Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Wie das Jugendamt 56 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut

Jugendliche Flüchtlinge leben in der Regel in Wohngruppen zusammen.
Jugendliche Flüchtlinge leben in der Regel in Wohngruppen zusammen.

Flüchtlinge im Kindes- und Jugendalter, die sich ohne ihre Eltern aus einer Krisenregion auf den Weg in ein besseres Leben gemacht haben, sind eine besondere Herausforderung für die Städte und Gemeinden. 56 unbegleitete Minderjährige sind derzeit in der Obhut des Ludwigshafener Jugendamts. Das jüngste Kind ist erst neun Jahre alt.

Die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, in der Verwaltungssprache werden sie kurz Umas genannt, sind Jungen und junge Männer. Dass sich Mädchen allein auf die Flucht begeben, ist eher selten, beziehungsweise sie erreichen wegen vieler Gefahren für Leib und Leben unterwegs oft gar nicht ihre Ziele in Europa. Daher ist es eher eine Ausnahme, dass in Ludwigshafen so wie zuletzt ein Mädchen aus Somalia untergebracht werden muss.

Lars Heene, der Leiter des städtischen Jugendamts im Westend, berichtet, dass aktuell 56 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Ludwigshafen und dem Umland leben. Drei stammen aus der Ukraine. Sie kamen im vergangenen Jahr wegen des Kriegs in ihrer Heimat ohne Eltern in die Pfalz und wurden bei Verwandten einquartiert, die hier schon eine Unterkunft hatten. Die Verwaltung musste daher für diese Geflüchteten keine Quartiere mehr suchen. 22 Umas stammen aus Syrien, 13 aus Afghanistan und neun aus der Türkei, nennt der Amtsleiter die Hauptherkunftsländer. 51 Flüchtlinge sind Jungs und junge Männer. Die fünf jungen Frauen stammen aus Afghanistan (2), Somalia, Syrien und der Ukraine.

Zuerst Alters- und Gesundheitscheck

Die meisten unbegleiteten Jugendlichen sind fast erwachsen: 17 Umas sind Heene zufolge sogar schon über 18 Jahre alt, 17 noch unter 16. Der kleinste Junge ist jedoch erst neun Jahre alt. „Meist kommen die jungen Flüchtlinge in Fluchtgemeinschaften nach Deutschland“, erklärt er.

Die unbegleiteten Kinder und Jugendlichen kommen zunächst in sogenannte Schwerpunktjugendämter, die eine Art Erstaufnahmeeinrichtung für junge Geflüchtete sind. Dort durchlaufen sie ein Clearing-Verfahren, es gibt einen Alters- und einen Gesundheitscheck. Dann wird geprüft, ob die Jugendlichen bereits Verwandte in Deutschland haben. Das für Ludwigshafen zuständige Schwerpunktjugendamt ist in Ingelheim und gehört zur Kreisverwaltung Mainz-Bingen. Das Ludwigshafener Jugendamt bemüht sich dann, die zugewiesenen Flüchtlinge in der Stadt und dem Umland unterzubringen. Bei sehr jungen Geflüchteten wird nach einem Platz in einem Heim oder in einer Pflegefamilie gesucht. Derzeit leben vier Geflüchtete in einer solchen Pflegefamilie.

Betreiber für weiteres Wohngebäude gesucht

Bei der Unterbringung arbeitet das Jugendamt Amtsleiter Heene zufolge mit dem Ludwigshafener Verein für Jugendhilfe, der Ökumenischen Fördergemeinschaft (ÖFG) und dem Ludwigshafener Zentrum für individuelle Erziehungshilfen (Luzie) zusammen. Der Verein für Jugendhilfe betreibt in der Stadt mehrere Wohngruppen, die ÖFG eine Wohngruppe für junge Geflüchtete im Hemshof. Im Luzie werden junge Geflüchtete integriert, wenn dort Plätze frei werden. Zuletzt hat Luzie die Werbetrommel gerührt, um neue Pflegefamilien zu finden. Wichtig dabei sei: „Es muss passen“, meint Heene. Pflegefamilien helfen dem Jugendamt und den Kindern und Jugendlichen. Das Kinderheim St. Annastift in Mundenheim spielt bei der Unterbringung dagegen keine Rolle.

Im Jahr 2022 gab es bei den unbegleiteten Minderjährigen landesweit enorme Zuzugsraten. Im Rückblick bilanziert Heene: „Das hat uns Sorgen gemacht.“ In diesem Jahr sei das nicht mehr der Fall. Im Januar wurden Ludwigshafen 15 Umas zugewiesen, im März und April dagegen nur drei. „Damit kommen wir gut zurecht. Wir bereiten uns aber auf eine eventuelle neue Welle vor.“ Es gebe ein Gebäude in städtischem Besitz, das für die Unterbringung unbegleiteter Minderjähriger geeignet sei. Dafür sucht das Jugendamt nun einen Betreiber. Derzeit laufen Gespräche. Heene hofft auf eine neue Kooperation bis zum Jahresende.

Wohnungsmangel bremst Ablösung

Wie viele andere Bereiche kämpft auch das Jugendamt mit einem großen Thema: Der Fachkräftemangel schlage auch voll auf die Kinder- und Jugendhilfe durch, berichtet Heene. Daher gebe es auch in der Jugendhilfe bereits für manche Segmente Wartelisten.

Bei der Unterbringung der jungen Flüchtlinge müssen auch Ablöseprozesse gestaltet werden, also der Weg in die Selbstständigkeit, denn die Jugendlichen werden längstens bis zum 21. Lebensjahr in Obhut genommen. Ein großes Problem sei dabei der Wohnungsmangel in Ludwigshafen, sagt Lars Heene. „Es zieht sich.“ Die Prozesse dauerten vor diesem Hintergrund oft länger.

Erstes Ziel sei stets der Spracherwerb. Aber viele Jugendliche würden auch in gute Ausbildungen gebracht. Ein schwieriges Thema seien dabei die Schulen, insbesondere die Berufsschulen. „Es ist nicht einfach, unbegleitete Flüchtlinge dort unterzubringen“, hat Heene festgestellt. Aber ohne Schulen seien die Chancen auf einen Einstieg ins Berufsleben schwieriger. „Wir brauchen die Unterstützung des Bildungssystems.“

x