Quintessenz Von Schotten bis Saxofon-Party: Warum die Gruppenphase der EM am schönsten ist

André Schnura ist eines der Gesichter dieser Fußball-EM in Deutschland. Er taucht mit seinem Saxofon bei Public Viewings auf und
André Schnura ist eines der Gesichter dieser Fußball-EM in Deutschland. Er taucht mit seinem Saxofon bei Public Viewings auf und heizt den Fans ein – auch nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft.

Ja, Deutschland ist ausgeschieden. Aber hey: Es war eines der größten Viertelfinals der internationalen Fußballgeschichte, wie „The Athletic“ mutmaßt. Die deutschen Fußballer und ihre Fans können deshalb bei aller Enttäuschung auch absolut stolz sein.

Schaut man insgesamt auf diese EM in Deutschland, dann gilt dasselbe: Was war das für eine unfassbar schöne Stimmung in diesem Land in den vergangenen Wochen?! Völlig verrückt, wie oft ich immer wieder auf Instagram geklickt habe, um mir sämtliche verfügbaren Schotten-Videos oder tanzende Niederländer anzuschauen. Die Bilder der synchron nach links und nach rechts tanzenden Oranjes mitsamt ihrer „Gouda“-Fahne sind einfach grandios. 1000 Mal gesehen, 1000 Mal gelacht sozusagen. Aber auch André Schnura, der Saxofon-Spieler im Rudi-Völler-Trikot, der bei Deutschland-Spielen für ausgelassene Stimmung bei den Fans gesorgt hat, ist inzwischen „Kult“ – auch im Ausland. Ich bin gespannt, ob er seinen Auftritt beim EM-Finale bekommt, wie inzwischen vielfach gefordert wird.

Tatsächlich ist die Gruppenphase der Fußball-EM schon immer mein allerliebstes Lieblingssportevent. Weil es täglich richtig gute Spiele zu sehen gibt und die Fans allesamt bester Laune sind: Jede Mannschaft hat zu diesem Zeitpunkt die Chance, ihre ganz eigene Erfolgsgeschichte zu schreiben. Auch mit dem dritten Spiel noch.

„Diese EM ist anders geil“

Und trotzdem war diese Gruppenphase hier in Deutschland nach meinem Empfinden etwas ganz Besonderes. Oder um es mit dem Kommentar eines Instagram-Nutzers zu sagen: „Diese EM ist anders geil.“ Bei vielen Menschen scheint es eine große Sehnsucht nach friedlichem, respektvollem und ausgelassenem Miteinander zu geben. Dass gefühlt halb Deutschland die auch im volltrunkenen Zustand noch sehr freundlichen Schotten gerne adoptieren möchte oder jetzt den Niederländern die Daumen drückt, die bei dieser Fußball-EM immer wieder aufs Neue die Party ihres Lebens zu feiern scheinen, ist jedenfalls sehr auffällig.

Auch, dass die rumänische Mannschaft nach ihrem Ausscheiden in München einen auf Deutsch verfassten Brief hinterlassen hat, hat sehr viele Menschen berührt. Das Schreiben endete mit dem Satz: „Vielen Dank, dass Sie uns das Gefühl gegeben haben, zu Hause zu sein!“ Ein schöneres Kompliment kann man einem Gastgeber wohl kaum machen.

Eva Briechle
Eva Briechle

Weniger glücklich – und da sind wir dann schon mittendrin in der knallharten und hochemotionalen K.o.-Phase, in der jedes Mal der Nationalstolz eine zunehmend größer werdende Rolle spielt – sind allerdings viele unserer türkisch-stämmigen Mitbürger. Die Kommentarspalten sind jedenfalls voll mit Bekundungen wie „Gott sei Dank sind die Türken jetzt raus“, samt der entsprechenden Gegenreaktion „Wahnsinn, was für einen Türken-Hass es in Deutschland gibt“.

In manchen Fällen mag das leider stimmen, oft ist eine solche Annahme aber einfach Quatsch. Auch ich hab’ – bei allem Respekt für die fußballerische Leistung der türkischen Mannschaft – im Viertelfinale den Niederländern die Daumen gedrückt.

Warum? Weil ich das fast 90-minütige Dauerniederpfeifen seitens der türkischen Anhänger unsportlich und wenig sympathisch finde. Auch wenn so mancher (das gilt auch für andere Nationen) darin offenbar die einzig wahre Unterstützung seiner Mannschaft sieht. Ebenfalls nicht die Daumen drücke ich übrigens den Engländern. Weil sie einfach unglaublich langweiligen Fußball spielen, und ich finde, dass Erfolg nicht jedes Mittel rechtfertigt. Ha ha.

Am Ende hasse ich aber natürlich weder „die“ Türken noch „die“ Engländer – und ganz am Ende hoffe ich nun auf das Finale Spanien gegen die Niederlande. Mit dem besseren Ende für Oranje. In den 1990er-Jahren wäre man für solch eine Aussage wahrscheinlich von so manchem deutschen Fan noch bespuckt worden. Aber: So ändern sich die Zeiten. Nur eines bleibt aus meiner Sicht immer gleich – dass das Flair der Gruppenphase das Schönste an einer Fußball-Europameisterschaft ist. Es lässt sich einfach durch nichts toppen.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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