Mannheim
Valère Novarinas „Rede an die Tiere“ im Theater Felina-Areal
Der Regisseur Rainer Escher hat schon mit manch einer Entdeckung überrascht. Nachdem er sich lange rar gemacht hat, wartet er jetzt im Mannheimer Theater Felina Areal mit einem Knaller auf: mit Valère Novarinas „Rede an die Tiere“ .
Der heilige Franz von Assisi soll der Legende nach ja sogar Tieren gepredigt haben. Mein Gott, waren das noch Zeiten, als es Heilige gab und eine transzendentale Einheit, die die Kommunikation der Lebewesen untereinander ermöglichte. Diese Einheit ist zerbrochen, die Seinshierarchie, in der einem jeglichen sein Platz bestimmt war, aufgelöst. Der Mensch weiß nicht einmal mehr, wer oder was er selbst ist. Valère Novarinas „Rede an die Tiere“ bietet gleich mehrere Definitionen für ihn an: synthetische Affen, Skleroten, Dogmaten, ein falsches Tier. Das klingt eher nach Beschimpfungen als nach der „Krone der Schöpfung“, als welche sich der Mensch in aller Bescheidenheit ja einst selbst betrachtete.
Der Mensch als „Lochjäger“?
Eine andere Definition, die einen großen Teil des Stücks einnimmt und wie ein Leitmotiv immer wieder auftaucht, lautet rätselhaft genug: „Der Mensch ist ein ziemlicher Lochjäger.“ Eine andere Definition, die zwar nicht ausdrücklich genannt wird, aber das Stück trägt, stammt aus der griechischen Antike und lautet: Der Mensch ist das Lebewesen, das den Logos hat, wobei Logos meist mit Sprache übersetzt wird. Gemeint ist aber, dass seine Benennungen dem Wesen der Dinge entsprechen. Der alttestamentarische Schöpfungsbericht bringt diese Entsprechung in der adamitischen Namensgebung zum Ausdruck, wonach der Schöpfergott seinem Ebenbild die Tiere vorgestellt und Adam sie benannt hat. Auch diese Gewissheit einer harmonischen Entsprechung ist dahin, und Valère Novarinas Stück buchstabiert diese Verluste gnadenlos aus.
Wenn Sascha Koal am Anfang von Rainer Eschers Inszenierung, untergehakt bei Marie Eberhardt und Ronja Rückgauer, tapsig, mit tiefschwarzer Sonnenbrille wie der Vatermörder Ödipus die Bühne betritt, signalisiert das dem Zuschauer: Gleich folgt die Suchbewegung eines Blinden. Dessen Suada klingt über weite Strecken wie der Monolog eines Irren, als wär’s ein Stück aus der Fundgrube der Heidelberger Prinzhorn-Sammlung: „verwirrt und verwortlost“, wie es einmal heißt. Indem Rainer Escher den Text auf drei Personen verteilt hat, hat er nicht nur den Darstellern das Einstudieren erleichtert, sondern auch den Zuschauer vor einem Abfall seiner Konzentration und vor Unmut bewahrt. Da ist zum Beispiel die Rede von materielosen Physikern, Rednern ohne Münder, Antibuddhisten auf Händen und Fußgehern auf Rädern.
Der Mensch auf Identitäts- und Ich-Suche
Der Redner an die Tiere gibt sich selbst wechselnde Namen wie „Hans Tatenlos“ oder „Hans Hindurchgeher hinaus im Kommen“ und ist auf Identitäts- und Ich-Suche. Er ist der Mann ohne Eigenschaften, denn: „Ich bin der Mensch, dem rein gar nichts widerfahren ist“, mit der Einschränkung: „bloß zwischen den drei Kriegen“. Was sich wie Blasphemie anhört, resultiert eher aus Verzweiflung: „Ich bin der Sohn Gottes“, mit Anspielungen an den berühmten Anfang des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort.“ Es gibt Anrufungen Gottes, manchmal auch liturgieartigen Singsang. „Gott ist – aus Holz“ oder die Bitten: „Herr, vollende diese Welt zu schaffen, indem du sie verspeist“ und „Mach’ mich ganz aus Erde, ohne ein Subjekt“.
Die Suche des Menschen nach einer Seele ist die Hoffnung auf Unsterblichkeit. Nach und nach enträtselt sich auch, was mit dem „Lochjäger“ Mensch gemeint war: seine Todesverfallenheit und Ausgeliefertheit ans Nichts. Das karge, aus bloßen Rahmen bestehende Bühnenbild von Holger Endres visualisiert diese Leere. Rainer Escher hat nach Annie Ernoux wieder eine Entdeckung in Frankreich gemacht, wo „Rede an die Tiere“ Kultstatus genießt. Mit Sascha Koal, der sich in „Rede an die Tiere“ selbst übertrifft, und zwei jungen Schauspielerinnen ist er nach zwei Jahren zurück auf der Bühne. Am Ende seiner Inszenierung kommt dann auch noch der heilige Franziskus mit seiner Predigt an die Vögel zu Ehren.
Termine
Nächste Vorstellungen am Samstag, 5. Juli, um 19 Uhr, Sonntag, 6. Juli, um 18 Uhr sowie am Mittwoch, 16. Juli, und Freitag, 18. Juli, um 19 Uhr im Theater Felina Areal in der Holzbauerstraße 6 in Mannheim.