Ludwigshafen
Wie Flüchtlinge in einem ehemaligen Supermarkt in der Walzmühle leben werden
Wer durch eine unscheinbare Seitentür die Notunterkunft im Ostflügel der Walzmühle betritt, kommt in eine bedrückende Welt. Im 4000 Quadratmeter großen Erdgeschoss des einstigen Real-Supermarkts, das schon als Impfzentrum in der Corona-Pandemie diente, gibt es kein Tageslicht. Neonröhren beleuchten etwa 100 sogenannte Kojen. Es sind mit Bauzäunen und schwarzen Planen abgetrennte 15 Quadratmeter große, nach oben offene Bereiche, in denen zwei Stockbetten aus grauem Metall und vier schmale Spinde stehen.
Arbeiter packen gerade Bettgestelle aus Kartons und schrauben sie zusammen. Metallteile klirren und Akkuschrauber dröhnen laut durch den einstigen Supermarkt. Bis zu 400 Flüchtlinge sollen hier einmal schlafen. Geräusche werden in dem Riesenraum nicht gedämmt.
Die Bettwäsche in der Koje ist grau mit weißen Sternen. Die feuerfesten Matratzen sind grün. Im Spind können die künftigen Bewohner ein paar Habseligkeiten unterbringen. Die Bewohner bekommen Taschenlampen, denn abends wird zur Schlafenszeit die Hallenbeleuchtung ausgeschaltet. Die Handlampen spenden dann noch etwas Licht, etwa beim Gang auf die Toilette. Damit die Nachbarn sich weniger gestört fühlen, sind die schwarzen Planen lichtundurchlässig.
Container im Obergeschoss
Über zwei stillgelegte Rollbänder geht es ins Obergeschoss, wo auf der Straßenseite trübes Tageslicht durch Milchglasscheiben dringt. Auf beiden Seiten des ebenfalls 4000 Quadratmeter großen Raums stehen große Container. Rechts befinden sich zehn gelbe Küchencontainer mit jeweils vier Waschbecken. An der gegenüberliegenden Wand ist ein Tisch mit Sperrholzplatte montiert, auf dem elektrische Herdplatten Platz finden. An der Seite der Container stehen Kühlschränke mit je acht abschließbaren Kühlfächern.
Links der Rolltreppe sind rund 20 weitere graue Container aufgestellt worden – acht Duschräume mit jeweils fünf Kabinen und Waschbecken sowie zehn Toilettenräume mit jeweils fünf WCs. Außerdem gibt es Container mit Waschmaschinen und einen Sanitätsraum mit einer Liege, Verbandskasten und Defibrillator. Auf der Stirnseite dazwischen sind etwa 200 Stühle aufeinander gestapelt. Tische stehen daneben. Das wird der Aufenthaltsbereich.
Erstbezug ab Dienstag
Bis die ersten 26 Flüchtlinge am Dienstag hier einziehen, soll alles fertig sein. Die Heizungs- und Lüftungsanlage läuft schon auf Hochtouren. Eine Winterjacke braucht man hier nicht. Die Neuankömmlinge bekommen nach ihrer Ankunft eine Tasse, einen Teller, einen Topf, eine Pfanne, ein Geschirrhandtuch und ein Badetuch. Die Erstausstattung für jeden.
„Ich möchte nichts beschönigen: Es ist keine optimale Lösung, Menschen in einem ehemaligen Supermarkt unterzubringen“, sagt Sozialdezernentin Beate Steeg (SPD) beim Rundgang am Freitag. Doch die anderen Unterkünfte in der Stadt seien mit 1700 Flüchtlingen belegt. Die Walzmühle sei eine Übergangslösung.
Bis August sollen Bewohner verteilt sein
Laut Baudezernent Alexander Thewalt (parteilos) sollen bis Ende Januar rund 100 Menschen in der Walzmühle untergebracht werden, im Februar und März sollen jeweils weitere 100 Flüchtlinge folgen, im April wird die Notunterkunft schließlich mit 400 Asylsuchenden belegt sein. Ab Mai sollen die ersten Ausweichquartiere fertig sein, und dann sollen bereits die ersten 100 Walzmühle-Bewohner wieder ausziehen und verlegt werden. „Bis Ende August wird diese Notunterkunft wieder leer sein. Hier kommt auch niemand anderes mehr rein“, verspricht der Baudezernent, dem die CDU vorgeworfen hat, dass er nicht rechtzeitig genug andere Unterkünfte geschaffen habe.
Sozialdezernentin Steeg betont mit Blick auf die Proteste von Anwohnern und Gewerbetreibenden: „Wir hatten in diesem Fall keine andere Wahl.“ Gleichwohl würden die Sorgen und Ängste ernstgenommen. Die Alternative wäre die Unterbringung in der Eberthalle, Sporthallen oder Bürgerhäusern gewesen, was die Stadtspitze wegen der Folgen für die Gesellschaft habe unbedingt vermeiden wollen.
Firma betreibt Unterkunft
Nach Angaben der Stadt wird die Walzmühle voraussichtlich mit 70 Prozent Männern und 30 Prozent Frauen beziehungsweise Familien belegt. Kleinkinder sollen nicht dabei sein. Betreiber der Notunterkunft ist ein externes Unternehmen: „European Homecare“, ein Mittelständler aus Essen, der sich auf den Betrieb solcher Unterkünfte spezialisiert hat. Rund 2200 Mitarbeiter betreuen und versorgen Flüchtlinge in rund 120 unterschiedlichen Einrichtungen.
Acht Security-Leute werden rund um die Uhr vor Ort sein, sagt Steeg. Es gibt auch einen Hausmeister, einen Unterkunftsmanager und Sozialpädagogen, ergänzt Sandrine Rohr vom städtischen Bereich Asyl. In den anderen Notunterkünften sei es bisher nicht zu nennenswerten Zwischenfällen gekommen, sagt sie. In einem leer stehenden Raum in der Einkaufspassage, die mit einer Brandschutzwand von der Notunterkunft abgetrennt ist, wird es auch einen städtischen Ansprechpartner geben. Hier sollen die Flüchtlinge über Sprachkurse und Jobmöglichkeiten informiert werden. Die Übergangslösung Walzmühle kostet insgesamt sechs Millionen Euro – inklusive Gebäudemiete, Container-Anmietung, Umbauten und Betriebskosten, listet Baudezernent Thewalt auf.
Die Bewohner können sich frei bewegen. „Dies hier ist kein Gefangenenlager“, sagt Sozialdezernentin Steeg zwischen den Gitterboxen mit den schwarzen Planen.
Noch Fragen?
Anwohner können sich bei Fragen an die Verwaltung unter Telefon 0621 504-3892 oder per E-Mail buergerinformation-asyl@ludwigshafen.de wenden.