Ludwigshafen Weiß-blaue Schnappschüsse

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Als Lokaljournalistin hatte ich in meinen 30 Arbeitsjahren bisher nur ganz selten die Gelegenheit, Dienstreisen zu unternehmen. Daher habe ich mich sehr darüber gefreut, dass ich im Juni für zwei Wochen eine Weiterbildung in München machen durfte. Bei der Akademie der Bayerischen Presse habe ich einen sehr intensiven Grundkurs Online-Journalismus absolviert. Das war richtig spannend: Der Austausch mit vielen jüngeren Kollegen aus Zeitungs-, Online- und TV-Redaktionen und die Beschäftigung mit den sogenannten neuen Medien fernab vom Redaktionsalltag waren eine inspirierende Erfahrung. Zwei Wochen fernab von meinem lieben Mann und guten Sohn – das war natürlich eine Herausforderung. Auch wenn München viele wunderbare Sehenswürdigkeiten zu bieten hat, die ich in meiner Freizeit erkundet habe. Daher war ich sehr froh, dass ich mir vor meinem Trip in den deutschen Süden noch ein leistungsfähiges Smartphone angeschafft hatte. „Du wirst das brauchen“, hatte mein Sohn mir glaubhaft versichert. Er behielt recht: Dank meines neuen Handys war meine Familie bei meinen Entdeckungstouren entlang der Isar, im Olympiapark, am Marienplatz und auf dem Viktualienmarkt quasi stets live dabei. Im Sekundentakt habe ich meinen Mann mit unzähligen weiß-blauen Schnappschüssen versorgt, während er in unserem Ludwigshafener Kleingarten gegen den Unkraut-Wildwuchs kämpfte. Auch abends im Hotel war ich ganz froh über meinen neuen ständigen Begleiter. Denn ein Festnetztelefon für lange Telefongespräche vor dem Schlafengehen gab es in dem stylishen Haus nicht. Die kleinen Zimmer sind lediglich mit einem ziemlich großen Flachbildschirm ausgestattet, den ich bei der ersten Inspektion meiner vorübergehenden Bleibe für ein Aquarium gehalten habe. Im Ruhemodus schwammen doch tatsächlich Fische im Fernsehen! Beim Frühstück ließ ich das Smartphone immer zum Laden auf meinem Zimmer zurück. Schließlich gibt es in Hotel-Restaurants viel zu sehen, und ich beobachte lieber andere Menschen, anstatt ständig auf einen kleinen Bildschirm zu glotzen. Außerdem hoffte ich auf nette Plaudereien mit aufgeweckten Frühaufstehern aus aller Welt. Dazu ist es aber leider bei keinem einzigen Hotelfrühstück gekommen. Denn offensichtlich können sich sehr viele Menschen nicht mal mehr beim Kaffeetrinken und Brötchenschmieren von ihren Smartphones abwenden. Die tolle Tageszeitung, die es im Frühstücksraum gab, rührten nur ganz wenige altmodische Nostalgiker an. Auch in der Münchner U-Bahn und auf den Straßen hatte kaum ein Mensch noch den Blick frei für das bunte, pulsierende Leben in der bayerischen Metropole. Manchmal kam mir daher der Gedanke, dass der eine oder andere inzwischen von einer fremden Macht in den Mikroprozessoren seines Mobiltelefons ferngesteuert wird. Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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