Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn Helfen zur Gefahr wird: Doku „Forest“ im Cinema Quadrat zeigt Wildnis der anderen Art

Der verwunschene Wald am Wohnort einer polnischen Familie ist zur Sperrzone erklärt worden, um Geflüchtete loszuwerden.
Der verwunschene Wald am Wohnort einer polnischen Familie ist zur Sperrzone erklärt worden, um Geflüchtete loszuwerden.

Bialowieza gilt als einer der letzten Urwälder Europas. Doch an der polnisch-belarussischen Grenze wird humanitäre Hilfe kriminalisiert, erzählt eine Doku im Cinema Quadrat.

Seitdem Geflüchtete aus dem Irak oder Syrien vermehrt per Flugzeug nach Belarus gelangen und an der EU-Außengrenze ausgesetzt werden, reagiert Polen mit Abriegelung, mit einem 200 Kilometer langen Grenzzaun. Wer es dennoch drüber schafft, wird vom Militär mit Schlagstöcken und Pfefferspray wieder zurückgedrängt oder dringt in gefährlichere Abschnitte des Urwalds ein, wo ein Überleben ohne Ausrüstung in den Wintermonaten kaum möglich ist. Ausgehungert, verletzt und stark unterkühlt finden einige Schutzsuchende – eingeklemmt zwischen den Linien – in den Sumpfgebieten und unbewachten Waldabschnitten von Bialowieza vor den Toren der EU den Tod.

Das verändert auch die Lebenswelt der Bewohner von Białowieza, die häufig vom Agro-Tourismus leben. Doch seitdem der Urwald zur Sperrzone erklärt wurde, kommen keine naturliebenden Gäste mehr.

Der 2024 entstandene Dokumentarfilm „Forest“ von Lidia Duda begleitet eine polnische Familie, die dort einfach nur helfen will. Mit Suppe, Schokoriegeln, Schlafsäcken und Menschlichkeit – und daran fast zerbricht. Denn wer Solidarität zeigt, muss harte Strafen bis zu mehrjähriger Haft befürchten. Asia, Marek und ihre drei Kinder leben zurückgezogen in einem Bullerbü-Paradies: mit Hühnern, Honigbienen, Bauernhaus und großem Garten, mit Streifzügen durch den üppigen Wald, um Kamerafallen aufzustellen. Die Doku zeigt fantastische Landschaftsaufnahmen mit Bisons und Elchen. Doch irgendwann finden sich andere Spuren von Leben im Dickicht: die Geflüchteten und ihre Schicksale selbst bleiben dabei fast unsichtbar und unerzählt. Schemenhaft gibt es nächtliche, geheime Ausflüge: Verletzte und Schwangere werden mit Essen und Trinken versorgt. Die große Frage des 85-minütigen Films aber lautet: Was macht es mit den Helfenden?

Hinter jedem Baum könnte ein Mensch sein

Tatsächlich wird eine echte Familie begleitet. Durch die Jahreszeiten, durch die Gefühlswelten, durch den Riss in der Idylle. Aus einer anfänglichen Sorge und dem Gefühl der Bedrohung („Hinter jedem Baum könnte ein Mensch sein“) erwächst eine selbstverständliche Solidarität, die sich auch auf die Kinder überträgt. Mit Knetautos und Lego spielen sie „Flüchtlinge und Polizei“, verarbeiten das Erlebte mit ihrer Fantasie. Doch das Unbeschwerte, die Ruhe in der absoluten Abgeschiedenheit geht verloren.

Dokumente, Schul- und Uni-Abschlüsse, Briefmarken aus Syrien wirken wie verstreute Schnipsel aus unbekannten Leben. Hunger, Leid, Tod, das Scheitern und Sterben im Wald kann die Mutter irgendwann nicht mehr ertragen. „Die Kinder oder die Flüchtlinge“ heißt es irgendwann, und sie leisten keine aktive Hilfe mehr, kehren so gut es eben geht in ihre kleines Familienglück zurück, während sich die Dramen direkt vor ihrer Haustür weiter abspielen.

„Polen ist nur ein Modellversuch“

Ola und Karolin kennen solche Geschichten. Auch sie begleiten Helfende durch ihre Gefühlswelten. Die Psychologin für Krisenintervention und die Anwältin für Menschenrechte gehören zum Szpila-Kollektiv. „Szpila“ bedeutet Nadel, aber auch Ärger machen. In Ostpolen ist es das feministische Szpila-Kollektiv, das seit 2021 Helfenden juristisch und psychologisch zur Seite steht. 18 Prozesse für über 50 Menschen haben sie bereits geführt; bislang konnten sie bei den Anklagen wegen Fluchthilfe stets einen Freispruch erwirken. „Polen ist nur ein Modellversuch; es gibt auch an der polnisch-deutschen Grenze illegale Zurückweisungen. Es geht alle Europäer etwas an, wenn wir nicht aufpassen, droht uns eine ähnliche Einwanderungsbehörde wie die ICE in den USA“, warnen sie im Cinema Quadrat auf Einladung des Bündnis Sicherer Hafen Mannheim.

In Polen habe die neue Regierung unter Donald Tusk nichts am harten Kurs geändert. Im Gegenteil wurde erst im September 2025 das Recht auf Asyl außer Kraft gesetzt. Und auch die Strafen gegen Unterstützer würden weiter verschärft. Und doch helfen Menschen aus der Zivilbevölkerung weiter in den Urwäldern, die einen Teil ihrer Idylle, aber nicht ihre Würde verloren haben.

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