Mannheim
Verdis italienische Nationalhymne aus der Oper „Nabucco“
Kleiner Ausflug in die Geschichte des leicht verkitschten Historienfilms. Romy Schneider als junge Kaiserin Sissi, an ihrer Seite Karl-Heinz Böhm als Franz Joseph I. Ein Traumpaar, dem die Herzen zuflogen. Im dritten Teil mit dem Titel „Schicksalsjahre einer Kaiserin“ betritt das royale Paar eine Loge in der Mailänder Scala. Die norditalienische Metropole gehörte ja bis zur Schlacht von Solferino 1859 zum Königreich Lombardo-Venetien, das ein Kronland der Habsburger war.
Im Film schlägt dem Kaiser und seiner jungen Frau offene Ablehnung entgegen. Ja, mehr als das. Das Orchester beginnt, angeleitet von seinem Dirigenten, der sich auch von österreichischen Beamten nicht beirren lässt, den „Gefangenenchor“ anzustimmen. Und das Publikum erhebt sich und dreht sich zur Loge um, inbrünstig „Va, pensiero“ intonierend: „Zieh (oder flieg, Anm. d. Red.)), Gedanke, auf goldenen Schwingen“. Jenen Chor also aus Verdis im März 1842 im Teatro alla Scala in Mailand uraufgeführter Oper „Nabucco“, mit dem das jüdische Volk, das sich in der Gefangenschaft der Babylonier befindet, seine Sehnsucht nach der Heimat und vor allem nach Freiheit beschwört.
Chor als Hauptrolle
Die Geschichte ist wohl vor allem eines: schön erfunden. Verdis „Nabucco“, die tatsächlich die vielleicht großartigste Choroper der Musikgeschichte ist, in welcher der Chor die eindeutige Hauptrolle übernimmt und außer dem „Gefangenenchor“ noch zahlreiche weitere große Nummern zu singen hat, war wohl ganz und gar nicht politisch intendiert. Das biblische Sujet dagegen um den babylonischen König Nebukadnezar, der die Hebräer besiegt und das jüdische Volk in die Gefangenschaft führt, bis er vom Gott der Juden mit Wahnsinn bestraft wird und sich schließlich zu diesem bekehrt, war äußerst populär. Was vielleicht auch den immensen Erfolg beim Publikum erklärt, das aber bestimmt auch von der neuartigen Musiksprache angetan war, die Verdi in dieser Oper erstmals so konsequent umgesetzt hatte und für die der Chor eben jene erwähnte große Bedeutung hatte.
Auch wenn Verdi später, also in der Revolution 1848 und während des Sardinischen Krieges 1859, der schließlich zur italienischen Einheit führte, mit der Nationalbewegung in seinem Land, dem sogenannten „Risorgimento“, sympathisierte und sogar politische Ämter annahm, zur Zeit der Entstehung des „Nabucco“ konnte davon noch keine Rede sein. Verdi hat die Oper sogar der habsburgischen Prinzessin Adelheid, der Tochter des Vizekönigs von Mailand, gewidmet.
Inoffizielle zweite Nationalhymne
Dennoch ist der Chor so etwas wie die inoffizielle zweite Nationalhymne Italiens geworden, der bei Aufführungen in Italien auch wiederholt wird und den das Publikum dann auch mitsingt. Heute verwendet ihn zum Beispiel auch die Lega Nord bei ihren Parteitagen, und während der Corona-Pandemie sangen Menschen „Va, pensiero“ von den Balkonen oder aus ihren Fenstern, um Sanitäter, Ärzte und Krankenschwestern zu feiern.
Verdi aber wurden schon von seinen ersten Biografen zum Nationalkomponisten verklärt, auch wegen des „Nabucco“ und seines „Gefangenenchors“. Das ging so weit, dass Graffitis in Mailand mit seinem Namen eine geheime politische Botschaft transportierten: „Viva Verdi“ war da zu lesen, und es stand für „Viva Vittorio Emanuele Re d'Italia“ (Es lebe Viktor Emanuel, König von Italien).
In Mannheim wird Christian von Götz Verdis Oper in Szene setzen. Roberto Rizzi Brignoli, der italienische Generalmusikdirektor des Nationaltheaters, wird am Pult stehen und sicherlich für jene glühende Italianità sorgen, die Verdis Musik so einzigartig macht.
Termin
Premiere am Samstag, 25. April, 19 Uhr. Weitere Vorstellungen am 28. April; 7., 14., 20., 23. und 31. Mai; 14. Juni.