Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Vom Elfenbein zur Kunstkugel: Ludwigshafen hat den Billardsport geprägt

Blick in die Billardball-Produktion.
Blick in die Billardball-Produktion.

Ludwigshafen hat eine besondere Verbindung zum Billardsport. Was es damit auf sich hat, erklärt Historiker Stefan Mörz.

Herr Mörz, warum hat Ludwigshafen eine besondere Verbindung zum Billardsport?
Das liegt daran, dass auf dem Gelände der Firma Raschig die weltbesten synthetischen Billardkugeln hergestellt wurden. Diese Kugeln basierten auf einem speziellen Material, das von Raschig selbst entwickelt wurde. Man könnte es salopp ausdrücken: Ludwigshafen war ein Zentrum der Innovation im Bereich der Billardbälleproduktion.

Woraus wurden Billardbälle denn ursprünglich hergestellt?
Im 18. Jahrhundert bestanden sie aus Holz. Ab dem 19. Jahrhundert ging man dann zu Elfenbein über. Allerdings hatte Elfenbein einen großen Nachteil: Aus einem Elefantenstoßzahn konnte man gerade mal vier perfekte Kugeln herstellen, da die Form des Stoßzahns vorne schmal zuläuft. Um diese Problematik zu lösen, experimentierte man früh mit Alternativen.

Welche denn?
Im angloamerikanischen Raum wurden Zementkugeln mit einer Zelluloid-Ummantelung entwickelt. Doch diese hatten weder den Glanz noch die Präzision, die man sich erhoffte. Zudem war der Schwerpunkt der Kugeln oft nicht mittig, da der Zement ungleichmäßig verteilt war. Hier setzte die Innovation von Raschig an. Der jüdische Chefchemiker von Raschig, Dr. Max Köbner, entwickelte ein Phenolharzgemisch, das in seiner Qualität unübertroffen war. Dieses Material sorgte dafür, dass die Kugeln überall gleich dicht waren und der Schwerpunkt exakt in der Mitte lag.

Das war auf jeden Fall besser für die Elefanten. Wer war für die eigentliche Produktion der Billardbälle in Ludwigshafen verantwortlich?
Das war eine kleine Firma namens Kadzik, die auf dem Gelände von Raschig tätig war. Sie spezialisierte sich darauf, aus den Rohkugeln von Raschig die fertigen Billardbälle herzustellen. Diese Firma hatte ein Betriebsgeheimnis, das es ihr ermöglichte, die Kugeln mit einem außergewöhnlichen Glanz und einer beeindruckenden Präzision zu produzieren.

Was ist von der Firma Kadzik bekannt?
Es handelte sich um ein kleines Familienunternehmen unter der Leitung von Otto Kadzik, einem Berliner, der als junger Mann nach Wien zog. Obwohl er in Österreich blieb, zog er von dort aus die Fäden für das Ludwigshafener Unternehmen. Zunächst ließ er die Kugeln in Prenzlau, nördlich von Berlin, herstellen. Doch dann schlug Friedrich Raschig vor, die Produktion nach Ludwigshafen zu verlegen. So konnte das Rohmaterial direkt auf dem Firmengelände verarbeitet werden, ohne lange Transportwege.

Firmenchef Otto Kadzik.
Firmenchef Otto Kadzik.

Wann startete die Produktion in Ludwigshafen?
Der Vertrag zwischen Kadzik und Raschig wurde 1923 geschlossen, und Mitte 1925 begann die Produktion in Ludwigshafen, nachdem die Firma von Prenzlau umgezogen war. Die Produktion lief unter dem Firmennamen WEKA bis 1985, als Raschig schließlich die Firma übernahm. Kurz darauf wurde die Produktion eingestellt, unter anderem aufgrund eines Feuers in dem Betrieb. Raschig war wohl nicht mehr bereit, da noch mal viel Geld zu investieren.

 Sommer 1926: Paul Kadzik beim Abdrehen von Billard-Ballrohlingen.
Sommer 1926: Paul Kadzik beim Abdrehen von Billard-Ballrohlingen.

Warum rentierte sich das nicht mehr?
Es gab mehrere Gründe. Zum einen war das Betriebsgeheimnis, das die Qualität der Kugeln ausmachte, an eine belgische Firma namens Saluc gelangt. Diese Firma wurde später zum Weltmarktführer und stellt heute über 90 Prozent aller Phenolharz-Billardbälle her. Zum anderen hatte Saluc mehr Kapital und konnte größere Märkte erschließen, was den Wettbewerb für die kleinere Firma in Ludwigshafen schwierig machte.

Wurden die Billardkugeln aus Ludwigshafen weltweit exportiert?
Ja, allerdings mit Einschränkungen. Während der angloamerikanische Markt überwiegend bei den Zement-Zelluloid-Kugeln blieb, konnten die Kugeln aus Ludwigshafen in großen Teilen Europas, auf dem Balkan und in Brasilien Fuß fassen. Diese Regionen waren wichtige Märkte für die hochwertigen Kunststoffkugeln.

Welche Vorteile hatten die Kunststoffbälle im Vergleich zu den damaligen Alternativen?
Die Kunststoffkugeln waren nicht nur präziser und gleichmäßiger, sondern auch langlebiger. Besonders bei Billardvarianten, die viele Kugeln erfordern, wie zum Beispiel Poolbillard mit 15 nummerierten Kugeln, war die Qualität entscheidend. Die Firma Kadzik garantierte, dass die Ziffern auf den Kugeln absolut glatt und präzise eingearbeitet waren. Die Oberfläche wurde mehrfach bearbeitet, sodass sie perfekt poliert war. Sie gaben sogar eine Garantie von drei Jahren auf die Kugeln – etwas, das mit Elfenbeinbällen nicht möglich war, da diese bei starker Beanspruchung leicht zerbrechen konnten.

Unter welchem Namen wurden die Kugeln aus Ludwigshafen vermarktet?
Die Marke hieß WEKA – das waren die Initialen von Walter Kadzik. Die Produktion in Ludwigshafen wurde im Zweiten Weltkrieg auf Flugzeugteile umgestellt. Aber in der Nachkriegszeit ging es weiter. Zeitweise konnte man aber nur in der französischen Besatzungszone die Kunststoffkugeln verkaufen. Das Geschäft lief dann mit der Gründung der Bundesrepublik wieder richtig an.

Sie haben als Stadtarchivar die Firmengeschichte erforscht. Wie ist denn die Quellenlage?
Es gibt eine wunderschöne Fotoserie der Firma WEKA, die sich um die Herstellung der Billardkugeln dreht. Von Otto Kadzik und anderen Verwandten gibt es Dokumente, die Informationen über die Geschichte des Unternehmens zeigen. Wir bekamen das Material ins Archiv und haben daraus einen Bestand gemacht.

Hat die Billardgeschichte von LU erforscht: Stadtarchivar Stefan Mörz.
Hat die Billardgeschichte von LU erforscht: Stadtarchivar Stefan Mörz.

Spielen sich persönlich eigentlich auch mal ab und an Billard?
(lacht) Nein. Aber ich finde, es ist ein elegantes Spiel. Und ich weiß, dass es in Ludwigshafen eine ganze Reihe von Orten und Clubs für Billardspieler gab und gibt.

Sie gehen auf dieses Stück Industriegeschichte Ludwigshafen in einem Vortrag ein.
Ja. Ich gebe einen Überblick, woher eigentlich die Billardbälle stammen und wie es dazu kam, dass es in Ludwigshafen lange Zeit den Weltmarktführer für diese Produkte in den verschiedenen Billarddisziplinen Pool, Snooker und Karambolage gab.

Termin

Stadtarchivar Stefan Mörz (66) hält den bebilderten Vortrag „Billardkugeln aus Ludwigshafen“ am Dienstag 14. April, 18 Uhr, im Stadtarchiv, Rottstraße.

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