Natürlich Kunst!
Wie die Künstlerin Karin Maria Zimmer den Klang von Pflanzen erforscht
Karin Maria Zimmer ist eine Künstlerin auf der Suche nach dem Geheimnis des Klangs: 1970 geboren, studierte sie in Hamburg am Johannes Brahms Konservatorium klassischen Gesang. Dann entdeckte sie die Wirkung des reinen Klangs im Raum, unabhängig von Wortbedeutungen einer Singstimme, und studierte audiovisuelle Kunst an der HBK Saarbrücken, wurde Meisterschülerin von Christina Kubisch. Es folgten Performances und Klanginstallationen zu unterschiedlichen Themen, Aufnahmen eigener Tonträger, weshalb sie aktuell ein Tontechnikstudium anschließt, um die Aufnahmequalität nach ihren Wünschen sicherstellen zu können. Auch als Physiotherapeutin arbeitet sie praktisch mit der therapeutischen Wirkung von Klang. Seit 2019 beschäftigt sie sich mit Pflanzenklängen.
Eine Sonnenblume klingt anders als ein Gummibaum
Ihr Bewusstsein für Pflanzen als fühlende Wesen begann mit einem Aha-Erlebnis: Ihr Geldbaum auf dem Balkon hatte seine Wuchsrichtung geändert. Er drehte sich aktiv weg aus der Hitze. Diese Begebenheit berichtete Zimmer einem Freund in Griechenland, der ihr von einem Klangkünstler in Amerika erzählte, der eine Rose zum Klingen brachte. Sie begann zu recherchieren – und legte sich dann die entsprechende Technik zu: Um Pflanzen hören zu können, werden zwei Elektroden am Blattwerk befestigt. Ein Modul verwandelt die gemessene Strömung in Midi-Dateien. Das sind Übertragungsprotokolle für Musikdateien, die Steuerbefehle wie Tonhöhe, Tondauer und Lautstärke enthalten. Ein Synthesizer verwandelt diese Signale in Musik.
Das Interessante daran: Jede Pflanze hat einen individuellen Klang. Eine Sonnenblume klingt anders als ein Gummibaum. Zudem unterscheidet sich das Klangbild je nach Tageszeit, Temperatur, Lichteinfall. Oder danach, ob die Pflanze Stress hat. Dann verändert sie Rhythmus und Lautstärke. Dies konnte man bei einer Veranstaltung im Ludwigshafener Hackgarten erleben: Manche Pflanzen piepsen hektisch, andere klingen eher monoton.
Pflanzen als fühlende Wesen
Als Klang-Künstlerin geht Zimmer einen Schritt weiter: Sie überlegt sich, welcher Pflanze sie welche „Stimme“ geben soll. Am Synthesizer kann sie einstellen, ob das Gewächs als Trompete tönen soll oder besser als Klavier. So entsteht dann ein Kunstwerk, ein Konzert aus „Pflanzenmusik“.
Ursprünglich wurden die Geräte, die Pflanzentöne hörbar machen, hergestellt, um zu prüfen, wie Pflanzen fühlen. Mittlerweile wird die Technik aber auch als „Unterhaltungselektronik“ verkauft: Die Pflanzen erzeugen so zum Beispiel „Chill Out Musik“.
Zimmer dagegen geht es in ihrer Klangkunst tatsächlich um das Klangerleben und um das Bewusstsein, dass auch Pflanzen fühlende Wesen sind, was einen ganz anderen Bezug zu ihnen schafft. Mit ihren Installationen, in die sie auch Umgebungsgeräusche und ihren Obertongesang in „onomatopoetischer Sprache“, also Sprache ohne Wörter, einarbeitet, möchte sie die Zuhörer einladen, sich auf den Moment einzulassen. Besonders gut ginge das bei Installationen in der Natur: Die sphärischen Klänge ihrer Musik aus Kopfhörern oder Lautsprechern vermischen sich mit den Umgebungsgeräuschen. So zum Beispiel beim Projekt „Erzählweise“. Rheinsagen, Mythen und Märchen wurden zur Basis einer Klanggeschichte, die aus holländischen und schweizerischen Sprachfragmenten bestand, die mit anderen Klängen vermischt wurden. Gleichzeitig befand sich der Zuhörer tatsächlich am Rhein, konnte ihn „in Original“ als Umgebungsgeräusch hören und sich so mit seiner eigenen Fantasie auf die Reise vom Ursprung des Rheins in der Schweiz zur Mündung in die Niederlande begeben.
Raus aus der esoterischen Ecke
Die Physiotherapeutin mit eigener Praxis ist überzeugt, dass es für das Wohlbefinden des Menschen wichtig ist, seinen Körper zu spüren, das Denken abzuschalten. Und da schließt sich wieder der Bogen zur Natur, zur Pflanze. Der Mensch besteht zu 70 Prozent aus Wasser. Dieses Wasser sollte frei und harmonisch fließen.
Wer wissen möchte, wie seine Pflanzen klingen, kann Zimmer „buchen“. Vielleicht ist der eine oder andere dann von der Vielfalt der Klänge so fasziniert, dass er sich tiefer mit der Thematik befasst: Fühlen Pflanzen? Und was bedeutet das für den Umgang mit Pflanzen? Oder auch: Wie wirkt abstrakter Klang auf uns? Welche Rhythmen entspannen, welche Töne regen die Fantasie an? Die Welt ist voller Klang, man muss ihn nur bewusst wahrnehmen.
Die Idee, dass Pflanzen fühlen, ist mittlerweile aus der esoterischen Ecke gerückt: Wissenschaftler, Pflanzenneurobiologen, erforschen aktuell die Sinnesleistungen von Pflanzen. Pflanzen besitzen zwar keine Nervenzellen, reagieren aber aktiv auf Umweltreize. Kletterpflanzen beginnen zum Beispiel schneller zu wachsen, wenn sie Kontakt zu einem Gegenstand bekommen, an dem sie ranken können. Andere stoßen spezielle Duftstoffe aus, wenn sie angefressen werden. Das ist eine Art zu fühlen, zu sehen, zu hören, zu kommunizieren. Anders als Säugetiere, aber trotzdem als lebendige Wesen.
Die Serie
In der Verbindung zur Natur kann der Mensch eine schöpferische lebendige Kraft spüren, die künstlerisch inspiriert. In der Serie „Natürlich Kunst!“ sprechen wir mit einem Philosophen sowie Kulturschaffenden, die wissen, warum der Rotkehlchengesang Kultur ist, wie man draußen gute Fotos macht und dass Kreativität in Wald und Wiesen heilend wirkt.