Meinung
Wie Dieselkraftstoff und Müller-Thurgau zusammenhängen
„Die Papiertücher an Tankstellen sind dazu da, dass man sich nach dem Tankvorgang die Tränen aus dem Gesicht wischen kann.“ Diesen Spruch habe ich in den vergangenen Tagen mehrfach in den sozialen Netzwerken angezeigt bekommen. Und ja, er hat mich tatsächlich dazu veranlasst, meine Mundwinkel ein paar Millimeter nach oben zu ziehen.
Danach bin ich tatsächlich nostalgisch geworden. Als kleiner Bub habe ich mir an der Tankstelle immer einen kleinen Spaß gemacht, um die Zeit zu überbrücken. Schafft es die Anzeige des Betrags, der damals noch in D-Mark zu entrichten war, den meine Eltern damals zahlen mussten, die Anzeige der getankten Liter Sprit zu überholen?
Als ich dann zum ersten Mal selbst ein Auto tanken und dafür bezahlen musste, war ich schon längst soweit, darum zu betteln, dass die Anzeige des Geldbetrags doch bitte nicht so viel Abstand zu den getankten Litern haben soll. Sie wissen, wie das ausgegangen ist. Irgendwann wurde der Abstand immer größer.
Und in den vergangenen Tagen und Wochen hat das Ganze geradezu groteske Züge angenommen, weil ein offenbar wütender alter weißer Mann, an dessen geistige Zurechnungsfähigkeit ich schon lange nicht mehr glaube, die Welt offenbar mit seinem ganz persönlichen Spielplatz verwechselt. Konsequenzen? Egal. Hauptsache das eigene Konto platzt aus allen Nähten.
Eine Konsequenz für uns alle aus dem Iran-Desaster war, dass die Spritpreise ungeahnte Höhen erklommen haben. Bis zu 2,50 Euro für einen Liter Diesel, da kommen einem echt fast die Tränen. Es war die Zeit für mich, eine neue Rechnung aufzumachen. Den Betrag, den ich an der Tankstelle zu entrichten habe, nehme ich mit einer Mischung aus Wut, Frust und Hilflosigkeit hin.
Zu Hause allerdings, als ich den Tag mit der wirklich allerbesten Ehefrau unter Gottes schöner Sonne bei einem Glas Pfälzer Wein habe Revue passieren und ausklingen lassen, ist mir aufgefallen, dass die 2,50 Euro für einen Liter Diesel mittlerweile eine halbe Flasche meines Lieblingsweins von meinem Lieblingswinzer bedeuten. Es handelt sich um einen Müller-Thurgau aus der Südpfalz. Geschmacklich bewegt er sich irgendwo zwischen trocken, halbtrocken und fruchtig.
Ein Liter Diesel ist also mittlerweile so viel Wert wie ein halber Liter meines Lieblingsweins. Bitte rümpfen Sie nicht die Nase. Ja, der Wein kommt in einer Literflasche, genügt aber trotzdem hohen Ansprüchen. Doch seit ich diese Rechnung aufgemacht habe, ertappe ich mich regelmäßig dabei, wie ich beim Blick auf die Tankanzeige daran denken muss, wie viel Müller-Thurgau ich wohl gerade verfahren habe.
Zunehmend stellt sich mir auch die Frage: Wovon hätte ich am Ende mehr? Diesel? Müller-Thurgau? Klar, ich brauche mein Auto, schon alleine von Berufs wegen. Aber wäre die Welt mit noch mehr Müller-Thurgau abends auf der Terrasse nicht viel schöner? Nicht, dass man sich jeden Abend die Kante geben muss. Das bringt am Ende ja auch nichts. Aber irgendwie habe ich ein besseres inneres Gefühl, wenn ich eine Flasche guten Pfalzwein öffne, als wenn ich den Zapfhahn in die Tanköffnung stecke.
Ein kleiner Trost für mich: In ein paar Monaten hat sich das mit der Tankstelle erledigt. Mein neues Auto fährt elektrisch. Mit Strom aus der hauseigenen Fotovoltaikanlage. Dann kann ich meinen grandiosen Müller-Thurgau noch unbelasteter genießen. Ohne irgendwelche Diesel-Rechnungen und Nostalgieanwandlungen im Hinterkopf.