Böhl-Iggelheim / Rhein-Pfalz-Kreis
Walter Mühle: Zwischen „Cuvée-Mehl“ und E-Weizen
Im Rhein-Pfalz-Kreis ist es gute Tradition, dass sich der Landrat ein bisschen unters Volk mischt und diesem auch etwas bietet. Clemens Körner (CDU), der Vorgänger des amtierenden Landrats Volker Knörr (CDU), lud seine Untertanen regelmäßig zum Wandern im Kreis ein. Sein Nachfolger wollte auch etwas machen, aber selbstverständlich etwas anderes. Klar, der Waldseer Knörr wandert auch gerne. Aber er will eigene Akzente setzen. Und so lädt er nun zweimal im Jahr die Bürger zur Besichtigung eines Betriebs im Kreis ein.
„Wir haben viele tolle Betriebe im Rhein-Pfalz-Kreis. Aber die Wenigsten kennen sie“, sagte Knörr vor dem ersten Rundgang bei der Premierenveranstaltung. Die fand am Montag bei der allgemein als Walter Mühle bekannten Eduard Walter KG Mühle in Böhl-Iggelheim statt. Dass Knörr mit dieser Art der Veranstaltung offenbar einen Nerv getroffen hat, belegt das Interesse. „Wir hatten über 200 Anmeldewünsche“, meinte der Landrat.
Begehrte Plätze
Diese Masse war selbstverständlich nicht zu bewerkstelligen. Hans-Peter und Florian Berizzi, in deren Händen die Mühle aktuell liegt, machten jeweils zwei Führungen mit je 15 Personen. Der Rest muss hoffen, bei einer der nächsten Veranstaltungen zum Zuge zu kommen. Wer einen der begehrten Plätze ergattert hatte, durfte sich freuen, weil man in der Tat die vom Landrat avisierten Blicke hinter die Kulissen bekam.
Die Mühle, deren Turm eines der markantesten Bauwerke im Ort ist, hat selbstverständlich nichts mehr mit einer Mühle von historischen Zeichnungen zu tun. Ja, der Rehbach fließt noch durch das Gelände. Aber ein Mühlrad gibt’s ebenso wenig wie einen Mühlstein. Längst haben Maschinen das Kommando über die Produktion übernommen. 120 Tonnen Mehl können laut Florian Berizzi in 24 Stunden produziert werden.
Mehl für Pizzen und Spätzle
Der Junior-Chef der Mühle nimmt seine Gruppe über ein Betontreppenhaus hinter dem Fabrikverkauf mit in den ersten Stock in einen Raum, in dem man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Mehl fällt in Behälter, Mehl wird durch diverse Leitungen getrieben, wie bei einer Rohrpost, Mehl wird gesiebt. Das alles unter den neugierigen Blicken der Gäste.
Im Schaltraum nebenan ist es deutlich leiser. Florian Berizzi nutzt die Gelegenheit und gibt Einblicke in den Mühlenbetrieb. Weizen-, Roggen- und Dinkelmehl werden in Böhl-Iggelheim produziert. Darunter sind auch spezielle Sorten, zum Beispiel für Pizzen, Spätzle oder Dampfnudeln. Für einige Mehlsorten werden verschiedene Mehlarten vermischt. Da ist in der Runde sehr schnell der Begriff „Cuvée-Mehl“ geboren.
Bauern liefern direkt zur Mühle
Das Getreide werde von den Bauern direkt oder per Lkw an die Mühle geliefert und im Anschluss nochmal gereinigt, wie Florian Berizzi berichtet. Dann werde das Getreide in Silos eingelagert und schließlich weiterverarbeitet, also gemahlen. Das macht heute selbstverständlich kein Mühlstein mehr. „Das sind jetzt zwei gegenläufige Walzen“, erklärt Florian Berizzi. 16- bis 25-mal werde vermahlen.
„Fast das komplette Getreide für unsere Mühle kommt aus der Vorderpfalz“, sagt Berizzi. Ein Teil komme aber auch aus der Westpfalz, aus Rheinhessen und aus dem Kraichgau. Aus dem Ausland importiere man aber nichts, betont er. Gelagert werde es bei einer Temperatur unter 20 Grad. „Wenn es richtig gelagert wird, hält sich Getreide sehr lange. Man hat schon in Pyramiden Getreide gefunden, das hat noch ausgekeimt“, berichtet er. Da staunen die Teilnehmer nicht schlecht.
Ernte immer früher
Das Getreide aus der Vorderpfalz finde derweil immer früher den Weg zur Walter Mühle. „In den vergangenen Jahren hatten wir trockenes, beständiges Erntewetter. Im Juli waren die Bauern fertig mit der Ernte“, sagt Florian Berizzi. Der Klimawandel hat auch hier seine Finger im Spiel. Bis August oder gar September müsse man nicht mehr warten.
Für den reibungslosen Ablauf sorgen 20 bis 25 Beschäftigte – inklusive Büro und Fuhrpark. Das Mehl bleibe zum überwiegenden Teil in der Region, erläutert Florian Berizzi. Egal, ob in Säcken zu 25 Kilogramm für Großkunden wie Bäckereien oder in Ein-Kilogramm-Tüten für den Einzelhandel oder den Fabrikverkauf.
Handarbeit ist kaum mehr gefragt in einer modernen Mühle. Das wird aus Berizzis Schilderungen klar. „Die Kommissionierung ist noch die schwerste Arbeit“, sagt er, als die Gruppe im Verladebereich unter den großen Silos steht. „Das war auch der Bereich, wo das Leck war“, sagt Florian Berizzi und erinnert an den Unfall vor wenigen Wochen, als es Mehl „schneite“.
Weizen ist übrigens auch nicht gleich Weizen, wie der Juniorchef gegen Ende der Runde erklärt. A-Weizen sei der Qualitätsweizen mit hohem Proteingehalt. B-Weizen eigne sich sehr gut zur Herstellung von Brot. C-Weizen werde in der Regel als Futter verwendet. „Und E-Weizen ist der Eliteweizen. Er hat die besten Eigenschaften.“ Vonseiten der Mühle forciere man A- und E-Weizen.
Mit diesem Wissen endet der Rundgang. Selbstverständlich mit einem kleinen Imbiss aus belegten Backwaren, womöglich auch hergestellt mit Mehl aus der Walter Mühle.