Ludwigshafen Wenn man im falschen Körper steckt

Im Mai hat das Mannheimer Theater Oliv zur Ausstellung „Vom anderen Ufer“ im Ludwigshafener Stadtmuseum ein eigenes Stück über den Transsexuellen Heinrich Habitz alias Liddy Bacroff aufgeführt. Jetzt hat das Mannheimer Theater dem Thema Transsexualität einen eigenen Abend gewidmet.

Coralie Wolff und Boris Ben Siegel führten ein paar Szenen aus ihrem Stück „Will flirten, toben, schmeicheln!“ auf. Regisseurin Angelika Baumgartner ergänzte sie mit Erzählungen aus dem Leben Liddy Bacroffs. Die Zuschauer sollten sich ein Bild machen können, wie es einem Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ergangen ist, der nicht der Norm entsprach. Der größte Teil des Abends in dem kleinen Theater am Alten Messplatz bestand jedoch aus einem Gespräch „Normaler“ mit Transsexuellen über ihre heutigen Erfahrungen. Die beiden Schauspieler Coralie Wolff und Boris Ben Siegel bekannten, dass sie während ihrer Recherchen für das Stück vor der ersten Begegnung mit Transsexuellen „Berührungsängste“ gehabt hätten. Das scheint nicht nur ihnen so zu gehen, denn zu dem Themenabend kamen nur wenige Besucher, die nicht zur „Szene“ gehören. Etliche waren geladene „Transmänner“ und „Transfrauen“, die schon für einen Kurzfilm zu dem Stück über Liddy Bacroff Interviews gegeben hatten. Liddy Bacroff wurde als Heinrich Habitz am 19. August 1908 in Ludwigshafen geboren und am 6. Januar 1943 im Konzentrationslager Mauthausen ermordet. Schon als Kind fiel seine „mädchenhafte Art“ auf. Als „sittlich verdorben, verweichlicht und schwer erziehbar“ eingestuft, brachten seine Eltern den Jugendlichen ein Jahr lang in einer Erziehungsanstalt unter. Eine unglückliche Liebe zu einem Mannheimer Arbeitskollegen stürzte den jungen Erwachsenen in eine tiefe Verzweiflung. Danach zog er als Sängerin in einer Abnormitätenshow durch deutsche Städte, nannte sich Liddy Bacroff und ließ sich in Hamburg nieder, wo er sich den Lebensunterhalt mit Prostitution verdiente. Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde Liddy Bacroff wiederholt verhaftet, 1938 zu drei Jahren Zuchthaus mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt und schließlich umgebracht. Kriminalisiert worden sind die heutigen Transsexuellen aus der Rhein-Neckar-Region, die in dem Begleitfilm zu Wort kommen, zwar nicht. Sie haben aber Hänseleien und Diskriminierungen erfahren. „Ein Leidensweg“, sagte ein Mann im Frauenrock. „Und je älter man wird, desto schwerer wird es.“ Die meisten haben ihre „Geschlechtsidentitätsstörung“, wie die Veranlagung genannt wird, schon im Vorschulalter bemerkt. Transsexuelle würden sich im eigenen Körper nicht wohlfühlen, sagte Kerstin Erlewein von der „Selbsthilfegruppe für Transmänner und deren Angehörige“ in Heidelberg. Ein biologischer Mann fühle sich als Frau, eine biologische Frau als Mann. Ulli Biechele von der Psychologischen Lesben- und Schwulenberatung in Mannheim berichtete, dass bei ihm oft Eltern Rat schon für ihre kleinen Kinder suchten. Angelika Baumgartner, die Regisseurin des Stücks über Liddy Bacroff, machte sich Sorgen wegen der derzeitigen politischen Stimmung. Ihr Stück handele auch von Nationalsozialismus und Anpassungsdruck. „Wir können nicht sicher sein, dass heutige Selbstverständlichkeiten in fünf oder zehn Jahren noch bestehen.“
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