Mannheim Urgewalten in einem Wisch: Die Malerin Kathleen Knauer

Wochenlang bereitet Kathleen Knauer die Hintergründe für ihre Serien vor. Am Schluss setzt sie alles mit einem Farbschmiss aufs
Wochenlang bereitet Kathleen Knauer die Hintergründe für ihre Serien vor. Am Schluss setzt sie alles mit einem Farbschmiss aufs Spiel.
Eine Karibik-Reise inspirierte zu „Sargasso“ 2015, das wie eine Satelittenaufnahme anmutet. Links ein frühes Bild „Magnetic Stor
Eine Karibik-Reise inspirierte zu »Sargasso« 2015, das wie eine Satelittenaufnahme anmutet. Links ein frühes Bild »Magnetic Storm«.
„Fountain“ 2019 neben Hintergründen, die noch im Werden sind.
»Fountain« 2019 neben Hintergründen, die noch im Werden sind.

Mannheim ist rot. Zumindest in den Augen der Künstlerin Kathleen Knauer, die seit 2010 hier ihr Atelier hat. In ihrer informellen Malerei spürt sie den Farben einer Stadt, einer Landschaft nach und sammelt dafür Pigmente aus aller Welt. Selbst Moose und Flechten aus ihrer Heimat hat sie schon mit Bier herangefüttert, um eine Spur dieser Wirklichkeit einzufangen.

Durch einen Nebel aus Schiefergrau und ausgewaschenem Jeansblau schimmert ein lichtes Beige, darüber schäumt Weiß. „Ah, das ist Paris“, erkannte ein versierter Kunstkenner sofort, als er Kathleen Knauer im Atelier in der Mannheimer Neckarstadt besuchte und ihre Bilderserie über Pont Neuf und Place de Clichy entdeckte. Ihre abstrakten Arbeiten sind meistens inspiriert von einem konkreten Ort, den sie besucht hat, von der Stimmung, die sie in ihrer Erinnerung bewahrt, ob New York, Barbados oder Usedom. Etwas Sand, Steine, abgestorbene Pflanzenteile, den Fruchtbommel einer Platane nimmt sie als Fundstücke mit nach Hause. „Die Struktur und das Material faszinieren mich“, sagt sie. „Dadurch kann ich mich an die Farben erinnern und die zermahlenen Steine als Pigment verwenden. Mit Pigmenten findet man viel mehr Nuancen als mit fertiger Acrylfarbe.“ An der Freien Kunstakademie das Fach Materialkunde lehrend hat sie sich intensiv damit beschäftigt, bis hin zu den Leinwänden, die sie selbst baut und mit Kaninchenleim strafft.

Farne in der Nasszelle

Im Regal stapeln sich neben Marmeladengläsern voll feinstem Erdstaub auch bunte Dosen in allen Schattierungen mit hochwertigen gekauften Pigmenten – vom roten isländischen Vulkan Snaefellsjoekull bis zum karibischen Kobalt-Grünblauoxid. Und wenn sie abends das Licht ausschaltet, schimmert ein Döschen darin weiter: ein phosphoreszierendes Pigment, das sie für ein Triptychon in der Ausstellung „Ausgebadet“ im Alten Volksbad verwendet hat. In ihrer Begeisterung, mit Materialien zu experimentieren, bevölkerte sie die Nasszellen dort mit Lianen, Farnen und Bildern, deren Farbstrukturen von Moosen und Flechten geschaffen wurden, liebevoll genährt mit Bier und Buttermilch. Das Werk hat besondere Fans gefunden: eine kleine Schnecke, die sich darunter einrollte.

Der „gesteuerte Zufall“

Meist wählt die 39-Jährige für ein Thema nur fünf Farben aus, gerne „Urfarben“, wie sie von unseren Vorfahren in der Steinzeit verwendet wurden und es kann sein, dass dabei eine Spur roter Erde aus Marokko auf französischen Ocker trifft, ganz in echt. In den neblig fein vermalten Hintergründen verstecken sich immer Landschaften, die nur in ihrer Stimmung aufschimmern. Über Wochen arbeitet sie für ihre Serie an mehreren großformatigen Leinwänden gleichzeitig, trägt weitere durchscheinende Schichten auf, feilt an den Lasuren und Übergängen. Doch zum Schluss muss sie alles riskieren: Mit einem satten Farbschmiss übers Bild vollendet sie es jetzt – oder hat es zerstört.

Für diesen Moment muss Kathleen Knauer auf sich konzentriert sein. „Die Anspannung steigt und wenn sie am höchsten ist, muss ich loslassen. Das hat viel mit Vertrauen in mich und in meine Arbeit zu tun. Auch in meinem Leben musste ich neu anfangen und bereit sein loszulassen.“

Natürlich übt sie für diesen „gesteuerten Zufall“ die Wurftechnik, plant, wie der Splash aussehen soll und bestimmt die Richtung. Mit einem entschlossenen pastosen Wisch schreibt sie ihre Bewegungen ins Bild ein, fast so gestisch wie der Informel-Meister K.O. Götz, gezielter als Jackson Pollock, obwohl die konfettibunten Spritzer auf den Wänden, Stühlen und Tischen im Atelier ein Action Painting suggerieren. Doch die Künstlerin liebt auch die kraftvollen Flächen eines Mark Rothko und besonders das von William Turner eingefangene Licht an den Küsten.

Mit dem Tod konfrontiert

Mit ihrem Schmiss wirft sie nicht nur eine kontrastierende Farbe auf die Leinwand, sondern erzeugt auch eine räumliche Tiefe, etwas Sphärisches. „Das Universum, die Erde und die Naturgewalten faszinieren mich“, erzählt Knauer. „Mich beschäftigt die Frage, was vor uns war und was nach uns kommt.“ Vielleicht weil sie in dem Beruf, den sie ursprünglich gelernt hat, viel mit dem Tod konfrontiert war: Als Radiologie-Assistentin in der Krebsforschung hat man auch mit einer Innenschau zu tun, produziert täglich geradezu abstrakte Bilder, die aber existenziell entscheidend sein können.

Aufgewachsen in einer Handwerker-Familie in einem thüringischen Dorf musste sie ihren Wunsch, kreativ zu arbeiten, zurückstellen, weil ihr Vater auf einen „ordentlichen Beruf“ drängte. Durch ein Stellenangebot am Krebsforschungszentrum verschlug es sie nach Heidelberg. Durch eine Ausstellung inspiriert, besann sie sich auf ihre künstlerische Ader besann und begann mit 25 Jahren ein Vollstudium an der Freien Akademie der Künste in Mannheim, während sie halbtags weiter arbeitete. „Das war ein riesiger Umbruch, nicht nur wegen finanzieller Existenzängste, sondern ich hab' mich auch persönlich verändert, weil mir Äußerlichkeiten weniger wichtig wurden.“ Die ersten Anzeichen einer Geste hatte Gastdozentin Brigitte Stahl bei ihr entdeckt, was sie mit ihrem Mentor Michael Witlatschil perfektionierte.

Zurück zur Klarheit

Inzwischen hat die Stadt Mannheim sie für eine vierjährige Atelierförderung ausgewählt, und ihre Werke werden von den Galerien Bode in Karlsruhe und Kunstprojekte in Mannheim vertreten. In der Corona-Zeit reifte der Wunsch, künftig eigene Kunstkurse anzubieten. Und sie will die Schüttungen, die nach ihrem Gefühl überhand genommen haben, wieder reduzieren. „Ich sehe meinen ursprünglichen Knauer nicht mehr. Ich will zurück zur Klarheit“, sagt die Künstlerin. In dieser Spirale aus Experimentieren und Hinterfragen entwickele man sich weiter. „Wie der Maler Gerhard Richter es beschrieben hat: Man trifft eine Entscheidung und weiß nicht, ob sie richtig oder falsch ist“, sagt Knauer. „An jedem Punkt ist der Zweifel, aber er bringt einen immer weiter.“

Im Netz

http://www.kathleen-knauer.de/

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