Mannheim
Was Kleidung zum Kostüm macht: Blick in den Fundus des Nationaltheaters
Rainer Hartmann fackelt nicht lange. Einmal in den roten Glitzermantel reingeschlüpft: „Passt! Nehm ich!“, sagt der Herr mit dem Zwirbelbart freudestrahlend und weiß schon, wofür er das ausgefallene und auffallende Gewand braucht. „Ich werde an Fasching als Zirkusdirektor gehen“, sagt der Viernheimer, und sieht sich an den vielen Kleiderstangen mit ausrangierten Jacken, Hüten oder Sakkos noch ein bisschen weiter um.
Der Andrang ist groß: Am Samstagvormittag ist er einer der ersten Wartenden in einer langen Schlange, die sich vom Studio Werkhaus in der Mozartstraße bis zur Baustelle des NTM zieht. Pünktlich um 11.11 Uhr öffnet sich die Pforte für die Kostümjäger. Auch Thea und Hilde aus Heidelberg haben sich vorne eingereiht. „Wir gehen gerne auf Kleiderflohmärkte. Gerade beim Theaterverkauf aber findet man ganz wundervolle und außergewöhnliche Stücke in guter Qualität“, betont Thea. Einmal ergatterte sie ein langes, grünes Abendkleid. Ideal für den Besuch der Semperoper in Dresden, wo sie sich wie eine Darstellerin fühlen durfte.
Eine Tunika wie eine Gebirgslandschaft
Für andere Anlässe wäre die Aufmachung wohl etwas overdressed. Auch jetzt finden sich Kleidungsstücke, die sich deutlich vom Alltag abheben. Schwarze Lohengrin-Hüte mit Schleier, ein Barockkleid aus „Hippolyte“. Vor allem eine wie eine Gebirgslandschaft wirkende Tunika aus der Björk-Inszenierung „Vespertine“ von 2018 ist der Hingucker, bleibt aber doch meist an der Stange hängen. „Einfach neckisch“, findet Thea. „Natürlich kann es passieren, dass man die Fundstücke dann doch nicht trägt“, weiß sie aus Erfahrung – und entscheidet sich für einen im Vergleich schlichten, aber schicken Glockenmantel. Zu welchem Stück der wollige Stoff getragen wurde, bleibt leider unbekannt. Manchmal findet sich noch ein Label mit dem Namen der Darsteller im Innenfutter. „Aber sobald eine Inszenierung vom Spielplan ist, wird die Garderobe aufgelöst, werden die Kleider voneinander getrennt und in den bestehenden Fundus einsortiert“, erklärt Eva Müller-Dürrschmitt, seit 20 Jahren Assistentin der Kostümabteilung.
Vom Rampenlicht in den Alltag
Was aber macht ein Kleidungsstück eigentlich zum Kostüm? Und wann wird es wieder ein „normaler“ Stoff? „Wir machen es dazu: Sobald es auf der Bühne getragen wird, ist ein Sakko ein Kostüm. Und jetzt geben wir es wieder frei, vom Rampenlicht in den Alltag“, sagt Kostümdirektor Michael Berndt. Blusen, Mäntel, Windjacken, bunte Krawatten: Viele zu verkaufenden Bühnenstoffe unterscheiden sich optisch nicht von Straßenkleidern. „Casual“, also gewöhnlich, ist auch das Thema. „Es kommt nicht mehr so viele historische Kleidung zum Tragen wie früher. Es gibt mehr modere Inszenierungen, dementsprechend sieht auch das Bühnenbild anders aus“, erklärt Björn Gramenz-Hemmers von der Intendanz.
Stefan Bratek und seine Frau Jacqueline aus Edingen-Neckarhausen aber halten nach „altmodischen“ Kleidern Ausschau. Mit ihrer Ballettschule „School of Dance“ wollen sie im Mai „Aschenputtel“ inszenieren. Schnell werden sie fündig: als hätten die historisch wirkenden Magdtrachten nur auf sie gewartet.
Die meisten Kostümstöberer entdecken die perfekte Verkleidung für Fasnacht, für den Ball der Vampire oder Mottopartys. Mutter Anna aber findet ein Prinzessinnenkleid für ihre Tochter. „Ich kann ihr sagen, dass es eine echte Prinzessin auf der Bühne getragen hat. Das ist doch schön!“, sagt sie glücklich.
Arbeit, die nicht nur aus Glitzer besteht
Aus einem Fundus der letzten 20 Jahre wurde aussortiert. Manches aber ist unverkäuflich: die Kimonos aus „Madame Butterfly“, die seit den 1960er-Jahren getragen und immer ein wenig umgenäht werden. Oder der Brustpanzer aus Richard Wagners Musikdrama „Parsifal“, das in Mannheim seit 1957 jedes Jahr zu Ostern zur Aufführung kommt. „Viele Heldentenöre haben da schon reingeschwitzt, unsere Arbeit besteht nicht nur aus Glitzer“, sagt Müller-Dürrschmitt bei der Führung durch die Kostümwerkstatt, die einen Blick hinter die Kulissen gewährt.