Ludwigshafen „Was darf’s denn bitte sein?“
Fast 60 Jahre alt ist der Kaufladen von Ingrid Renner aus Mutterstadt. „Ich habe ihn mit drei oder vier Jahren vom Christkind geschenkt bekommen“, erinnert sich die heute 62-Jährige daran. In Weiß und Rosa, mit Kasse, Waage und einer großen Warenauslage war das Spielzeug der Traum einer jeden kleinen „Verkäuferin“. Viele Stunden habe sie darin mit ihren Freundinnen gespielt. „Bis zu meinem zehnten Lebensjahr wurde der Laden immer an Weihnachten aufgestellt und nach Ostern war er plötzlich nicht mehr da“, erzählt sie. Dann sei er wieder auf dem Dachboden verstaut worden. So hat es Ingrid Renner dann auch bei ihren zwei Töchtern gehalten, die ebenfalls immer sehr gern mit dem Laden gespielt haben. „Mittlerweile ist der Kaufmannsladen dauerhaft in einem Kinderzimmer aufgebaut – für meine vier Enkelkinder“, erzählt sie. Mara (5), Jona (5), Mila (2) und Tom (2) haben zu Hause keinen eigenen Kaufladen. Darum sei das gute Stück, mit dem Oma schon gespielt hat, immer etwas ganz Besonderes, wenn die Enkel zu Besuch kommen. „Das Grundgerüst ist noch im Original erhalten, auch die Waagen und eine Kasse sind aus meiner Kindheit und noch in Gebrauch.“ Aber es gibt auch „zeitgemäße Ergänzungen“, zum Beispiel eine Kasse mit Kartenlesegerät oder einen Einkaufswagen. Am liebsten spielten die Enkel mit ihrer Oma Ingrid Einkaufen. „Es ist schön zu sehen, mit wie viel Spaß und Fantasie sie dabei sind“, sagt die Seniorin. Und die Kinder ließen sich immer wieder etwas Neues einfallen. „Neulich erst wurde ein Tisch an den Laden gestellt, daran haben die Kinder etwas zu Essen für Wanderer angeboten und ein Picknick veranstaltet“, erzählt sie und muss lachen. Nach alle den Jahren sei der Kaufladen noch erstaunlich gut in Schuss. „Sicher, hier und da müsste mal gestrichen werden, aber so hat er auch seinen Charme.“ Ingrid Renner hofft, dass mit ihrem Kaufladen noch weitere Generationen spielen werden, denn es sei ein Spielzeug, das wohl nie aus der Mode komme. Vom Christkind immer neu befüllt Baujahr 1952 ist der Kaufladen von Jutta Argus aus Dannstadt, von dem sie sich einfach nicht trennen könne. „Wann ich ihn geschenkt bekommen habe, weiß ich gar nicht mehr so genau“, sagt die heute 72-Jährige, „wahrscheinlich zu Weihnachten“. Auch bei ihr stand der Laden nicht das ganze Jahr im Kinderzimmer: „In meiner Kindheit wurde er immer zur Weihnachtszeit aufgestellt und vom Christkind dann neu befüllt. Einige Wochen nach Weihnachten verschwand er wieder bis zum nächsten Jahr“, erinnert sich Jutta Argus. Ihre Eltern erzählten ihr dann, das Christkind hätte den Kaufladen wieder geholt. Diese Tradition habe sie bei ihren Kindern beibehalten und führe sie auch bei ihren drei Enkelsöhnen (10, 8, 8 Jahre) fort. „Sie wären sehr enttäuscht, wenn der Kaufladen an Weihnachten nicht mehr frisch befüllt auftauchen würde und sie ihn dann nicht plündern könnten“, erzählt sie. Es sei immer wieder schön, wie begeistert die Kinder damit spielen. „Dieses Jahr haben sie Werbeplakate und Preislisten gebastelt und über den Laden aufgehangen.“ In all den Jahren habe der Kaufladen schon ein wenig gelitten – und „ist mit seinen kleinen Schubkästen auch nicht mehr zeitgemäß“, sagt sie. Dennoch, aufhören möchte Sie mit der Tradition nicht mehr. Ein Laden, den es nirgends gibt Niemals hergeben möchte auch Marion Kuhn aus Dannstadt-Schauernheim ihren Kaufmannsladen, ist er doch ein Unikat. Ihre Patentante hat ihn von einem Schreiner anfertigen lassen und ihr geschenkt, als sie fünf Jahre alt war. „Ich war sehr stolz, denn die wenigsten Kinder hatten damals einen Kaufmannsladen zum Reinstellen“, erzählt sie. Er war der Stolz in ihrem Kinderzimmer – „meine Freunde wollten immer damit spielen“. Auch ihre Tochter hatte viel Spaß mit dem Tante-Emma-Laden in Miniatur-Format. Und nun ist er eines der liebsten Spielzeuge ihrer Enkel im Alter zwischen einem und 14 Jahren. Marion Kuhn ist mittlerweile fünffache Oma, und es mache ihr selbst immer wieder Spaß, mit den Kindern Einkaufen zu spielen. Ihr Kaufladen ist nun schon 57 Jahre alt und wurde schon ein wenig ausgebessert, gestrichen und mit ein paar modernen Utensilien ergänzt. „Aber die Kasse, die ich damals dazu geschenkt bekam, ist noch original, ebenso wie manche Waren“, erzählt sie. Schütten beschriftet in Sütterlin Ein nostalgisches Laden-Modell hat Erika von Usslar aus Schifferstadt aufgehoben. Sie hat ihn in den 80ern ihren beiden Kindern geschenkt. „Besonders schön ist, dass die Aufschrift auf den Schütten in Sütterlin-Schrift ist“, sagt sie. Sie könne sich auch noch gut erinnern, als zu ihrer Zeit die Waren aus den Schütten in Papiertüten abgewogen wurden. „Und wenn ich besonders viel eingekauft habe, gab es einen mehr oder weniger frischen Mohrenkopf oben drauf“, erzählt die Seniorin. Später habe am liebsten ihre Tochter Karin mit dem Kaufladen gespielt. „Ich bin immer sehr gerne mit meiner Mutter einkaufen gegangen, da gab es immer etwas zu schauen“, erzählt die heute 37-Jährige. Fasziniert war sie vor allem von der Kassiererin, „wie sie in rasender Geschwindigkeit die vielen Zahlen eingegeben hat“. Darum hatte sie auch schon bald zwei Kassen in ihrem kleinen Kaufmannsladen. „Und er wurde mit Spielzeugwaren ausgestattet, die ich auch im echten Leben kannte oder am liebsten mochte, wie Kaba oder Schokolade“, erinnert sich Karin von Usslar. Dadurch konnte sie perfekt ihre Mama beim Einkaufen nachspielen. „Ich kaufte dann für Papa Kaffee und für mich Kakao.“ Und bezahlt habe sie mit einem ausrangierten Geldbeutel voller Kleingeld. Heute spielen ihre Neffen (5, 7 Jahre) mit dem alten Tante-Emma-Laden – am liebsten mit der Waage und der Kasse.