der Hochschule Ludwigshafen untersucht. Mit „Zoom-Fatigue“, wie die Studie das Phänomen nennt, hat das Institut sich bereits zwei Mal beschäftigt. Im September und Dezember 2020 hat es Befragungen hierzu durchgeführt. Der Vergleich der Daten zeigt: Es sind nicht bedeutend mehr Menschen betroffen. Diejenigen jedoch, die Zoom-Fatigue spüren, sind noch erschöpfter.
„Ich lerne aus meiner eigenen Studie“, erklärt Rump, die einige der Symptome auch bei sich selbst und in ihrem Team beobachtet. Sie legt öfter mal eine Pause ein, wenn sie zu Hause sechs bis zehn virtuelle Sitzungen hat. In den Räumen des Ostasieninstituts direkt am Rhein waren es vor dem Lockdown etwa drei.
330 Experten befragt
Von einem ähnlichen Zuwachs berichten auch die 330 Geschäftsführer, Führungskräfte, Personalleiter, Personal-Fachleute, Betriebs- und Personalräte sowie HR-Experten, die an der Studie teilgenommen haben. Wie oft finden virtuelle Meetings statt, wie lange dauern sie im Durchschnitt, wie hat sich die Erschöpfung dadurch entwickelt, wie bemerkt man sie, welches sind die belastenden Faktoren, und was kann man gegen Zoom-Fatigue tun, sind die Fragen, die die Teilnehmer beantwortet haben.
Obwohl die Beschäftigten sich nicht unbedingt häufiger bei Videokonferenzen treffen, ist die Erschöpfung bei den Menschen größer, während die Zahl der betroffenen Teilnehmer nicht nennenswert gewachsen ist. Die These liegt nahe, so die Studie, dass nicht die Anzahl der virtuellen Meetings entscheidend sein muss. Wie sie technisch und organisatorisch gestaltet sind und die zunehmende Gewöhnung der Beschäftigten an diese Form von Kommunikation und Zusammenarbeit sind wichtige Einflüsse, die die Arbeit im Home-Office erleichtern oder erschweren. Dazu kommt, dass der Small Talk bei einer Tasse Kaffee oder in der Kantine vielen fehlt. Auch vermissen zahlreiche Teilnehmer, dass sie nicht so gut netzwerken können.
„Zu Hause festgetackert“
„Ich bin gerne mit anderen Menschen in einem Raum“, meint auch Rump. „Vor Corona war mein Büro meine Tasche, jetzt bin ich zu Hause festgetackert“, berichtet sie. Während sie früher ständig auf Reisen war, arbeitet sie nun in ihrem Büro, hält online Vorträge und besucht virtuelle Kongresse. „Die Aufgaben sind gleichgeblieben, mein Arbeitsrhythmus ist anders“, berichtet sie.
In zahlreichen Unternehmen und Institutionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Jutta Rump als Prozessbegleiterin tätig. Sie hat zudem Mandate in Wirtschaft und Gesellschaft. Jutta Rump gehört laut Hochschule zu den zehn wichtigsten Professoren für Personalmanagement im deutschsprachigen Raum. Die aktuelle Studie berührt zahlreiche Disziplinen von Führung über Organisationsentwicklung und Personalmanagement bis hin zu Psychologie und Pädagogik. Folgestudien könnten noch unter anderem die Fragen nach Geschlecht, Alter und Bildungsgrad und medizinische Aspekte beleuchten.
Zurück in die alte Welt?
„Wir sind durch den Lockdown viel effizienter geworden“, erzählt sie von sich und ihrem Team. Das betrifft auch viele andere Betriebe. Doch Rump will weder in die alte Welt zurück, noch hält sie es für sinnvoll, so wie jetzt weiter zu machen. „Eine gesunde Mischung muss her. Kurzfristig haben wir einen Produktions-Gewinn, mittel- und langfristig brechen soziale und weiche Dinge weg. Das ist nicht gut für die Performance“, meint sie.
Sorgen macht sie sich um ihre Studierenden. „Ihnen bricht das private, soziale und berufliche Netzwerk weg. Sie können keine Netzwerke gestalten und sich ausprobieren“, bedauert sie. Voll des Lobes ist sie aber für die Jugend. „Auf sie sollte man nicht schimpfen. Die meisten zeigen sich sehr solidarisch mit den Älteren“, meint sie.