Mannheim / Neustadt
Was hinter den Worten liegt: Gedenkkonzert des Vokalensembles für Mystiker Angelus Silesius
Der Protestantismus, in den Johannes Scheffler hineingeboren wurde, war ihm zu „vernünftig“. Deshalb konvertierte er öffentlich zum Katholizismus und nahm den Namen Angelus Silesius an – was man als „schlesischer Bote“ oder „Engel“ lesen kann. Er widmete sich der christlichen Mystik, einer besonderen Form der Gotteserfahrung durch Kontemplation und Askese. Gipfel dieser Erfahrung ist das Einswerden mit Gott: „Ich bin wie Gott, und Gott wie ich. Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein: Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein“, dichtete er. Das war schon sehr gewagt, sich selbst auf Augenhöhe mit dem Allerhöchsten zu positionieren. Seine Gedanken hat Scheffler meist in Versen ausgedrückt, die heute als herausragende Werke barocker Dichtkunst gelten. Sie sind dem heutigen Leser nicht leicht zugänglich. Es gibt Widersprüche und manche Gedanken sind auch seiner Zeit geschuldet, wie etwa extrem anschauliche Grausamkeiten, mit denen Sünder gestraft werden.
Streitschrift oder Hassrede?
Anklang finden heute eher seine unverfänglichen Anregungen zur Meditation. Da kommt es nicht auf Ratio und Logik an. Engagiert kämpfte Scheffler gegen alles Protestantische und veröffentlichte 55 Streitschriften und Pamphlete, von denen viele heute als Hassrede gelten würden. Es ist eine Ironie der Geschichte (oder ein Zeichen der Ökumene), dass seine Lieder wie „Mir nach, spricht Christus unser Held“ im evangelischen Gesangbuch stehen und dass der protestantische Neustadter Bezirkskantor Simon Reichert das Konzert zu dessen Ehren leitet und das Neustadter Vokalensemble dirigiert.
Beeindruckt von den Versen des Dichters ist Jan Roelof Wolthuis. Der in Mannheim lebende Musiker stammt aus den Niederlanden. Er ist als Pianist, Liedbegleiter und Korrepetitor bekannt und hoch geschätzt, inzwischen macht er auch als Komponist von sich reden. Für den Zyklus „Wo läufst Du hin?“ hat er sieben Sinnsprüche aus „Der Cherubinische Wandersmann“, von Angelus Silesius vertont. Bariton Christopher Jung, für den das komponiert wurde, hat in der Melanchtonkirche den anspruchsvollen Gesangspart ausdrucksvoll und dynamisch interpretiert.
Atonales Umherirren
An der Orgel begleitete auf Augenhöhe Lisbeth Amberger. Vom atonalen Umherirren („Wo ist mein Aufenthalt ... wo laufstu hin“) bis hin zu zartem Kinderlied („Sag wie mög ich sein deß Vaters liebstes Kind“) spiegeln die Vertonungen eine emotionale Innenperspektive der Verse, die Meditation des Komponisten über das, was hinter den Worten liegt. Für sein Requiem „Das Licht der Ewigkeit“ hat Wolthuis den lateinischen Text mit deutschen Sprüchen des Dichters kombiniert. So ergibt sich ein Wechselgespräch zwischen Chor und Solist.
Begonnen hat das Konzert mit Hugo Distlers „Totentanz“ (Op. 12, Nr. 2). Der Totentanz ist ein verbreitetes Motiv der Barockzeit. Der personifizierte Tod holt unterschiedslos Menschen jeglichen Standes, vom Kaiser bis zum Bauer. Distler verwendete Sinnsprüche von Angelus Silesius und Rekonstruktionen der barocken Figurenbeschreibungen, die Johannes Klöcking besorgt hat, den Distler in Lübeck kannte. Die Sprüche sang der Chor, die Figuren sprachen Chormitglieder, als Tod trat Michael Hoffmann auf, Sänger und Sprecher, der viel Erfahrung mit dem Totentanz hat.
Starke Reibungen, stimmige Umsetzung
Das ergab zusammen eine sehr stimmige und eindrucksvolle Umsetzung. Die Musik ist anspruchsvoll und schwierig zu singen. Zur musikalischen Dramaturgie gehören viele schwierige Klänge, die starke Reibungen enthalten und wirklich sichere Intonation fordern. Das hat das Neustadter Ensemble mit Bravour geleistet. Auch der Umgang mit dem Tempo, das oft wechselt, ist unter dem Dirigat von Reichert bestens gelungen. Die Musik dieses Abends war durchweg sehr anspruchsvoll und kam durch die gelungene präzise Umsetzung sehr gut zur Wirkung.