Ludwigshafen
Verein für Jugendhilfe: Familienhebamme unterstützt junge Eltern
„Nach der Geburt eines Kindes sind Frauen sich oft selbst fremd“, sagt Hebamme Malgorzata Nehls. Was heutzutage noch hinzukomme: „Überwiegend leben Eltern oder Alleinerziehende getrennt von den Großeltern ihrer Kinder und damit nicht mehr gemeinsam unter einem Dach – das macht Frauen nach einer Geburt einsamer.“ Ob es das neue Verantwortungsgefühl sei, finanzielle Sorgen oder auch die Angst, etwas nicht zu können und sich dafür rechtfertigen zu müssen: „Etliche junge Mütter empfinden heute einen hohen Druck, der auf ihnen lastet“, sagt Nehls, die seit 1997 als anerkannte Hebamme in Deutschland arbeitet und mehrere Jahre freiberuflich im Kreiskrankenhaus Grünstadt tätig war.
Im Unterschied zu einer klassischen Hebamme, die bis zur zwölften Woche nach der Geburt in die Familien geht und die Nachsorge übernimmt, wird Malgorzata Nehls für ihre Klienten deutlich länger Ansprechpartnerin sein. Drei bis fünf Wochenstunden beträgt der Umfang ihres Unterstützungsangebots, das jeweils für ein halbes Jahr vom Jugendamt bewilligt wird. Danach wird die Hilfe seitens des Amts überprüft und bei Bedarf verlängert.
Unsicherheiten abbauen
„Im Normalfall greift die Hilfe zur Erziehung – ein weiteres Unterstützungsangebot des Jugendamts – frühestens ab dem ersten oder auch zweiten Lebensjahr eines Kindes“, sagt Andreas Deflize, Erziehungsleiter des Vereins für Jugendhilfe. „Das Angebot der Familienhebamme schließt sozusagen die Lücke, die entsteht, wenn die Nachsorge durch die klassische Hebamme endet.“ Dass jene Eltern, die sie unterstützen wird, einen besonders hohen Bedarf an psychosozialer Beratung haben, ist eine Herausforderung, die Malgorzata Nehls gerne annimmt.
Zu den Aufgaben der 53-Jährigen gehört es zum Beispiel, die Erziehungskompetenz von Eltern zu fördern. Das bedeutet: Sie leitet Mütter und Väter bei der Förderung der körperlichen und seelischen Gesundheit des Kindes an, kontrolliert dessen Entwicklungsphasen. Sie versucht aber auch, Unsicherheiten aufseiten der Eltern abzubauen. Nehls: „Manchmal besteht selbst bei einfachsten Handgriffen Beratungsbedarf. Wie halte ich das Kind? Wie funktioniert das Wickeln?“
Die Zeichen deuten
Bei ihrer Arbeit gehe es auch darum, eine gewisse Balance zu finden, sagt die 53-Jährige: „Die Familien besuchen, sie an die Hand nehmen, Ratschläge geben, ihre Situation dokumentieren.“ Und ein bisschen klingt der Job der Familienhebamme auch wie Detektivarbeit: „Für mich gilt es, bei meinen Besuchen herauszufinden: Was klappt hier möglicherweise nicht? Denn natürlich liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit darauf, zu verhindern, dass das Kindswohl gefährdet wird.“ Mit den Jahren habe sie so auch manche Zeichen zu deuten gelernt: Ihr sei es zum Beispiel lieber, wenn sie in eine unaufgeräumte Wohnung komme und die Mutter ein bisschen chaotisch wirke, als wenn alles blitzeblank aussehe, erzählt Nehls. Ordnung sei im Zusammenhang mit dem Besuch einer Hebamme manchmal ein Hinweis darauf, dass etwas verheimlicht werden soll.
„Die Kommunikation mit meinen Klienten, die oft sehr sensible Personen sind, ist mein Ansporn“, sagt Nehls. Wie sie den Kontakt am besten hält, das lernt die 53-Jährige derzeit in ihrer einjährigen Ausbildung zur Familienhebamme, die sie berufsbegleitend absolviert. Nehls gibt aber auch ehrlich zu: „Vor zehn Jahren hätte ich mir diese Weiterbildung noch nicht zugetraut.“ Auch klassische Hebammen erlebten in ihrem Berufsalltag schwierigen Situationen. Familienhebammen übernähmen jedoch in weit stärkerem Umfang eine Lotsenfunktion – weil ihre Klienten zusätzlich mit psychosozialen Problemen belastet sind.
So gehört etwa die Begleitung der Eltern zu medizinischen Diensten oder Ämtern auch zum Job der Familienhebamme. „Ganz wichtig ist eine gute Vertrauensbasis“, betont Christoph Andes, Geschäftsführer des Vereins für Jugendhilfe. Denn nicht selten hätten Eltern auch Angst, dass das Jugendamt ihnen das Kind wegnehmen könnte.
„Der Bedarf ist absolut da“
Finanziert wird die Stelle von Familienhebamme Malgorzata Nehls zu 100 Prozent vom Jugendamt – das Angebot wird in enger Abstimmung mit dem dortigen Team der frühen Hilfen umgesetzt. „Wir freuen uns, dass dadurch künftig mehr junge Familien in Ludwigshafen begleitet und unterstützt werden können“, sagt Lars Heene, Leiter des Stadtjugendamts.
Sogar eine zweite Familienhebamme mit einer weiteren 50-Prozent-Stelle, soll als Ergänzung eingestellt werden, heißt es seitens des Vereins für Jugendhilfe. „Der Bedarf ist absolut da“, sagt Christoph Andes, der darauf hinweist, dass jeder, der sich in der Schwangerschaft oder nach der Geburt seines Kindes unsicher, überfordert oder gestresst fühlt, bei Bedarf und auf Wunsch die Unterstützung durch eine Familienhebamme erhalten kann.
Noch Fragen?
Die Betreuung durch eine Familienhebamme ist eine Leistung der „Frühen Hilfen“ und für die Betreuten kostenlos. Die Kosten übernimmt die Kommune, Anträge sind an das Jugendamt zu stellen. Weitere Infos im Internet unter:
https://www.jugendhilfeverein.org/ oder https://ludwigshafen-familie.kursportal. info/a10781.